ArchivDeutsches Ärzteblatt19/1996Hepatitis-B-Impfung: Vakzination sollte im Säuglingsalter beginnen

POLITIK: Medizinreport

Hepatitis-B-Impfung: Vakzination sollte im Säuglingsalter beginnen

Bischoff, Angelika; Reygers, Henrik

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNSLNSLNS Bereits 1990 rief die Welt­gesund­heits­organi­sation dazu auf, die generelle Impfung gegen Hepatitis B in allen Ländern der Welt einzuführen. Viele westliche Industrieländer sind diesem Aufruf schon längst gefolgt, zum Beispiel USA, Frankreich oder Italien. Seit Oktober 1995 ist die Impfung gegen Hepatitis B auch Bestandteil des Säuglings-Impfplans der Ständigen Impfkommission (STIKO). Die Umsetzung dieser Empfehlung muß nun in Deutschland rasch vorangetrieben werden.


Hohe Dunkelziffer
In Deutschland werden derzeit pro Jahr etwa 5 000 bis 6 000 akute Erkrankungen an Hepatitis B gemeldet. Man schätzt jedoch, daß jährlich tatsächlich 25 000 bis 50 000 Personen an akuter Hepatitis B erkranken, da die Meldemoral schlecht ist und viele Patienten wegen fehlender Symptome gar nicht zum Arzt kommen. Bei zehn Prozent der erwachsenen Patienten, die sich mit dem Hepatitis-B-Virus infizieren, entwickelt sich eine chronische Hepatitis mit dem Risiko von Leberzirrhose und Leberzellkarzinom. Als Ursache hierfür erscheint ein Virusprotein (Hbx) verantwortlich. Dieses soll eine Kaskade verschiedener Reaktionen innerhalb der Leberzelle anstoßen. Hierbei kommt es zu einer Regulationsstörung wachstumsrelevanter Gene, und die Zelle verliert die Kontrolle über ihr Wachstum. Besonders Kinder neigen zu einer chronischen Verlaufsform; 90 Prozent der infizierten Säuglinge entwickeln eine chronische Hepatitis B. Diese Rate nimmt mit zunehmendem Alter langsam ab, so daß im zehnten Lebensjahr etwa zehn Prozent der Kinder HBV-infiziert sind. Dieser Wert bleibt auch bei den Erwachsenen stabil. Aufgrund der durch die Hepatitis B hervorgerufenen gesundheitlichen Einschränkungen als auch der damit verbundenen volkswirtschaftlichen Kosten wird von seiten der STIKO empfohlen, Neugeborene im dritten Lebensmonat erstmalig gegen Hepatitis B zu impfen. Eine zweite Hepatitis-B-Vakzination sollte ab Beginn des fünften Lebensmonats – also zwei Monate später – erfolgen, und die Abschlußimpfung sollte ab Beginn des 13. Lebensmonats durchgeführt werden.

Risiko nimmt mit Partnerwechsel zu
Bei ungeimpften Jugendlichen – wovon im Regelfall auszugehen ist – wird empfohlen, zu Beginn der Geschlechtsreife, das heißt ab dem 13. Lebensjahr, eine Hepatitis-Grundimmunisierung nach dem Schema für Erwachsene durchzuführen. Hierbei ist eine Impfung im Abstand von vier beziehungsweise 26 Wochen erforderlich. Aus epidemiologischer Sicht ist es geradzu notwendig, Jugendliche gegen Hepatitis B zu impfen, da Jugendliche schon meist frühzeitig erste sexuelle Erfahrungen machen. Auch häufiger Partnerwechsel ist nicht selten. Hierdurch steigt das Hepatitis-B-Risiko überdurchschnittlich an. Zudem ist festzustellen, daß zwischen 20 und 30 Prozent der chronischen Infektionen bereits im Kindesalter akquiriert werden. Deshalb muß eine Prophylaxe schon so bald als möglich, das heißt im Säuglingsalter, einsetzen.
Weitere Studien belegen, daß in wirtschaftlich entwickelten Ländern bis zu 75 Prozent aller Hepatitis-BInfektionen zwischen dem 14. und 25. Lebensjahr erworben werden. Daher ist es sinnvoll, Jugendliche im präpubertären Alter gegen Hepatitis B zu schützen.
Neben den gesundheitlichen Einschränkungen durch die Hepatitis B ist auch der volkswirtschaftliche Nutzen nicht von der Hand zu weisen, da die durchschnittliche Behandlung einer Hepatitis B zirka 50 000 DM beträgt. Dies entspricht den Äquivalenzkosten von etwa 500 Impfdosen. So haben sich im Jahre 1995 laut Jahresstatistik des RKI insgesamt 5 966 Menschen eine Hepatitis-B-Infektion zugezogen. Multipliziert man diese Anzahl mit 50 000 DM, so ergeben sich Gesamtkosten von 289 Millionen DM für die medizinische Behandlung und den Arbeitsausfall allein für die akute Hepatitis B.
Berechnet man nun anhand dieser Zahlen die dafür mögliche Impf-aktion, so können unter Berücksichtigung der Gebührenziffer 252 GOÄ mit 2,3fachem Satz (zehn DM) und der Impfstoffkosten (129 DM) etwa 2 080 000 Hepatitis-B-Impfungen durchgeführt werden. Dies bedeutet, mit dem in der Zukunft ersparten Geld könnten zirka zwei Drittel eines Geburtsjahres durchgeimpft werden. In diese Rechnung sind nur die Kosten für die Akutbehandlung eingeflossen.
Unter Berücksichtigung der epidemiologisch erfolgreichen Polio-Impfung ist davon auszugehen, daß bei konsequenter Durchimpfung ein ähnlicher Erfolg bei der Eradikation der Hepatitis B zu erwarten ist. Aus diesem Grund empfehlen die Experten den Krankenkassen, die Kosten der Hepatitis-B-Impfung zu übernehmen und mit dem öffentlichen Gesundheitswesen zusammenzuarbeiten, da es die logistischen Voraussetzungen für eine Schülerimpfung besitzt. Die Verbände der Ersatzkassen haben sich jetzt bereit erklärt, die Kosten der Vakzination für Kinder und Jugendliche zunächst zu übernehmen Die Hepatitis B wird hierzulande in 60 bis 70 Prozent der Fälle sexuell übertragen, in zweiter Linie durch Blutkontakte (iv. Drogenmißbrauch). Bisher beschränkte sich die Hepatitis-B-Impfempfehlung der STIKO auf Risikogruppen, wie Beschäftigte im Bereich Medizin oder Drogenabhängige. Die seit 1982 verfügbaren Impfstoffe gegen Hepatitis B haben laut Prof. Wolfgang Jilg (Regensburg) innerhalb der Risikogruppen die Zahl von HBV-Infektionen äußerst wirksam gesenkt. Doch auf die Häufigkeit der Erkrankung in der Gesamtbevölkerung hat sich dies nicht ausgewirkt.
Will man dies erreichen, muß eine Durchimpfungsrate von 90 Prozent der Bevölkerung angestrebt werden. Aus strategischen Gründen eignet sich deshalb nur das Säuglingsalter mit seinem ohnehin etablierten Impfprogramm als Impfzeitpunkt. Spätere Altersgruppen wären sehr viel schlechter zu erfassen.
Dr. med. Angelika Bischoff
Dr. med. Henrik Reygers

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote