ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2013Karriereplanung: Das Humanvermögen effizient einsetzen

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Karriereplanung: Das Humanvermögen effizient einsetzen

Dtsch Arztebl 2013; 110(37): A-1703 / B-1507 / C-1483

Treib, Johannes; Wössner, Ralph; Spremann, Klaus

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Das Wissen, wie im Finanzbereich Investitionsentscheidungen zu treffen sind und welche Fehler oft begangen werden, kann eine Hilfe bei der Entscheidung über den ärztlichen Berufsweg sein.

Bei gutem Examen stehen jungen Ärztinnen und Ärzten heute viele berufliche Möglichkeiten offen. Sie fühlen sich bei der Entscheidung aber oft überfordert, zumal die Wahl von Fachrichtung und Klinik die Laufbahn langfristig bestimmt. Es gibt nur wenige Orientierungshilfen. Hier kann man eine Parallele zur finanziellen Investitionsentscheidung ziehen: Die Ärzte verfügen über Humanvermögen und können es mit mehr oder minder hohem Risiko und entsprechender Rentabilität einsetzen.

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Zweifellos wird die Laufbahn stets durch Glück und Pech überlagert. Doch das ist kein Argument, auf Planung zu verzichten. Die Karriere weist viele Gemeinsamkeiten mit einer Investition auf. Wie bei finanziellen Investitionen müssen bei der Karriere Einsatz, Risiken und die zu erwartenden Ergebnisse abgewogen werden. Dabei ist das Humanvermögen der Jungärzteschaft nicht gering. Im Sinne der Summe der auf heute bezogenen Lebenseinkünfte dürfte es die Millionengrenze überschreiten. Der Einsatz von Zeit und Engagement für die bevorstehenden Arbeitsjahre ist zudem eine irreversible Investition.

Vor einem langfristigen und wenig reversiblen Investment stehen Fragen nach dem Einsatz und nach dem Risiko. Bekanntlich können höhere Renditen nur erwartet werden, wenn Risiken übernommen werden. Bei hoher Risikoscheue kommt für die Ärztin oder den Arzt eine beamtete Tätigkeit im Gesundheitswesen oder eine Tätigkeit in einem öffentlichen Krankenhaus infrage. Wer bereit ist, berufliche Risiken einzugehen, kann Selbstständigkeit oder eine wissenschaftliche Karriere anstreben.

Bei der Wahl des Karriererisikos ist die Risikotoleranz ein erstes Argument. Doch es gibt noch ein zweites: Die Situation des Investors muss es erlauben, die Risiken auch tragen zu können. Ein alleinstehender junger Arzt hat weniger laufende Verpflichtungen hinsichtlich des Lebensunterhalts als eine alleinstehende Ärztin mit Kindern. Unbezahlte Überstunden, eine riskante Anlage sind nur in jüngeren Lebensjahren möglich.

Schließlich lehrt die Finanzwelt, dass Risiken zu vermeiden sind, wenn mit ihnen keine entsprechend höheren Ergebnisse zu erwarten sind. Immerhin gibt es viele Arten von Unwägbarkeiten, und nicht alle Unsicherheiten sind mit Renditeerwartungen verbunden. Es gibt Risiken, die sich leicht vermeiden
lassen und die daher in einer marktähnlichen Umgebung nicht mit
einer Prämie verbunden sind. In der Finanzwelt ist es unnötig, Risiken zu tragen, die diversifiziert werden könnten. Ähnlich muss bei der Karriere gefragt werden, ob eine riskante Laufbahn vielleicht nicht mit einer Kompensation für die Risiken verbunden ist. Dieser Punkt wird oft übersehen. Die junge Ärztin oder der junge Arzt darf nicht einfach etwas Unsicheres beginnen, nur um später leidvoll zu erkennen, dass die Unsicherheit nicht honoriert wurde. Beispielsweise werden Nachteile aus mangelndem Kenntnisstand nirgendwo kompensiert.

Wer sich für eine wissenschaftliche Laufbahn entscheidet, macht oft Fehler, die auch bei finanziellen Investitionen vorkommen:

  • Scheuklappen. Um die Zukunft zu schätzen, wird die vergangene Entwicklung fortgeschrieben. Dabei werden Einflüsse aus dem Umfeld ausgeklammert und sind später vielfach Gründe dafür, dass alles anders verläuft. Wer als Ärztin oder Arzt die Fachrichtung nur danach ausrichtet, was in den letzten fünf Jahren besonders erfolgreich war, wird später oft enttäuscht.
  • Missachtung statistischer Wahrscheinlichkeiten. In der Finanzwelt verwechseln Investoren immer wieder ihre Wunschvorstellung mit statistisch ermittelten Wahrscheinlichkeiten. Ebenso neigen viele junge Menschen bei der Karriere dazu, sich an erfolgreichen Vorbildern zu orientieren. Viele Medizinstudierende sehen die Position eines Lehrstuhlinhabers als Karriereziel. Dies auch dann, wenn die persönlichen Voraussetzungen nicht gegeben sein sollten. In der Behavioral Finance ist die Selbstüberschätzung als der häufigste Fehler identifiziert. Die Statistik zeigt, wie viele Wege zu einer Professur scheitern. Ähnliches gilt für die Habilitation. Viele junge Leute wissen nicht einmal, dass der Titel Privatdozent oder eine außerplanmäßige Professur fast ausnahmslos rein ehrenamtlich und mit einer unvergüteten Lehrverpflichtung verbunden ist.
  • Doktorarbeit. Finanzinvestoren sehen bei ihren Einsätzen oftmals immaterielle Werte, doch diese konkretisieren sich am Ende nicht in klingender Münze. Ähnlich sollten sich Berufsanfänger fragen, welche Früchte ihres Einsatzes „Image“ sind und welche „Honorar“. Doktorierende sollten dies bei der Auswahl der Themen für die Arbeit fragen. Es gibt hochangesehene Themen, die sehr arbeitsintensiv sind – aber später im klinischen Alltag wenig hilfreich.
  • Falscher Indikator. Oft wird der Indikator nicht gut gewählt, der auf den späteren Erfolg der Investition hinweisen sollte. Bei der Karriere können der akademische Titel oder die Arbeitsperformance als Indikator herangezogen werden. In der früher vorherrschenden „eminenzbasierten“ Medizin wurden akademische Titel, Publikationen, häufige Klinikwechsel und Auslandsaufenthalte als positive Indikatoren angesehen, und aufgrund dieser Indikatoren wurden Entscheidungen über Beförderungen getroffen. Heute steht die „evidenzbasierte“ Medizin im Vordergrund, also ein Ausweis von Performance, der sich in Kennzahlen zeigt und auch in Zusatzbezeichnungen für gewisse Funktionen, die wegen der Abrechnung im DRG-System wichtig geworden sind.

Leider ist eine weitere Parallele zwischen Finanz- und Berufswelt zu ziehen. Die Finanzwelt erlebt immer wieder Krisen, die vieles zunichtemachen. Oft gehen der Krise Kurse von Wertpapieren voran, die fundamental nicht auf Dauer haltbar sind. So entstehen Preisblasen, die irgendwann platzen. Auch bei den Berufen kommt es immer wieder zu Phasen mit Überschätzung, die irgendwann in einer drastischen Korrektur enden. Bei den ärztlichen Berufen ist es möglich, dass der heutige Zustand nicht dauerhaft ist. Niemand, der heute den Berufsweg als Arzt plant, sollte die augenblicklich hohe Bewertung der Ärzte als Dauerzustand ansehen.

Je nach Fähigkeiten, Belastbarkeit, Risikobereitschaft und Neigung gibt es vereinfacht vier Modelle der Karriereplanung:

  • Facharzt. Wer über eine normale Leistungsbereitschaft, normale Fähigkeiten und normale Risikotragfähigkeit verfügt, sollte eine Anstellung in einer wirtschaftlich stabilen Klinik mit 40-Stunden-Woche anstreben. Dies ermöglicht eine hohe Lebensqualität.
  • Oberarzt. Bei höherer Leistungsbereitschaft sollte eine Anstellung in einem Krankenhaus hoher Versorgungsstufe angestrebt werden, das die Bezahlung von Überstunden bietet. Dies verspricht eine höhere Erfahrungsbildung und so bessere Karrierechancen. Eine Oberarztposition ist möglich.
  • Leitender Arzt. Wer bereit ist, für Karrierechancen höhere Risiken einzugehen, kann bei hoher Leistungsbereitschaft, Fähigkeit und Risikotragfähigkeit zusätzlich patientenorientiert wissenschaftlich tätig sein. Sie oder er sollte eine Anstellung an einer Universitätsklinik oder einem universitären Lehrkrankenhaus der Maximalversorgung anstreben. Das persönliche, risikoreiche Investment in Form unbezahlter Überstunden sollte sich auf den Zeitraum beschränken, bis zu dem das Karriereziel erreicht ist.
  • Grundlagenforschung. Eine Karriere in der Grundlagenforschung sollte angestrebt werden, sofern überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft, Risikobereitschaft und auch Risikotragfähigkeit bestehen. Das hohe Risiko ergibt sich auch aus dem Sachverhalt, dass die so erlangten Fähigkeiten, Publikationen und das Ansehen im normalen Alltag der Patientenversorgung nur geringen Nutzen haben.

Prof. Dr. Johannes Treib, Dr. Ralph Wössner, Chefarzt und Oberarzt, Klinik für Neurologie, Westpfalz-Klinikum, Kaiserslautern

Prof. Dr. Dr. h. c. Klaus Spremann, Professor emeritus, Schweizerisches Institut für Banken und Finanzen, Universität St. Gallen

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