ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2013Umgang mit Fehlern: Eine Lernkultur entwickeln

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Umgang mit Fehlern: Eine Lernkultur entwickeln

Dtsch Arztebl 2013; 110(37): [2]

Kutscher, Patric P.

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Sieben Tipps, wie der Arzt zu einem konstruktiven Fehlermanagement gelangt

Foto: Fotolia/vege
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Ärztinnen und Ärzten wird zuweilen unterstellt, sie könnten keine Fehler eingestehen – weder sich selbst noch anderen gegenüber. Wichtig ist darum die Arbeit an der persönlichen Einstellung zu Fehlern und die Entwicklung einer Lernkultur.

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Tipp 1

Fehler weisen auf einen Lernbedarf und auf die Chance hin, sich weiterzuentwickeln

Ein Fehler ist stets der Ausgangspunkt für Verbesserungen und Veränderungen. Prof. Dr. med. Bernhard Brehm, Chefarzt Innere Medizin, Marienhof Koblenz, betont: „Der Arzt sollte den Fehler als etwas Menschliches betrachten, das in der Natur der Tätigkeit liegt. Diese Tatsache ist dann als Grundlage für einen Verbesserungsprozess anzusehen.“ Das heißt: Die Praxis oder die Klinik benötigt eine Lernkultur, in der Fehler als Chance angesehen werden, Lernprozesse in Gang zu setzen.

Das folgende Motto dient als Leitmotiv: „Meinen Mitarbeitern, Kollegen und mir sollen keine Fehler unterlaufen, aber wir dürfen Fehler machen und offen zugeben – solange wir daraus die Konsequenz ziehen, dass wir aus dem Fehler lernen müssen.“

Tipp 2

Fehler sind sinnvoll

Fehler machen uns stark, sie eröffnen neue Perspektiven und lassen ungenutzte Kraftquellen sprudeln. Sie führen dazu, Krisen besser zu überstehen und lassen uns menschlicher erscheinen. Wer Fehler macht, sammelt zuweilen sogar Sympathiepunkte ein.

Das bedeutet nun nicht, dass ein Fehler unbedingt wiederholt werden soll – im Gegenteil. Aber Fehler haben auch ihre unbestreitbar positiven Aspekte.

Tipp 3

Überprüfen Sie den bisherigen Umgang mit Fehlern

Eine Lernkultur basiert darauf, dass beim Auftreten von Fehlern nie die Suche nach den Schuldigen im Vordergrund steht, sondern die Fehleranalyse, die zu den wahren Problemursachen führt. Oft ist aber genau dies der traditionelle Umgang mit Fehlern: Es wird nach einem Schuldigen gefahndet.

In einem Teammeeting können Sie den bisherigen Umgang mit Fehlern diskutieren. Räumen Sie Ihren Mitarbeitern dabei das Recht ein, Situationen zu schildern, in denen auch Sie aus Mitarbeitersicht nicht angemessen mit einem Fehler umgegangen sind. Denn natürlich hat Ihr Umgang mit Fehlern eine Signalwirkung. Professor Brehm ergänzt: „Als Führungskraft tragen wir aufgrund unserer Vorbildfunktion erheblich dazu bei, ob sich eine Lernkultur entwickeln kann oder nicht.“

Verdeutlichen Sie Ihren Mitarbeitern – und sich selbst –, dass sie Fehler als Möglichkeit ansehen dürfen, um zu lernen: mit dem Ziel, die Qualität zu verbessern, den Patienten mehr Leistung zu bieten und die Entwicklungsfähigkeit der Klinik oder Praxis zu steigern.

Tipp 4

Führen Sie ein Fehlertagebuch

Um den Umgang mit Fehlern zu überprüfen, können Sie ein Fehlertagebuch führen – und dies auch Ihren Kollegen und Mitarbeitern anraten. Es geht darum, gewissen Gesetzmäßigkeiten auf die Spur zu kommen. Vielleicht unterlaufen Ihnen bestimmte Fehler deswegen immer wieder, weil Sie sich überschätzen, allzu oft unter Stress handeln müssen, vorschnell urteilen oder Probleme haben, persönliche Schwächen zu erkennen und sich einzugestehen.

Wenn Sie wissen, welche „Lieblings-Fehler“ Ihnen wiederholt unterlaufen, wird es Ihnen leichter fallen, Vermeidungsstrategien zu erarbeiten.

Tipp 5

Institutionalisieren Sie die Diskussion über Fehler

Die Tabuisierung von Fehlern muss ein Ende finden. Darum: Diskutieren Sie offen über die Fehler – Ihre eigenen, die der Kollegen und die der Mitarbeiter. In manchen Unternehmen wird regelmäßig eine „Fünf-Minuten-Pause“ eingelegt.

Das Prinzip: Die „Fünf-Minuten-Fehler-Pause“ wird als Möglichkeit zur Fehlerbenennung vorgegeben – so fällt es den Teammitgliedern meistens leichter, über Fehler zu kommunizieren. Sie akzeptieren die Pause als „natürlichen Rahmen“, in dem der Austausch über Fehler erlaubt und erwünscht ist.

Tipp 6

Fehlerprophylaxe – Entwickeln Sie ein Horrorszenario

Sinnvoll ist es, dem Aufbau einer Lernkultur den Status eines übergeordneten Ziels zu verleihen. Überlegen Sie gemeinsam mit den Mitarbeitern in einem fiktiven „Horrorszenario“, welche Missgeschicke passieren könnten. Stellen Sie alle Arbeitsabläufe auf den Prüfstand. In einem zweiten Schritt überlegen Sie im Team, wie es gelingen kann, die Fehler gar nicht erst auftreten zu lassen.

Unterstützung findet dieser Horrorfilm durch eine Patientenbefragung. Indem die Patienten aktiv gebeten werden, den Finger in die Fehlerwunde zu legen, erblicken auch unbekannte Fehlerquellen das Licht der Klinik- und Praxiswelt. Für Ihr Team eröffnen sich neue Lernfelder, die direkt zur Erhöhung der Patientenzufriedenheit beitragen.

Tipp 7

Fordern Sie Verbesserungsvorschläge ein

Kein Fehler ohne konkreten Verbesserungsvorschlag: Werden die oben stehenden Tipps beherzigt, können Ihr Team und Sie einen Fehler als Erfahrung und als Symptom definieren, dessen Ursachen das Team auf die Spur kommen will, um es in Zukunft besser zu machen. Professor Brehm fasst zusammen: „Es entsteht ein Klima, in dem nicht der Fehler, sondern der konstruktive Verbesserungsvorschlag in den Mittelpunkt rückt.“ Dieses Vorgehen schließt Kritik nicht aus – es heißt lediglich, den Fokus auf die Einstellung zu lenken, aus Fehlern lernen zu dürfen.

Patric P. Kutscher
MasterClass Education, Zellertal

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