ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2013Gutachter: Kaste von Psychobaronen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Bravo. Tilmann Moser spricht mir hier aus der Seele. Nur seine wiederholte Verbeugung vor den „kompetentesten und erfahrensten Vertretern unseres Faches“, vor den „hervorragend psychoanalytisch ausgebildeten Fachleuten“, also vor den sogenannten Gutachtern und Obergutachtern im Psychotherapieantragsverfahren, teile ich nicht, denn sie sind ebenso wenig Gutachter oder Obergutachter, wie die DDR demokratisch war. Sie erstellen keine Gutachten im Psychotherapieantragsverfahren, sondern sogenannte Stellungnahmen, drei bis zehn Zeilen lang, und erzielen damit nach eigenen Angaben bis zu 80 Prozent ihres Jahreseinkommens. Diese „Gutachter und Obergutachter“ sind für die Psychotherapieantragsteller einfache Aufseher, Kontrolleure, Kommissare. Tilmann Moser spricht von ihnen wie von einer Elite unter Psychotherapeuten, als ob es besonders befähigte Kader wären, eine Art von Politkommissare der Psychotherapie, beziehungsweise Adlige eines feudalen Systems, einer Psychoaristokratie. Tatsächlich hat sich im Bereich der kassenärztlichen Versorgung eine Kaste von Psychobaronen etabliert, die Macht ausüben, indem sie über Gedeih und Verderb eines Psychotherapieantrages entscheiden. Diese Entscheidungen haben zum Teil keine fachlichen Gründe, diese dienen dann lediglich einer Verteidigung bestimmter Psychoideologie oder dem Ausagieren persönlicher psychischer Probleme, oft dem eigenen Narzissmus . . .

Die Annahme, dass approbierte Psychotherapeuten allein nicht ausreichend für die Qualität ihrer Psychotherapien sorgen können, ist falsch. Der „gutachterliche“ Kontrollzwang ist zwanghaft, paranoid und ungerecht und verhindert eine weitere Entwicklung der Psychotherapie und der Psychoanalyse.

Julian S. Bielicki, Psychologischer Psychotherapeut, 60596 Frankfurt am Main

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.