ArchivDeutsches Ärzteblatt19/1996Onkologische Therapie des Mannes: Prophylaxe von späteren Fertilitätsstörungen

POLITIK: Medizinreport

Onkologische Therapie des Mannes: Prophylaxe von späteren Fertilitätsstörungen

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Die spätere Fertilität männlicher Krebspatienten wird ganz erheblich determiniert durch die Art der Chemotherapie und Radiatio. Fraglich ist, inwieweit eine Prophylaxe von
Fruchtbarkeits-Störungen durch hormonelle Suppression der Spermatogenese möglich ist; am sichersten erscheint bei nicht abgeschlossener Familienplanung der Rat, Spermien vor der Onkotherapie in einem Kryodepot einfrieren zu lassen.


Aufbewahren von Samenproben
Dieses Fazit haben die Vorträge bei der 7. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Andrologie nahegelegt. Auch wenn die Patienten die Kosten für das Tiefkühlen und Aufbewahren der Samenproben zum Teil selbst übernehmen müssen, stehen die Chancen auf ein späteres eigenes Kind inzwischen auch dann nicht schlecht, wenn vor Beginn der Krebsbehandlung nur wenige und qualitativ schlechtere Spermatozoen zu finden sind. Denn seit der Einführung der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) kommen die Reproduktionsmediziner mit einer geringen Menge an männlichen Keimzellen bei der assistierten Fortpflanzung zu akzeptablen Erfolgen.
Nachdem sich herausgestellt hat, daß alkylierende Substanzen im Rahmen der Chemotherapie die Fertilität am nachhaltigsten schädigen, versuchen die Onkologen, Cyclophosphamid und ähnliche Chemotherapeutika durch weniger aggressive Substanzen zu ersetzen – und die Radiatio, so möglich, zu umgehen oder einzuschränken. Obwohl dabei vorsichtige Erfolge im Sinne eines Fertilitätserhaltes zu verzeichnen sind, kann das Wiedereinsetzen der Spermatogenese im Einzelfall nicht garantiert und der Zeitpunkt nicht vorhergesagt werden. Nach Ausführungen von Frau Prof. S. D. Fossa (Oslo) ist ein erhöhter FSH-Wert zwar prognostisch ungünstig, aber die Spermatogenese kann sich auch Jahre nach der Therapie wieder erholen – in einem Fall habe dies sogar zehn Jahre gedauert.
Relativ enttäuschend sind bisher die Versuche geblieben, die Fertilität der Krebspatienten durch eine hormonelle Suppression der Spermatogenese vor der Onkotherapie zu schützen. Untersuchungen von Professor D. Klingmüller (Bonn) mit GnRH-Agonisten bestätigten erneut, daß mit diesen Substanzen keine ausreichende Ruhigstellung der Spermiogenese zu erzielen ist. Die Hoffnungen ruhen nun auf den GnRH-Antagonisten, die sowohl beim Tierversuch als auch beim Menschen eine komplette reversible Azoospermie erzielen.


Stimulation des Keimepithels
Ob diese allerdings geeignet sind, das Keimepithel bei einer Onkotherapie zu schützen, darf bezweifelt werden. Denn das Konzept beruht auf der Vorstellung, daß der Hoden – in präpubertären Zustand versetzt – weniger geschädigt wird. Diese Hypothese ist nicht richtig, denn Prof. J. H. Brämswig (Münster) hat nach der Behandlung kindlicher Lymphome festgestellt, daß auch der präpubertäre Hoden geschädigt wird. Vielleicht, so fügte Prof. Eberhard Nieschlag (Münster) an, müssen wir dieses Konzept verlassen und das Gegenteil anstreben – die maximale Stimulation des Keimepithels. Nieschlag zitierte dazu eine experimentelle Studie, wonach die Hoden beim Tier nach FSH-Stimulation die Chemotherapie besser überlebt haben. Dr. Renate Leinmüller

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