ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2013Halluzinationen: Eine Anthologie aus Fallgeschichten

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Halluzinationen: Eine Anthologie aus Fallgeschichten

PP 12, Ausgabe September 2013, Seite 429

Koch, Joachim

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Der wohl bekannteste Neurologe hat ein neues Buch mit Fallgeschichten vorgelegt. Oliver Sacks hat eine große Gabe, Personen in ihren Krankengeschichten sehr plastisch und menschlich zu schildern und auch Umfeldbedingungen auszuleuchten. In seine Bücher hat er auch immer wieder Aspekte eigener Krankengeschichten sowie eigene Erfahrungen mit Symptomen einfließen lassen, was besonders interessant war, aber auch immer das Mitgefühl seiner geneigten Leserschaft herausgefordert hat. Im letzten Buch beschrieb er seine eigenen alltagsrelevanten Einschränkungen nach einer Tumoroperation.

Sacks schildert, wie er im Alltag unter den Folgen eines (peripheren) Neglects leidet. Er berichtet von Halluzinationen nach einem Sturz über eine Bücherkiste in seiner Praxis, bei dem er sich eine Hüfte gebrochen hat. Seine allerdings recht ausgeprägten Versuche mit Cannabis, Mescalin und LSD sind schon lange her und anscheinend gut überstanden.

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Von Oliver Sacks konnte man immer schon was für das Leben lernen, so bei seinem Tumor hinter dem Auge, dessen Frühzeichen der Experte geflissentlich ignorierte, bis es fast zu spät war. Oder seine dramatischen Erfahrungen nach einem Unfall beim Wandern, von denen er in dem Buch „A leg to stand on“ berichtet, die uns lehren, in alpinen Gebieten nie allein auf Tour zu gehen.

Dieses Buch versteht er als eine Art Naturgeschichte oder Anthologie der Halluzinationen, die er aus den Fallgeschichten seiner Patienten entwickelt. Beim Charles-Bonnet-Syndrom kommt es zu Halluzinationen, die auf das Sehen beschränkt bleiben. Ursache sind Augenkrankheiten oder Schädigungen, die höher im Sehsystem angesiedelt sind. Es werden Halluzinationen nach Wahrnehmungsentzug beschrieben, das Auftreten von Phantomgerüchen nach Einbüßen des Geruchssinns, musikalische Halluzinationen und (nichtschizophrenes) Stimmenhören. Sacks beschäftigt sich mit Halluzinationen bei Parkinson, Migräne sowie Epilepsie und nach der Einnahme von Halluzinogenen. Die häufigste Ursache für Halluzinationen, die durch Delirien hervorgerufen werden, sind Fieberschübe. Es werden Erscheinungen an der Schwelle des Schlafs, Halluzinationen bei psychiatrischen Erkrankungen wie der PTBS, außerkörperliche Erfahrungen mit dem halluzinierten Ich als Doppelgänger sowie Phantomglieder behandelt.

So kommt ein bisschen Wehmut auf, wenn der Autor, der in diesem Jahr 80 Jahre alt wurde, sich in diesem Buch häufiger auf frühere Fallgeschichten bezieht und damit den Weg zu einem Rückblick auf sein Lebenswerk weist. Joachim Koch

Oliver Sacks: Drachen, Doppelgänger und Dämonen. Über Menschen mit Halluzinationen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2013, 352 Seiten, gebunden, 22,95 Euro

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