ArchivDeutsches Ärzteblatt19/1996Dromologie: Der Krankheitsverlauf in klinischer Sicht

MEDIZIN: Editorial

Dromologie: Der Krankheitsverlauf in klinischer Sicht

Odenwald, Gottfried

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LNSLNS Seit jeher werden Krankheiten in erster Linie als Krankheitsbilder beschrieben, wobei vor allem der vollentwickelte Krankheitszustand ins Blickfeld gerückt wird und in Vorstellung und Gedächtnis haften bleibt. Dagegen wird der Gesichtspunkt des Krankheitsablaufs, der Krankheitsverlauf kaum mit der gleichen Eindrücklichkeit und Bewußtheit zur Geltung gebracht.


"Verlaufs-Aspekt" von großer Bedeutung
So wird unter den "Prinzipien der Medizin" (6) der "Verlaufs"-Aspekt als solcher geradezu stiefmütterlich behandelt, indem er an verstreuten Stellen und nur ganz beiläufig erwähnt wird. Auch sonst habe ich nirgends eine zusammenhängende Darstellung des Zeitfaktors bei den Krankheitsvorgängen gefunden. Dabei fällt im Schrifttum, wenn der Blick erst einmal dafür geschärft ist, für den Gesichtspunkt des Krankheitsverlaufs eine ganze Reihe von Formulierungen auf, denen jedoch durchweg die für einen Terminus unerläßliche spezifische Prägnanz mangelt; genannt sei hier der häufig gebrauchte Ausdruck "Krankheitsentwicklung". Daß die einfache Bezeichnung "Verlauf" als nicht hinreichend empfunden wird, um das damit gemeinte klinische Anliegen deutlich genug ins Bewußtsein zu heben, wird an pleonastischen Wortverbindungen wie "zeitlicher Verlauf", "Verlaufsgeschehen" oder gar "zeitlicher Krankheitsverlauf", schließlich auch "Verlaufsdynamik" und "Chronodynamik" sichtbar. Fast als Kuriosa seien noch erwähnt: "Krankheitsmuster im Zeitablauf", "filmischer Ablauf des Krankheitsgeschehens" und "metachronischer Verlauf". – Wenn man nach "Verlaufs"Termini im Englischen oder im Französischen und anderen romanischen Sprachen Ausschau hält, begegnet man der gleichen begrifflichen Blässe.
Für den Gesichtspunkt des zeitlichen Ablaufs der Krankheitsvorgänge und die daraus zu entwickelnde Lehre wird hier nun der Terminus Dromo-Logie vorgeschlagen. Dieser Terminus ist von seinen sprachlichen Bestandteilen her dem Mediziner keineswegs fremd; hergeleitet vom griechischen Wort "drómos" (Lauf) stellen die medizinischen Termini "Prodrom" und "Syndrom" zwei feste klinische Begriffe dar, denen das Merkmal der zeitlichen Einordnung von Krankheitserscheinungen in den Krankheitsprozeß gemeinsam ist.
Dieser neue Terminus mit dem davon abgeleiteten Adjektiv "dromologisch" (wozu noch das "Dromogramm" kommt) zeichnet sich durch die geforderte Prägnanz und Spezifität aus und liefert für die medizinische Alltagssprache einen ebenso handlichen und geschmeidigen Fachausdruck, wie es Pathologie, Ätiologie, histologisch, Hämogramm schon lange sind. Auch für den internationalen wissenschaftlichen wie klinischpraktischen Austausch dürfte der Terminus hilfreich sein.
Dromologie ist aber keinesfalls ein abstrakter theoretischer Begriff, sondern ist eine eminent wichtige ärztliche Denk- und Sichtweise und geradezu eine eigene "klinische Dimension" (3), die in übergreifender Weise Ätiologie, Pathogenese, Pathologie, Symptomatologie, Diagnostik, Therapie und Prognostik einbezieht.
So darf Dromologie auch nicht mit den statistischen Methoden zur Erfassung des Krankheitsverlaufs beim einzelnen Patienten oder bei Patientengruppen gleichgesetzt werden. – Primär ist Dromologie ärztliches Handeln am einzelnen Kranken.


Ein altes Prinzip
Dabei bringt die Dromologie substantiell an sich nichts Neues; in einer wissenschaftlich ausgerichteten Medizin wurde sie schon immer praktiziert. Ein anschauliches Beispiel hierfür liefert die Fieberkurve, die sich im Laufe der Zeit über die Registrierung von Körpertemperatur und Pulsfrequenz hinaus zu einem Verlaufsbild, einem Dromogramm mit waagerechter Verlaufsachse und senkrechter Befundachse für die verschiedensten klinischen Parameter entwickelt hat.
Neben "Längsschnitten" sind auch "Querschnitts"-Dokumentationen eine dromologische Struktur, so der gute alte "Status praesens", und die Prognostik erweist sich ebenso als dromologischer Aspekt. Die Bestätigung der Diagnose "ex juvantibus" (remediis) bedient sich eines entsprechenden Zeitschemas, und auch die therapeutische Rätselfrage "propter oder post" hat dromologischen Charakter (1).
Ein wichtiger dromologischer Gesichtspunkt für das medizinisch-ärztliche Handeln ist die Wahl des richtigen Augenblicks. – Bei den Griechen war der richtige Augenblick für das Handeln, der Kairos, ein wesentliches philosophisches Anliegen, das als ein alle Lebensbereiche umspannendes Ereignis verstanden wurde. Aber auch die spezielle medizinisch-klinische Bedeutung des Kairos, das Erkennen und Ergreifen des richtigen Augenblicks, kann nicht hoch genug veranschlagt werden, zumal auch dieses ereignishaft werden kann.


Beispiele der Anwendung
Als ein vielfältiges dromologisches Beispiel stellt sich die Physiologie und Pathologie der Schwangerschaft dar. Die Pathologie der Tuberkulose wie die der Syphilis waren in ihren klassischen Zeiten von der dromologischen Deskription beherrscht. Auch die Infektionskrankheiten im engeren Sinn mit ihrem typischen Auftreten und Verschwinden der Symptome erweisen sich als ein weiteres wichtiges Gebiet der dromologischen Sichtweise. Schließlich seien noch die in der Psychiatrie bedeutsamen dromologischen Strukturen Phase und Schub, Exazerbation, Episode und Rezidiv, Chronizität, Relikt und Defekt genannt.
Nach dem zweiten Weltkrieg haben die Spätschäden nach Fleckfieber-Enzephalitis zum Teil erhebliche versorgungsrechtliche Probleme aufgeworfen, da diese Schäden nicht selten erst nach Jahren – meistens mit zunächst ganz unspezifischen Symptomen – klinisch manifest wurden und dann von den behandelnden Ärzten kaum als solche erkannt werden konnten. Zwar war in diesem Zeitpunkt die "Wehrdienstbeschädigung" selbst therapeutisch ebensowenig mehr angehbar wie schon in der sehr kurzen akuten Krankheitsphase. Dafür aber stieg – je später, desto eher – das Risiko von Fehlbegutachtungen, da das Krankheitsbild als solches im klinischen Gesichtsfeld der nachfolgenden Ärztegeneration nicht mehr in Erscheinung trat – auch ein dromologischer Vorgang, aber zugleich bereits ein medizingeschichtlicher Aspekt! (4, 2).
Ein neurologisches Krankheitsbild, das erst seit einigen Jahren mit seinen pathogenetischen Zusammenhängen voll in den Gesichtskreis der Ärzte gerückt ist, stellt die aus dem Diabetes mellitus hervorgehende diabetische Polyneuropathie dar, bei welcher es ganz entscheidend auf die Frühbehandlung und somit auf die Früherkennung ankommt, damit die sonst fast unabwendbaren desolaten Endzustände verhindert werden (5). – Ein hochaktueller dromologischer Fall!
Abschließend sei festgestellt: Wenn die Aufmerksamkeit erst einmal auf den Zeitfaktor gelenkt worden ist, wird man in seinem ärztlichen Überlegen und Handeln die Dromologie bewußter bedenken und wird sich – wenn der Terminus Eingang in die Fachsprache gefunden haben wird – mittels dessen kurz und prägnant verständlich machen können.


Literatur
1. Brandt T, Dichgans J, Diener HC (Hrsg): Therapie und Verlauf neurologischer Erkrankungen. Verlag Kohlhammer, Stuttgart Berlin 1988 (Spontanverlauf als therapeutisches Kriterium).
2. Delius L, Fahrenberg J: Psychovegetative Syndrome. Georg Thieme Verlag. Stuttgart 1966 (Seite 227: Fleckfieber-Spätschäden)
3. Groß Rudolf: Zur klinischen Dimension der Medizin – Beiträge zu einigen Grundlagen und Grundfragen. In der Reihe: Interdisciplina, hrsg. von Paul Lüth. Hippokrates Verlag, Stuttgart 1976
4. Kluge E (Nervenarzt): Neurotische Fehlhaltung oder Versagen nach Fleckfieber? Über das Mißvergnügen an der "Neurose" (Schilderung "auf Grund einer Krankengeschichte . . . was einem Menschen widerfahren ist"). Ztschr.: Der medizinische Sachverständige 1963, Seite 198–200
5. Mehnert Hellmut, Standl Eberhard: Handbuch für Diabetiker, 5. Auflage. TRIAS Thieme Hippokrates Enke. Stuttgart 1991
6. Rothschuh Karl E: Prinzipien der Medizin – ein Wegweiser durch die Medizin. Urban & Schwarzenberg, München–Berlin 1965


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-1257–1258
[Heft 19]


Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Gottfried Odenwald
Nervenarzt
Felsenstraße 31/3
89518 Heidenheim

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