SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Misstrauen

Dtsch Arztebl 2013; 110(38): [64]

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ein neuer Patient kommt zu mir in die Praxis. Solche ersten Begegnungen verlangen viel Empathie. Es gilt, in kurzer Zeit eine persönliche Beziehung aufzubauen und das Gefühl zu vermitteln, in guten Händen zu sein. Zudem ist eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, die frei ist von Zwängen, Dissonanzen und Misstönen.

„Herr Doktor Böhmeke, ich habe gehört, dass Sie ein guter Arzt sind, daher schenke ich Ihnen mein Vertrauen!“ Danke für das Kompliment, dafür will ich Ihnen nicht nur meine Expertise schenken, sondern auch mein Misstrauen. „Wie bitte?!“ Misstrauen. „Das ist, mit Verlaub, etwas sonderbar.“ Nein, das ist es nicht. Schauen Sie, Sie haben bei meinen Angestellten Ihre Medikation angegeben. Ich glaube aber nicht, dass diese Aufstellung komplett ist. „Doch, das ist sie, ich habe alles richtig angegeben!“ Trotzdem bin ich misstrauisch. Könnte es nicht doch sein, dass er zusätzlich, vielleicht auch unregelmäßig etwas einnimmt? „Na ja, wenn Sie das so sagen . . . Sie haben Recht, ich nehme öfter Johanniskraut ein.“ Sehen Sie. „Das ist aber ein pflanzliches Präparat, das macht doch nichts.“ Mitnichten. Johanniskraut ist ein wirksamer Induktor des Zytochroms P 450 3A4 und beeinflusst die Wirksamkeit verschiedener Substanzgruppen, wie Antibiotika, Blutdruck- und Blutfettsenker, um nur einige zu benennen. „Oh! Das war mir nicht bewusst!“

Machen wir weiter. Sie haben einen Arztbrief mitgebracht, ausweislich der gestellten Diagnosen sind Sie Alkoholiker mit Leberschaden. Stimmt das? „Sie meinen die Diagnose C2-induzierte Hepatopathie? Darüber habe ich mich auch geärgert, weil ich nie Alkohol getrunken habe. Wie kommt so etwas zustande?“ Sie hatten damals einen erhöhten Wert der Gamma-GT. „Ja, aber später hat sich herausgestellt, dass ich Gallensteine habe. Ich hielt dann die Vordiagnose nicht mehr für wichtig.“ Kann sie aber werden. Wenn Sie beispielsweise eine Versicherung abschließen wollen, bei der diese Diagnose von Relevanz ist, kann sie Ihnen teuer zu stehen kommen.

Machen wir weiter. In Ihrem Anamnesebogen steht auch, dass Sie vor 30 Jahren einen Herzinfarkt durchgemacht hätten. „Ach, das ist schon lange her, da hatte ich mal Brustschmerzen, man hat mir damals gesagt, das sei ein Herzinfarkt.“ Auch daran möchte ich zweifeln. Die koronare Herzerkrankung ist in ihrem Wesen chronisch-progressiv, dass zwischenzeitlich keine kardiale Komplikation aufgetreten ist, spricht für ein anderweitiges Problem als die Korrektheit der Diagnose. „Sie haben Recht! Letztes Jahr bekam ich deswegen einen Herzkatheter, und der war völlig in Ordnung!“ Das ist schön für Sie. Es wäre ja auch gemein, wenn man Ihnen nach jedem Brustschmerz den Führerschein für eine Weile wegnehmen würde, auch wenn Sie gar nicht koronarkrank sind.

Nun können Sie sehen, wie nützlich eine gesunde Portion Misstrauen ist. „Herr Doktor Böhmeke! Ich darf, ganz ohne Verlaub, sagen: Das ist wunderbar!“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige