ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2013Gutachter: Es lebe der Gutachter
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In dem Gutachterverfahren, das von vielen Seiten heftig kritisiert wurde, sehe ich ein sehr brauchbares Mittel der Qualitätssicherung. Es beinhaltet, dass man einen Bericht erarbeitet, in dem man sein vielfältiges Wissen über den Patienten in einem Zusammenhang darstellt und durchdenkt. Damit entsteht eine Art Landkarte für den individuellen Fall, die es ermöglicht, auch zwischen anscheinend fernliegenden Punkten Verbindungen zu erkennen.

Diesen Bericht hat man dauerhaft für den Verlauf der Therapie zur Verfügung – der Rückgriff auf ihn ist später oft ein gutes Mittel, „vergessene“ Motive oder Objektbeziehungen wieder in die eingespielte Therapie hineinzuholen.

Dies kann durch Intervision und Supervision nicht ersetzt werden. Deren Stärke ist es, sehr konkret am aktuellen therapeutischen Prozess anzusetzen. (. . .)

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Als Supervisor in der Therapieausbildung (an der Berliner Akademie für Psychotherapie) mache ich immer wieder die Erfahrung, dass der Rückgriff auf den Erstbericht ermöglicht, den Prozess aus einer Sackgasse herauszuführen: Zum Beispiel erinnert man sich an die anfängliche Beschreibung einer sexuellen Problematik, die nun seit vielen Stunden beschwiegen wurde. . . oder an ein Geschwisterkind, das in scharfer Konkurrenz stand. . .

So positiv ich das Berichteschreiben finde – ich bringe es nicht fertig, für meine Lehrtherapien ebenfalls „richtige“ Berichte anzufertigen. Warum eigentlich nicht? Bei der Selbstanalyse fällt mir natürlich zunächst ein: Es fehlt dazu der Druck, niemand erwartet das von mir. Und bezahlt wird es auch nicht. Aber dann wird mir noch etwas klar, was vielleicht am wichtigsten ist: Niemand wird das lesen! Es gibt keinen imaginären Adressaten, der etwas davon versteht und der schon allein dadurch eine Motivation fürs Schreiben und eine Triangulation im Verstehen anstößt.

Es lebe also der Gutachter – ganz besonders dann, wenn er ausnahmsweise einmal einen Hinweis formuliert oder einen Kommentar, der über die nichtssagenden Textbausteine hinausgeht.

Christian Will, Psychologischer Psychotherapeut, Berlin

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