ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2013Einheitliches Vergütungssystem: Keine Umverteilung ohne Streit

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Einheitliches Vergütungssystem: Keine Umverteilung ohne Streit

Dtsch Arztebl 2013; 110(38): A-1713 / B-1517 / C-1493

Rieser, Sabine

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Prominente Befürworter der Bürgerversicherung beteuern, Vertragsärzten und -psychotherapeuten würden Honorarverluste bei den Privatpatienten ausgeglichen. Selbst wenn das Geld bereitstünde: Die Umverteilung würde zum Zankapfel.

Wer hofft, im Fall einer rot-grünen Wahlniederlage werde das Thema „Bürgerversicherung“ versanden und damit zwangsläufig die Diskussion um einen einheitlichen Kran­ken­ver­siche­rungsmarkt und eine einheitliche Honorarordnung für Vertragsärzte und -psychotherapeuten, der könnte enttäuscht werden. Sollte die nächste Bundesregierung den Mut aufbringen, die Reform der Amtlichen Gebührenordnung für Ärzte anzupacken, werden Gegner des heutigen dualen Systems diese Arbeit sicher kritisch begleiten.

Reformen nach der Wahl: Was verlangen ärztliche Organisationen und Verbände? Was versprechen Gesundheitspolitiker und ihre Parteien? Mehr dazu unter: www.aerzteblatt.de/bundestagswahl2013
Reformen nach der Wahl: Was verlangen ärztliche Organisationen und Verbände? Was versprechen Gesundheitspolitiker und ihre Parteien? Mehr dazu unter: www.aerzteblatt.de/bundestagswahl2013
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Außerdem haben verschiedene Kritiker in einem neuen Aufsatzband „Die Kran­ken­ver­siche­rung der Zukunft“ des Wissenschaftlichen Instituts der AOK deutlich gemacht, dass sie nicht lockerlassen wollen und eine große „Reform aus einem Guss“ sehr wohl gelingen könnte. Allerdings sei es dazu „notwendig, die wahrscheinlich entschiedensten Reformgegner zu Befürwortern zu machen . . . Für die Schaffung eines integrierten Versicherungsmarktes mit einheitlicher Wettbewerbsordnung betrifft dies vor allem die organisierte Ärzteschaft und die private Kran­ken­ver­siche­rung“. Man müsse deutlich machen, dass Einkommensverluste „durch eine entsprechende Anhebung der Vergütung in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung ausgeglichen“ werden, so ein Beitrag.

Welche Herausforderung dies wäre, hat vor kurzem Prof. Dr. Jürgen Wasem, Leiter des Lehrstuhls für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen, bei einer Euroforum-Veranstaltung in Berlin skizziert. Wasem verwies zunächst auf Fakten, die dafür sorgen dürften, dass die Diskussion nicht verstummt: Etwa zehn Prozent der Bundesbürger sind im Rahmen einer privaten Krankenvollversicherung abgesichert, Ärzte erzielen aber etwa ein Viertel ihrer Einnahmen aus der Behandlung von Privatpatienten. Deswegen konzentrieren sich Arztpraxen tendenziell in Gegenden, wo viele Privatversicherte leben. Der Gesundheitsökonom wies darauf hin, dass es für sie Vorteile bei der Terminvergabe gebe. Studien, ob dies negative Auswirkungen auf „zeitkritische“ Behandlungen von gesetzlich Krankenversicherten hat, liegen seiner Einschätzung nach aber nicht vor.

Wasem und Mitarbeiter haben vor kurzem, finanziell unterstützt von der Techniker-Krankenkasse, berechnet, welche Honorarverluste eine Umstellung auf ein einheitliches Vergütungssystem nach sich ziehen würde. Danach wären sie am höchsten, wenn alle privat Krankenversicherten zu einem Stichtag Mitglied einer Bürgerversicherung würden. Wasem nannte Summen zwischen zunächst 4,5 Milliarden Euro und knapp sechs Milliarden Euro im Jahr 2030. Geringer wären die Honorarverluste, wenn es lediglich keine Neuzugänge zur privaten Kran­ken­ver­siche­rung mehr gäbe (bis 2030: 1,5 Milliarden Euro) oder wenn Neuzugänge gestoppt würden und heute privat Krankenversicherte ein Wahlrecht zu wechseln hätten (bis 2030: drei Milliarden Euro).

Wasem verwies aber auch darauf, dass es bei einem Systemwechsel viele Fragen zu beantworten gäbe. Unklar ist bislang beispielsweise geblieben, was mit Leistungen und ihrer Honorierung geschehen würde, die die privaten Kran­ken­ver­siche­rungen bislang übernehmen, die Krankenkassen aber nicht. Unberücksichtigt bleiben meist auch individuelle Gesundheitsleistungen für gesetzlich Krankenversicherte.

Der Gesundheitsökonom machte zudem deutlich, dass Kompensationszahlungen neue Probleme nach sich ziehen würden, denn: Wo sollte das Geld landen? Eine Möglichkeit (Option A) wäre, die Verluste bei Privatversicherten arztpraxisbezogen auszugleichen. Damit würden aber jene Einkommensunterschiede festgeschrieben, die Systemkritiker gerade anprangern.

Und wenn man das Geld den Regionen in etwa so zur Verfügung stellte, wie es den Anteilen der Gesamtvergütungen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) an der heutigen bundesweiten Gesamtvergütung entspräche (Option B)? Dann ergäben sich erhebliche Verschiebungen. Würde man KVen Kompensationsgelder nach dem Privatpatientenanteil zur Verfügung stellen (Option A), erhielten nach Berechnungen des Wasem-Lehrstuhls beispielsweise Ärztinnen und Ärzte in Mecklenburg-Vorpommern circa 37 Millionen Euro und in Sachsen-Anhalt 48 Millionen Euro. Würde man hingegen die heutigen Gesamtvergütungsrelationen (Option B) zur Grundlage machen, wären es für Ärzte in Mecklenburg-Vorpommern etwa 95 Millionen Euro und in Sachsen-Anhalt 126 Millionen Euro.

Sabine Rieser

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