ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2013Sir John Pringle (1707–1782): Hilfe für die Verwundeten im Krieg

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Sir John Pringle (1707–1782): Hilfe für die Verwundeten im Krieg

Dtsch Arztebl 2013; 110(37): A-1680 / B-1486 / C-1460

Lang, Ursula; Anagnostou, Sabine

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Im Jahr 1743 sorgte Pringle für eine Vereinbarung zwischen den Kriegsparteien, die die Versorgung und Unantastbarkeit der Verwundeten beinhaltete.

Georg II. August, hier in der Schlacht bei Dettingen (1743), war von 1727 bis 1760 König von Großbritannien und Irland. Foto: picture alliance
Georg II. August, hier in der Schlacht bei Dettingen (1743), war von 1727 bis 1760 König von Großbritannien und Irland. Foto: picture alliance

Vor 270 Jahren, im Juni 1743, fand in der Nähe von Aschaffenburg im heutigen Karlstein am Main die „Schlacht von Dettingen“ statt. Dort kämpfte im österreichischen Erbfolgekrieg eine verbündete Armee von Österreichern, Briten und Hannoveranern gegen die Franzosen, um die „pragmatische Sanktion“ von Kaiser Karl VI. (1685–1740) beziehungsweise den Thronfolgeanspruch Maria Theresias (1717–1780) als dessen erstgeborener Tochter durchzusetzen. Als Erinnerung an diese Schlacht ist der Nachwelt das „Dettinger Te Deum“ erhalten geblieben, ein liturgisches Chorwerk, das der damals in London lebende Georg Friedrich Händel (1685–1759) anlässlich des Sieges der „pragmatischen Armee“ für den in Schloss Herrenhausen in Hannover geborenen Georg II. August (1683–1760), den britischen König und Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg, komponierte. Weniger bekannt ist hingegen, dass der in Schottland geborene John Pringle (1707–1782) als kurz zuvor berufener Militärarzt der britischen Armee unter dem Kommando des schottischen Feldmarschalls John Dalrymple, dem zweiten Earl of Stair (1673–1747), an besagter „Schlacht von Dettingen“ teilnahm und dort erstmals für die Verbesserung der humanitären Lage verwundeter Soldaten eintrat (1).

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1742 legte John Pringle seine Professur nieder, als der in Flandern stationierte Befehlshaber der britischen Truppen ihn mit den Aufgaben eines Armeearztes betraute (2). Foto: Wikimedia
1742 legte John Pringle seine Professur nieder, als der in Flandern stationierte Befehlshaber der britischen Truppen ihn mit den Aufgaben eines Armeearztes betraute (2). Foto: Wikimedia

John Pringle wurde 1744 zum leitenden Militärarzt der britischen Armee ernannt und nahm an weiteren Feldzügen teil, bis der „Aachener Frieden“ im Jahr 1748 den österreichischen Erbfolgekrieg beendete. 1749 wurde John Pringle Leibarzt von Wilhelm August, dem dritten Sohn von König Georg II. August, und ab 1758 gehörte er dem „Royal College of Physicians“ in London an. 1772 wählte ihn die „Royal Society“, die seit dem Jahr 1660 bestehende, altehrwürdige Gelehrtengesellschaft Londons, zu ihrem Präsidenten, und 1774 wurde Pringle Leibarzt des britischen Königs Georg III. Wilhelm Friedrich (1738–1820), des Enkels von Georg II. August (3).

Von besonderer Bedeutung ist Pringles schriftstellerisches Erbe, seine Werke über Militär-Medizin und Militär-Hygiene, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Er verfasste 1750 eine Abhandlung über Ursachen und Heilung fieberhafter Durchfallerkrankungen, die in damaliger Zeit häufig seuchenartig in Lazaretten und Gefängnissen auftraten (4). Fieber, das nicht nur über „widernatürliche“ Körpertemperatur, sondern vor allem über eine beschleunigte Pulsfrequenz definiert wurde, verstand man im 18. Jahrhundert noch als eigene Krankheit, nicht als Symptom (5). Leiden wie „Entzündungsfieber, Wechselfieber, Gallenfieber, Sommerfieber, Herbstfieber, Lazarettfieber und bösartige Fieber“, „Lungensucht“, „Rheumatismo“ und „Felddysenterie“, die heute nicht immer einer definierten Krankheit zugeordnet werden können, plagten die Soldaten des 18. Jahrhunderts im Feld und wurden in Pringles berühmtem Werk „Observations on the diseases of the army“ (1752) detailliert abgehandelt. Im Vorwort erläutert Pringle, dass der Earl of Stair auf seinen Vorschlag hin vor der „Schlacht von Dettingen“ mit dem französischen Marschall Adrien-Maurice de Noailles absprach, Feldlazarette als neutral zu erklären, um Verwundete nicht zusammen mit den Truppen immer wieder verlegen zu müssen und ihnen damit bessere medizinische Hilfe zukommen lassen zu können. John Pringles Bestreben als Militärarzt war es weiterhin, die Verpflegung, Ausstattung und Unterbringung der Soldaten so weit wie möglich zu verbessern, um Erkrankungen zu verhindern. Soldaten sollten vor Hitze, Kälte und Nässe geschützt, feuchtes Stroh ausgewechselt, ungesunde Luft, sumpfiges, stehendes Wasser vermieden werden (6). Diese Maßnahmen sind aus heutiger Sicht im Sinne der Hygiene und Vermeidung von Infektionen durchaus als sinnvoll zu erachten.

Pringle hielt Seuchen, wie das Lazarett- oder das Gefängnisfieber, die in unreinen, überfüllten und stickigen Baracken, Zellen oder in engen Transportschiffen regelmäßig ausbrachen, für „Krankheiten von einer faulen (septischen) und contagiösen (ansteckenden) Natur“ und begann, ganz im Sinne eines Francis Bacons, mit systematischen Experimenten zum Auffinden „septischer“ und „antiseptischer“ Substanzen, um auf der Grundlage eines naturwissenschaftlich geprägten, medizinischen Konzeptes erfolgreich vorbeugen oder therapieren zu können.

Pringle führte Reihenuntersuchungen durch, wobei er Fleischstückchen in Wasser mit und ohne Zusatz von mutmaßlich fäulniswidrigen mineralischen, pflanzlichen oder tierischen Substanzen in Phiolen einlegte, diese verschloss und warmer Umgebungstemperatur aussetzte. Er beobachtete dabei, ob beziehungsweise um welche Zeitspanne es länger dauerte, bis die Fäulnis des Fleisches olfaktorisch wahrnehmbar wurde. Als antiseptische „Standardsubstanz“ verwendete er Seesalz. Auf diese Weise erarbeitete er eine Skala „von den verhältnismäßigen Kräften der Salze in Wiederstehung [sic!] der Fäulnis“, in der er die getesteten Substanzen mit 1+ bis 40+ kennzeichnete. Alaune erzielten beispielsweise einen 40+-Wert und galten Pringle damit als 40-mal so wirksam gegen Fäulnis wie Seesalz. Außerdem bemerkte er, dass sowohl Säuren als auch Laugen starke fäulniswidrige Kräfte besaßen, diese aber gemindert wurden oder gar verschwanden, wenn man sie durch Mischen neutralisierte. Die Ergebnisse seiner Experimente trug John Pringle der Royal Society vor und gab sie seinem Werk „Observations on the diseases of the army“ als Anhang bei (6). Als hohe Anerkennung für die „experiments on septic and antiseptic substances“ verlieh man John Pringle 1752 die Copley-Medaille der Royal Society. Es ist deshalb anzunehmen, dass eine als Pestprophylaxe vielfach verwendete Essigzubereitung des „Codex Medicamentarius Parisiensis“ (1758), die noch im Jahr 1748 bei gleicher Zusammensetzung als „Acetum Prophylacticum“ bezeichnet worden war, nicht zufällig in „Acetum Antisepticum“ umbenannt wurde (7).

Unantastbarkeit der Verwundeten im Krieg

Wenn auch Pringles Ansatz, „septische“ Krankheiten durch Einnahme „anti-septischer“ Substanzen wirksam bekämpfen zu können, hypothetisch blieb, so zeichnet ihn dennoch sein logisches, experimentelles Vorgehen aus. Das auf Betreiben von Pringle zum Schutz der Verwundeten im Juni 1743 getroffene „Gentlemen’s Agreement“ zwischen dem Earl of Stair und Adrien-Maurice de Noailles wurde im Juli 1743 in Frankfurt am Main als „Treaty and convention for the sick, wounded, and prisoners of war […]“ zwischen Britannien und Frankreich beschlossen. Die Vereinbarung beinhaltete nicht nur die Versorgung und Unantastbarkeit der Verwundeten, sondern auch Details zum Austausch und zur finanziellen Auslösung von Kriegsgefangenen (8). Dieses Abkommen kann wohl als erster Meilenstein eines langen Weges (im Februar 1863 wurde das „Internationale Komitee vom Roten Kreuz“ gegründet) angesehen werden, der 1864 in die Verabschiedung der ersten Genfer Konvention „betreffend die Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen“ mündete. Sir John Pringles Bemühungen um Verwundete formten somit den ersten Baustein humanitären Völkerrechts.

Dr. rer. nat. Ursula Lang,

L.Ursula@t-online.de

Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Sabine Anagnostou

@Literatur im Internet
www.aerzteblatt.de/lit3713

Vergleichende Beobachtung

John Pringle wurde am 10. April 1707 in Stichill in der schottischen Grafschaft Roxburghshire als jüngster Sohn eines Baronets geboren und erhielt in seiner Jugend eine humanistisch geprägte Ausbildung an der Universität St. Andrews. Nachdem er anschließend in Edinburgh ein Jahr Medizin studiert hatte, wechselte er 1728 an die niederländische Universität Leiden, deren medizinische Fakultät Anziehungspunkt zahlreicher angehender Ärzte war. Dort hielt der in ganz Europa berühmte Hermann Boerhaave (1668–1738) Vorlesungen in Botanik, Chemie und Medizin.

John Pringle wurde 1730 in Leiden im Fach Medizin promoviert und praktizierte einige Jahre als Arzt in Edinburgh. 1734 wurde er als Professor für Moralphilosophie an die Universität Edinburgh berufen. Pringle empfahl seinen Studenten das Studium von Schriften des britischen Philosophen Francis Bacon (1561–1626), der unvoreingenommene, vergleichende Beobachtung und planmäßiges Experimentieren als Weg zur Erkenntnisgewinnung gelehrt hatte. Francis Bacon sollte sich wenige Jahre später als Vorbild für Pringles künftiges Wirken erweisen (2).

1.
Guillermand J: The contribution of army medical officers to the emergence of humanitarian law. International Review of the Red Cross 1989; 29: 306–32.
2.
Selwyn S: Sir John Pringle: Hospital reformer, moral philosopher and pioneer of antiseptics. Medical History 1966; 10: 266–74.
3.
Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker. Bd. 4, 3. Auflage, München / Berlin 1962. S. 676–77.
4.
Pringle John: Observations on the nature and cure of hospital or jayl fevers. In a letter to Dr. Mead. London 1750.
5.
De Haen Anton: Von den Fiebern. Copenhagen 1763.
6.
Pringle John: Observations on the Diseases of the Army in Camp and Garrison. In Three Parts. With an Appendix containing some Papers of Experiments upon septic and antiseptic substances; with remarks relating to their use in the theory of medicine: in several Papers, read at the Royale Society. London 1752. Sowie: Greding Johann Ernst: Herrn John Pringle‘s Beobachtungen über die Krankheiten der Armee, sowohl im Felde als in Garnison. In drey Theilen. Nebst einem Anhange, der einige Aufsätze über Versuche enthält, die der königlichen Gesellschaft bey verschiedenen Zusammenkünften vorgelesen wurden. Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Johann Ernst Greding. Altenburg 1754.
7.
Lang U, Anagnostou S: „Wider alle Giffte“ – Arzneiessige gestern und heute. Geschichte der Pharmazie 2012; 64: 4.
8.
William Augustus: Historical Memoirs of his Late Royal Highness William Augustus, Duke of Cumberland. Including the Military and Political History of Great-Britain, during that period. London 1767. S. 86–102. Später wurde das Abkommen zweisprachig abgedruckt unter dem Titel „Traité et conventions, pour les malades, blessés et prisonniers de guerre des troupes de terre, de Sa Majesté très Chrétienne, et de sa Majesté Britannique. = Treaty and convention, for the sick, wounded, and prisoners of war, of the land forces, of His Majesty the King of Great-Britain, and of His Most Christian Majesty“ . [London ?] [1759?]. Reprint Eighteenth Century Collection online. Farmington Hills 2009.
1. Guillermand J: The contribution of army medical officers to the emergence of humanitarian law. International Review of the Red Cross 1989; 29: 306–32.
2. Selwyn S: Sir John Pringle: Hospital reformer, moral philosopher and pioneer of antiseptics. Medical History 1966; 10: 266–74.
3. Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker. Bd. 4, 3. Auflage, München / Berlin 1962. S. 676–77.
4. Pringle John: Observations on the nature and cure of hospital or jayl fevers. In a letter to Dr. Mead. London 1750.
5. De Haen Anton: Von den Fiebern. Copenhagen 1763.
6. Pringle John: Observations on the Diseases of the Army in Camp and Garrison. In Three Parts. With an Appendix containing some Papers of Experiments upon septic and antiseptic substances; with remarks relating to their use in the theory of medicine: in several Papers, read at the Royale Society. London 1752. Sowie: Greding Johann Ernst: Herrn John Pringle‘s Beobachtungen über die Krankheiten der Armee, sowohl im Felde als in Garnison. In drey Theilen. Nebst einem Anhange, der einige Aufsätze über Versuche enthält, die der königlichen Gesellschaft bey verschiedenen Zusammenkünften vorgelesen wurden. Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Johann Ernst Greding. Altenburg 1754.
7. Lang U, Anagnostou S: „Wider alle Giffte“ – Arzneiessige gestern und heute. Geschichte der Pharmazie 2012; 64: 4.
8. William Augustus: Historical Memoirs of his Late Royal Highness William Augustus, Duke of Cumberland. Including the Military and Political History of Great-Britain, during that period. London 1767. S. 86–102. Später wurde das Abkommen zweisprachig abgedruckt unter dem Titel „Traité et conventions, pour les malades, blessés et prisonniers de guerre des troupes de terre, de Sa Majesté très Chrétienne, et de sa Majesté Britannique. = Treaty and convention, for the sick, wounded, and prisoners of war, of the land forces, of His Majesty the King of Great-Britain, and of His Most Christian Majesty“ . [London ?] [1759?]. Reprint Eighteenth Century Collection online. Farmington Hills 2009.

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