ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2013Transition: Noch in den Kinderschuhen

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Transition: Noch in den Kinderschuhen

Dtsch Arztebl 2013; 110(38): A-1722 / B-1523 / C-1499

Richter-Kuhlmann, Eva

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Es müsste nicht sein, dass chronisch kranke Jugendliche häufig erst in einem Notfall einen Spezialisten aufsuchen. Eine strukturierte Übergabe der Patienten vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin könnte die Zahl dieser Fälle reduzieren. Das zeigen Modelle.

Foto: picture alliance
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Riskantes Verhalten und das Ignorieren von Ratschlägen der Eltern sind typisch für die Pubertät. Bei Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen kann diese oft als schwierig empfundene Phase noch mit besonderen Problemen behaftet sein: Sie verlassen in dieser Zeit den vertrauten Kinderarzt und wenden sich an einen Spezialisten – zumindest theoretisch. Denn die Emanzipation vom Elternhaus und vom Pädiater sowie der Einstieg in das Berufsleben führen häufig dazu, dass Erkrankungen ignoriert und Therapien abgebrochen werden.

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Risiko: Langzeitschäden

Prof. Dr. med. Angela Zink, Rheumatologin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, kennt dieses Phänomen: „Angesichts der anstehenden Neuorientierungen verdrängen junge Erwachsene die chronische Krankheit leicht. Doch die Langzeitschäden einer unzureichenden Versorgung können gravierend sein“, betonte sie auf dem Medizinkongress der Barmer-GEK und des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen im Juni in Berlin. Jugendliche mit juveniler idiopathischer Arthritis beispielsweise sollten deshalb systematisch auf den Übergang in die Erwachsenenversorgung vorbereitet werden. Sie müssten lernen, die Verantwortung für ihre Krankheit selbst zu übernehmen, sagte die Ärztin.

Auch andere Fachrichtungen bemühen sich, den Übergang vom Pädiater zum Spezialisten in der Erwachsenenmedizin – auch Transition genannt – strukturiert zu gestalten. Doch dieser Prozess steckt noch in den Kinderschuhen: Ein einheitliches Versorgungskonzept gibt es in Deutschland nicht. Dabei wies bereits 2009 der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen auf diese Versorgungslücke hin. 2011 forderte die Bundes­ärzte­kammer, die Mängel in Bezug auf die Versorgung von chronisch kranken Jugendlichen zu beseitigen (DÄ, Heft 16/2011).

„Vonseiten des Gesetzgebers wie auch der meisten Kostenträger fehlt bislang die Anerkennung der besonderen Betreuungssituation. Es existieren bislang fachspezifische Einzellösungen, jedoch fehlt eine fächerübergreifende Struktur, die den Prozess der Transition nicht nur begleitet und absichert, sondern auch finanziell unterstützt“, erklärte Prof. Dr. med. Britta Siegmund von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Die Internistin ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Transition der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, die 2012 gegründet und mittlerweile um die Deutsche Gesellschaft für Neurologie erweitert wurde.

Als Vorbild kann nach Ansicht der Arbeitsgemeinschaft das Berliner Transitionsprogramm gelten, das im Rahmen einer Förderung des Forschungsministeriums zunächst für die Bereiche Epilepsie und Diabetes erarbeitet wurde. „Innerhalb dieses Modellprogramms sind fächerübergreifende Strukturen wie Transitionsheft, Epikrise, Fallmanagement, krankheitsspezifische Materialen und die Vergütung etabliert“, erläuterte Siegmund. Das Modellprogramm könne fachlich auch auf andere Erkrankungen sowie räumlich auf andere Bundesländer ausgedehnt werden.

GEK-Vertrag mit Kinderärzten

Doch warum ist dies in den letzten Jahren, in denen zunehmend über Transition gesprochen wird, nicht schon geschehen? „Die Barrieren bei der Transition sind hoch und vielfältig“, meinte Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Barmer-GEK. So begrenzten Zuständigkeitsregelungen im Berufsrecht und Kassenarztrecht das Aufgabenspektrum der Ärztinnen und Ärzte. Spezielle Transitionsleistungen würden meist nicht vergütet. Die Barmer-GEK will dies ändern und hat zum Juli 2013 auf Basis des § 73 b SGB V mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte einen Transitionsvertrag geschlossen. Dieser sieht einen Abschlussbericht sowie ein Transitionsgespräch vor.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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