ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2013Pestizideinsatz: Tödliche Ernte

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Pestizideinsatz: Tödliche Ernte

Dtsch Arztebl 2013; 110(38): A-1730 / B-1531 / C-1507

Neuber, Harald

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In Mittelamerika gehören chronische Nierenerkrankungen zu den häufigsten Todesursachen. Besteht ein Zusammenhang zur Agrarindustrie?

Zuckerrohrernte: In der Landwirtschaft werden massiv humantoxische Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Foto: dpa
Zuckerrohrernte: In der Landwirtschaft werden massiv humantoxische Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Foto: dpa

Die jüngsten Unfälle in der Textilindustrie in Bangladesh mit Hunderten Toten haben ein Schlaglicht auf die katastrophalen Produktionsbedingungen in Entwicklungsstaaten geworfen. Medizinische Hilfsorganisationen und entwicklungspolitische Gruppen weisen nun auch auf gesundheitliche Gefahren für Arbeiter bei Agrarzulieferern in Mittelamerika hin. Der Boom der agroindustriellen Produktion von Lebensmitteln und von Rohstoffen für sogenannten Biotreibstoff hat offenbar massive Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der lokalen Bevölkerung. Mediziner suchen eine Verbindung zwischen dem großflächigen Einsatz von Pestiziden und Nierenerkrankungen.

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„Krankheitswelle“

Das Problem zumindest ist unstrittig. Das Journalistennetzwerk ICIJ spricht von einer „Krankheitswelle“ und verweist darauf, dass sich die registrierten Fälle in Nicaragua und El Salvador in den vergangenen zwei Jahrzehnten verfünffacht haben. Nach Angaben der deutschen Hilfsorganisation medico international sterben in den beiden Staaten inzwischen mehr erwachsene Männer an Nierenerkrankungen als an Aids. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete unter Berufung auf Zahlen der Vereinten Nationen von mehr als 24 000 verstorbenen Nierenerkrankten in Mittelamerika seit dem Jahr 2000. Der Zusammenhang mit den Arbeitsbedingungen in der in beiden Staaten ausgeprägten Landwirtschaft und dem massiven Einsatz von humantoxischen Pflanzenschutzmitteln liegt nahe.

Besonders in Mittelamerika gehört der Anbau sogenannter flex crops zu den gewinnbringendsten Branchen. Zuckerrohr, Soja und Ölpalmen gelten als „flexible“ Anbauprodukte, weil sie als Lebensmittel und als Rohstoff für Agrarsprit verkauft werden können. Die schnell wachsenden Industrien in Schwellenländern wie Brasilien, China und Indien verlangen immer mehr Rohstoffe. Auch der US-Markt setzt auf die Agrarzulieferer aus dem nahen Mittelamerika. „Die Vereinigten Staaten haben im vergangenen Jahr etwa 138 Millionen Tonnen Mais und Hunderte Millionen Tonnen Getreide verbrannt, um Bio-Ethanol und Bio-Diesel herzustellen“, sagte der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, dem Deutschen Ärzteblatt. Die US-kubanische Fachzeitschrift „MEDICC Review“ hat in einer Feldstudie 2009 erstmals den Zusammenhang zwischen den genannten Risikofaktoren und Nierenerkrankungen in der salvadorianischen Region Bajo Lempa untersucht.

Kranke Arbeiter fordern Hilfen

Nierenversagen sei in El Salvador die häufigste Todesursache bei stationär behandelten erwachsenen Patienten und die zweithäufigste Todesursache unter erwachsenen Männern, führten die Autoren aus. Nach der Untersuchung von 775 Menschen – fast 90 Prozent der Bewohner der Zielregion – stellten die Forscher eine gegenüber internationalen Vergleichswerten signifikante Häufung chronischer Nierenerkrankungen in der agrarindustriell stark genutzten Region fest. „Am häufigsten waren chronische Nierenerkrankungen unbekannter Ursache, die weder mit Diabetes mellitus noch mit arterieller Hypertonie in Verbindung gebracht werden konnten“, heißt es in dem Resümee.

In Nicaragua haben sich inzwischen etwa 450 erkrankte Landarbeiter in der Selbsthilfeorganisation ASOTRAIRC zusammengeschlossen. Die Regierung des Landes und der Agrarkonzern Pantaleón gestanden einen Zusammenhang mit der Toxinbelastung in den Anbaugebieten nach Verhandlungen indirekt ein: Die Mitglieder des Verbandes und die Familien 135 Verstorbener erhalten Hilfen. Doch
ASOTRAIRC dringt auf nachhaltige Verbesserungen.

Harald Neuber

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