ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2013Gutachter: Falsche Adresse
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Ja, die Regeln, Vorschriften und Gesetze – wie schön wäre ein Leben ohne das „Über-Ich“. Leider scheint ein solch regelloser Zustand im Zusammenleben menschlicher Gruppen nicht vorgesehen zu sein. (. . .)

Zu welchem Regelwerk die Psychotherapie-Richtlinien gehören, ist nicht so leicht auszumachen. Immerhin haben sie mit ihrer Lebensdauer von circa 50 Jahren doch eine gewisse Zähigkeit und mit den zum Beispiel durch die deutsche Wiedervereinigung oder die Einführung des Gesetzes für die Psychologischen Psychotherapeuten verbundenen Veränderungen eine Art Belastungsprobe bestanden und ihre Flexibilität und Praxistauglichkeit bewiesen. Ihre Einführung war von Anfang an unter den Therapeuten umstritten. Manche sahen darin einen großen Fortschritt und eine Absicherung eines „ganz und gar unmöglichen Berufes“, anderen erschien es als „Unterwerfung“ und Aufgabe von therapeutischen Freiheiten. Allerdings gingen der Einführung umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen voraus, die auch für den Kostenträger in überzeugender Weise die Wirksamkeit der analytischen Psychotherapien belegten.

Die Auseinandersetzung um dieses, unser Regelwerk ist seither nie verstummt, das kann auch gar nicht anders sein, und das ist auch gut so. Aber wie es nicht selten so ist, geht es bei der Auseinandersetzung um die Richtlinien häufig gar nicht nur um die damit verbundenen „Bestimmungen“ und somit „Freiheitsbeschränkungen“, sondern es geht um Interessenvertretung und Politik. Mit einem so schwer bestimmbaren Gegenstand wie der Psychotherapie ist untrennbar ein „narzisstisches Dilemma“ verbunden, weil wir gerne die sichere gesellschaftliche Anerkennung und den Stellenwert wie – nur als Beispiel – die „Chirurgie“ haben möchten. Dies ist menschlich verständlich, nur über Regeln und Gesetze nicht zu erreichen. Die Veränderung oder Abschaffung von Gesetzen steht am Ende eines langen Arbeits- und Diskussionsprozesses mit einer neuen Konsensfindung (und dann wieder unzufriedenen Minderheiten) und nicht am Anfang. Ständig wird von den verschiedensten Interessenverbänden versucht, an den Psychotherapie-Richtlinien „herumzuschrauben“, mal sind es die Kontingente, mal die Indikationsstellungen, mal die „Reinheit der Lehre“, immer auch das Geld. Diese Art von „kurzatmiger Politik“ mag „modern“ sein, sie führt aber zu nichts anderem als einer zunehmenden Kurzlebigkeit und Unverbindlichkeit von „Spielregeln“.

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Deshalb scheint mir Herr Moser mit den Richtlinien und „ihren Gralshütern“ die falsche Adresse gewählt zu haben. Wenn es „bewährte“ psychotherapeutische Vorgehensweisen gibt, dann sollte es im Bereich der „Wissenschaften“ nicht im Belieben einzelner, wenn auch hocherfahrener Therapeuten stehen, wie sie – natürlich immer im Interesse ihrer Patienten – vorgehen und die Therapie gestalten. Wenn sie den Anspruch auf gesellschaftliche Anerkennung (und Vergütung) nicht verlieren möchten, dann gilt wohl auch für erfahrene Ärzte und Therapeuten die Notwendigkeit, die „subjektive Evidenz“ ihrer Vorgehensweise zu operationalisieren und zu objektivieren – als Voraussetzung für einen wissenschaftlichen Diskurs. Wenn es in unserem psychotherapeutischen Bereich an etwas mangelt, dann an guten, mit klaren Fragestellungen verbundenen und nicht von (meist leicht durchschaubaren) Interessen kontaminierten wissenschaftlichen Studien. So fehlt es zum Beispiel an Studien, die die von Moser angesprochenen Vorteile von „Kombinationsbehandlungen“ auch nur annähernd belegen, und dies nicht an Stichprobengrößen von n = 15 unter zumeist nicht naturalistischen Bedingungen. Gefragt ist also nicht die „Unterwerfung“ unter ein ungeliebtes Regelwerk, sondern die „Unterwerfung“ unter die langwierigen und schwierigen wissenschaftlichen Vorarbeiten, an denen dann am Ende auch eine konsensfähige Veränderung der Regeln stehen mag. Wer diesen Weg nicht zu gehen bereit ist, wird es jedenfalls schwer haben, „die Psychotherapie“ als ernst zu nehmendes und zumindest wissenschaftlich fundiertes Gebiet zu erhalten.

Prof. Dr. med. Klaus Lieberz, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Nervenarzt, Psychoanalyse, KBV-Gutachter und Obergutachter für die Richtlinien-Psychotherapie, 68163 Mannheim

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