ArchivDeutsches Ärzteblatt19/1996Reform der ärztlichen Ausbildung: Studenten kritisieren Mehrbelastung

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Reform der ärztlichen Ausbildung: Studenten kritisieren Mehrbelastung

Clade, Harald

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LNSLNS Die "Fachtagung Medizin", die offizielle Vertretung der Medizinstudenten an den Universitäten und Hochschulen, ebenso wie der Medizinische Fakultätentag und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) haben den Diskussionsentwurf für eine 8. Novelle zur Änderung der Approbationsordnung für Ärzte aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (vom Dezember 1995) als "nur schwer umsetzbar" und als "Pseudo-Reformvorschläge" abgelehnt. Dagegen ist der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer mit dem Seehofer-Reformkonzept "im Grundsatz" einverstanden.


Der Medizinische Fakultätentag und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften unterstellen, daß der Diskussionsentwurf nicht geeignet sei, die angestrebte hohe Verantwortung für die wissenschaftliche Medizin und eine praxisorientierte ärztliche Ausbildung auf wissenschaftlicher Basis zu bewerkstelligen und langfristig zu garantieren. Insbesondere sei das mit der Änderung der Approbationsordnung verbundene Junktim der auf Landesebene zu ändernden Kapazitätsverordnung nicht realisierbar, zumindest gebe es zeitliche Verwerfungen. Vor einer Reform des Medizinstudiums müßten die Auswirkungen auf die Kapazitätsverordnung berechnet und die notwendige Verringerung der Zahl der Studienplätze als "gerichtsbestandsfähig" zugesichert werden.


Länder in der Pflicht
Überhaupt noch nicht absehbar sei es, so der Fakultätentag und die AWMF, ob die Bundesländer imstande seien, die erforderlichen erheblichen finanziellen, personellen und kapazitätsmäßigen Ressourcen bereitzustellen, um eine neue, mehr praxisbezogene Ausbildungsordnung für Humanmedizinstudenten umzusetzen. Wegen der anhaltenden staatlichen Ausgabendrosselung auch im Bereich der Hochschulmedizin und der geplanten Strukturreform im Gesundheitswesen seien die medizinischen Fakultäten nicht in der Lage, die erhöhten personellen und organisatorischen Vorkehrungen im Hinblick auf die noch für diese Legislaturperiode avisierte Reform zu treffen.
Nach Einschätzung der AWMF wird der intensivierte Unterricht in studentischen Kleingruppen die personellen und räumlichen Möglichkeiten der Fakultäten und Hochschulen überfordern. Dies gelte sowohl für den ersten als auch für den zweiten Ausbildungsabschnitt des Studiums. Zudem sei in der Übergangsphase mit Mehrbelastungen durch den Unterricht in zwei verschiedenen Fassungen der ärztlichen Approbationsordnung zu rechnen. Daher sollten für die "Überlappungsphase" besondere Erleichterungen eingeräumt werden.
Die Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften halten die geplante Aufteilung des Studiums in zwei Hauptabschnitte von jeweils zweieinhalb Jahren für ungünstig. Die AWMF will das Studium in zwei plus drei Jahre (vier plus sechs Semester) aufteilen, dies um so mehr, als die Approbationsordnung für Zahnärzte die Aufteilung des Zahnmedizinstudiums der jetzt gültigen ärztlichen Approbationsordnung angepaßt habe.
Zunächst müßten die rechtlichen, finanziellen, personellen und kapazitätsmäßigen Rahmenbedingungen geklärt werden, ehe eine so weitreichende und grundlegende Reform vorgenommen wird. Sowohl Hochschullehrer, Dozenten als auch medizinische Fakultäten und Hochschulen ebenso wie die nachrückende Studentengeneration müßten Zeit haben, um sich auf die zu ändernden Studienbedingungen rechtzeitig einzustellen.


Alibi-Funktion?
Noch harscher fiel die Kritik der "Fachtagung Medizin" zu den Diskussionsvorschlägen aus Bonn aus. Die Medizinstudenten unterstellen, daß der Reformansatz nur ein Alibi dafür liefern soll, um die Zulassungszahlen drastisch zu senken. Die Systemmängel würden nur notdürftig kaschiert, um ausschließlich ökonomische Vorgaben zu realisieren und einseitig Partei für die Interessen der etablierten Ärzteschaft zu ergreifen – statt diese dem Ziel einer inhaltlichen Neustrukturierung des Studiums unterzuordnen.
Die Studenten befürchten zusätzliche Erschwernisse infolge der erhöhten Ausbildungsintensität und Ausbildungsdichte, so daß sich ihre soziale Situation verschlechtern würde, um so mehr, als eine verlängerte Studiendauer zu erwarten sei. Dies betreffe die fächerübergreifende Vermittlung problemorientierter Inhalte, die Gestaltung des Studienalltags und die sich daraus ergebende soziale Situation der Studenten.
Allein die Tatsache, daß Seehofer die eineinhalb Jahre dauernde Pflichtphase als Ärztin/Arzt im Praktikum beibehalten wolle, spreche dafür, daß das Hauptziel der Reform, nämlich mehr Praxisbezug herzustellen und den vorklinischen mit dem klinischen Studienabschnitt zu verzahnen, nicht erreicht werden könne. Die Studenten kritisieren, daß künftig patientenorientierte Lehrveranstaltungen nicht den notwendigen Stellenwert innerhalb des Fächerkanons und der Lehrveranstaltungen erhalten sollen. Mehr Praxisbezug sei auch ohne dirigistische Kapazitätsverminderung zu erreichen, zumal qualifizierte außer-universitäre Einrichtungen konsequenter als bisher in den Ausbildungsbetrieb einbezogen werden könnten.
Bei aller Anerkennung, die Gestaltungsautonomie der medizinischen Fakultäten zu erweitern, sollten die Fakultäten allerdings nicht ermächtigt werden, patientenbezogene Lehrveranstaltungen gegen Vorlesungen auszutauschen – auch mit Hilfe von Verhältniszahlen. Die Gefahr bestehe darin, daß die Fakultäten dem ökonomischen Spareffekt den Vorzug vor der patientenbezogenen Kleingruppen-Unterweisung geben könnten.
Als "unsachgemäß" bezeichnet die Fachtagung Medizin die beabsichtigte Erhöhung der Pflichtstundenzahl auf jeweils 1820 in den ersten beiden Abschnitten des Studiums. Je nach Abgrenzung würde das bisher erforderliche Stundenvolumen verdoppelt, wenn nicht gar verdreifacht werden. Deshalb sei eine selbständige und eigenverantwortliche Planung und Durchführung des Studiums schon aus Zeitgründen nicht möglich. Auch sei das Ausbildungsziel, nämlich eine(n) zur eigenverantwortlichen und selbständigen ärztlichen Berufsausübung befähigte Ärztin/befähigten Arzt zu "produzieren", nach dem Seehofer-Entwurf nicht möglich.
Die Studenten plädieren dafür, den Lern- und Prüfungspflichtstoff zu entrümpeln. Infolge der geplanten Zuordnung einzelner Fächer zu den einheitlichen Leistungsnachweisen bestehe die Gefahr, daß die Spezialisierung der Medizin weiter zunimmt und sich auch in der Lehre verstärkt. Der Bonner Entwurf enthalte keine nachvollziehbaren Anhaltspunkte dafür, daß die jeweils zusammengefaßten Einzelfächer "integrativ" gelehrt werden.
Die Medizinstudenten sehen keine Notwendigkeit dafür, staatliche Pflichtprüfungen im ersten und zweiten Teil des Examens strikt vorzuschreiben. Vielmehr genüge eine abschließend bestandene und nicht weiter benotete Staatsprüfung, um die Kriterien einer bundeseinheitlichen Qualitätssicherung und eines einheitlichen Ausbildungsstandards zu erfüllen.
Die Zwischenprüfungen sollten nach Meinung der Studenten als universitäre Prüfungen durchgeführt werden. Diese sollten zu gleichen Teilen Grundlagen des Medizinstudiums, praktische Fertigkeiten und fächerübergreifendes Wissen des Aspiranten überprüfen. Die Abschlußprüfung sollte sich auf die Überprüfung von grundsätzlichem Wissen beschränken.
Würde die Zahl der mündlichen Prüfungsfächer in den ersten beiden Teilen der ärztlichen Prüfung erhöht, würde der Prüfungsaufwand unverhältnismäßig hoch. Dies hätte zur Folge, daß die Gesamtstudienzeit erheblich verlängert wird.
Die Fachtagung der Medizinstudenten befürwortet eine rigorose inhaltliche Umstrukturierung des Medizinstudiums und des Curriculums, so daß eine Lehr-Lern-Spirale entsteht. Nur studienbegleitende Prüfungen seien geeignet, das fächerübergreifende Wissen der Studenten zu überprüfen. Kritisiert wird auch die Zäsur nach fünf Semestern infolge der Verdichtung des Prüfungsstoffes im schriftlichen Prüfungsteil und durch die erhöhte Anzahl von Fächern im mündlichen Teil der Prüfung.
Die Studenten plädieren für eine Begrenzung der wöchentlichen Ausbildungszeit auf höchstens 38,5 Stunden, wobei die Teilnahme an Einsatzdiensten auf diese Zeit angerechnet werden müsse. Vermehrte zeitliche Freiräume müßten auch zur Vorbereitung auf die Abschlußprüfung eingeräumt werden. Das Praktische Jahr müsse mehr nach Mindeststandards ausgerichtet und ihre Gestaltung überwacht werden. Dr. Harald Clade

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