ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2013Notarzt und Hausarzt: Zwei Welten, eine Aufgabe

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Notarzt und Hausarzt: Zwei Welten, eine Aufgabe

Dtsch Arztebl 2013; 110(37): A-1677 / B-1483 / C-1457

Adams, Hans Anton

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Prof. Dr. med. Hans Anton Adams, Notfall- und Katastrophenmedizin, MH-Hannover
Prof. Dr. med. Hans Anton Adams, Notfall- und Katastrophenmedizin, MH-Hannover

Jeder Notarzt weiß ein Lied von der Zusammenarbeit mit niedergelassenen Kollegen zu singen, und diesen geht es sicher nicht anders. Eine Randnotiz im Deutschen Ärzteblatt (Heft 29–30/2013) gibt Veranlassung, zu einigen Aspekten des Miteinanders Stellung zu nehmen.

Notärzte fahren oder fliegen nicht umher, um sich Arbeit zu suchen. Ihr Einsatz erfolgt auf der Grundlage eines Hilfeersuchens, das in einer Rettungsleitstelle angenommen und bearbeitet wird. Landauf, landab gelten stringente Vorgaben, für die der Indikationskatalog der Bundes­ärzte­kammer die Vorlage bildet. Bei einem so indizierten Notarzteinsatz erfolgt die Anfahrt grundsätzlich mit Wegerecht und Sonderrechten. Da etwa 99 Prozent der Notarzteinsätze im Rendezvoussystem mit Notarzt-Einsatzfahrzeug und Rettungswagen erfolgen, bedingt dies, dass der Rettungsdienst mit vier Personen „aufschlägt“ – und manchmal kommt ein Praktikant dazu. Wer hier Geldverschwendung vermutet, darf sich trösten: Der Anteil der Notfallrettung an den Gesundheitsausgaben liegt unter zwei Prozent – damit wird der individuelle Notfall bis an die Katastrophenschwelle eher günstig versorgt.

Anzeige

Was erhofft sich der Notarzt vom niedergelassenen Kollegen, der ihn in einer allgemeinen Notfallsituation anfordert? Vor allem die persönliche Übergabe; sie ist nicht hoch genug zu schätzen und wird oft schmerzlich vermisst – bis hin zu dem Satz: „Als wenn wir sonst nichts zu tun hätten“. So sehr der Notarzt der Spezialist für den aktuellsten Stand der Notfallmedizin sein soll, so sehr soll der Hausarzt mit dem Patienten vertraut und sein Anwalt im besten Sinn des Wortes sein. Es ist weiter zu erwarten, dass notwendige Erstmaßnahmen nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft erfolgen und dokumentiert sind. Auch eine Klinikanmeldung – etwa in der vorbehandelnden Klinik – kann nützlich sein. Was darf der niedergelassene Kollege im Gegenzug vom Notarzt erwarten? Vor allem ein kollegiales Verhalten – nicht das anekdotische „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ mancher „Luftretter“ oder analoges Benehmen mancher „Bodenretter“ – insgesamt eine Grundhaltung, die dem Gegenüber ein Handeln zum Wohl des Patienten zubilligt. Dann dürfte die unverzügliche Übergabe des Notfallpatienten kein Problem sein, der mit der Übergabe in die ungeteilte Verantwortung des Notarztes gelangt.

Auch außerhalb vital bedrohlicher Situationen gibt es Schnittstellen. Häufig kann der Notarzt nur noch den Tod des Patienten feststellen, und es stellt sich die Frage, wer die Todesbescheinigung ausstellt. Hier soll der Notarzt zunächst versuchen, Kontakt mit dem Hausarzt aufzunehmen, der den Verstorbenen ja oft jahrelang gekannt hat. Die Einigung, wer nun die definitive Todesbescheinigung ausstellt, ist dann ein Leichtes. Der Notarzt ist aber auf jeden Fall in der Pflicht, noch getroffene Maßnahmen zu dokumentieren und ein Protokoll zu hinterlassen. Bei entsprechenden Begleitumständen ist er darüber hinaus gehalten, die Polizei einzuschalten.

Ein ärztlich anspruchsvolles Feld ist die Zusammenarbeit beim Umgang mit Sterbenden – hier vor allem bei Patienten, die sich in einem Alten- oder Pflegeheim befinden. Häufig wird der Rettungsdienst gleichsam wider besseres Wissen alarmiert – vor allem aus der Furcht, etwas zu unterlassen. Da es weder ethisch noch – es muss gesagt werden – gesundheitsökonomisch vertretbar ist, jeden Sterbenden intubiert und beatmet auf eine Intensivstation zu verbringen, ist die kollegiale Zusammenarbeit unter Beachtung des Patientenwillens und unter Einbindung der Angehörigen, des Pflegepersonals der Einrichtung sowie des Rettungspersonals vor Ort unverzichtbar. Im besten Fall kann der Notarzt nach Rücksprache mit dem niedergelassenen Kollegen eine palliative Therapie einleiten, und der niedergelassene Kollege übernimmt die weitere Versorgung des Patienten. Dem Autor sind zahlreiche positive, aber auch eklatant negative Beispiele der Zusammenarbeit bekannt, die hier nicht näher beschrieben werden sollen und nicht in die Zukunft weisen. Was wäre noch zu betonen oder zu verbessern?

  • Besonders hoch zu achten sind niedergelassene Kollegen, die sich nach oft jahrelanger Tätigkeit in der Praxis zu einem Notarztkurs oder einem Refresherkurs Notfallmedizin anmelden. Sie scheuen sich nicht, zusammen mit den jüngsten Kollegen noch einmal „die Schulbank zu drücken“.
  • Viele Kollegen stellen sich für den organisierten Einsatz im Großschadens- und Katastrophenfall zur Verfügung. So verfügt die „Ärztliche Unterstützungsgruppe“ der Feuerwehr Hannover schon seit Jahren über etwa 50 meist niedergelassene Kolleginnen und Kollegen, die zu regelmäßigen Fortbildungen eingeladen werden und über einen Telefonserver alarmiert werden können.
  • Ein eher politisches Ziel ist die Zusammenführung der Disposition des vertragsärztlichen Bereitschaftsdienstes mit dem Rettungs- und damit auch dem Notarztdienst – hier wäre bei gutem Willen eine deutliche Optimierung möglich.

So sehr die niedergelassene Kollegenschaft und die Notärzte in zwei Welten leben, so sehr dienen sie doch demselben Ziel: dem Wohl des Patienten. Der Rest ist Beiwerk, an dem es zu arbeiten gilt. Ein kleiner Trost zum Schluss: Auch die Zusammenarbeit der Klinikärzte mit den Notärzten ist nicht immer reibungslos.

Prof. Dr. med. Hans Anton Adams, Notfall- und Katastrophenmedizin, MH-Hannover

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige