ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2013Börsebius: Frühes Debakel

GELDANLAGE

Börsebius: Frühes Debakel

Dtsch Arztebl 2013; 110(38): A-1751 / B-1543 / C-1519

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Manchmal kommt es noch schneller, als der Kolumnist denkt. In meinem letzten Beitrag mit dem Titel „Seriöser Anstrich, brüchige Fassade“ habe ich meine Sorgen über Mittelstandsanleihen zur Sprache gebracht, davor gewarnt, dass es in diesem Marktsegment drunter und drüber ginge und das Risiko von Totalausfällen durchaus akut sei. Bereits in der Zeit zwischen Redaktionsschluss und Drucklegung lief die Nachricht über die Ticker, dass das Energieunternehmen „Windreich“ pleite sei. Nichts war es offenbar mit der Absicht, mit dem Geschäftsmodell Windenergie ganz groß rauszukommen. Nun sind einige der eingangs erwähnten Mittelstandsanleihen im Feuer, nämlich genau die von Windreich. Und das nicht zu knapp.

Der Windparkbauer Windreich hat insgesamt zwei Anleihen am Stuttgarter Marktsegment Bondm aufgelegt, und zwar eine über 75 Millionen Euro mit Fälligkeit 2016 und eine über 50 Millionen mit Fälligkeit 2015. Beide Anleihen sind von der Stuttgarter Börse vom Handel auf unbestimmte Zeit ausgesetzt worden und notierten vor (!) der Insolvenz mit einem Kurs um 50, waren also jeweils ungefähr die Hälfte ihres Nennwertes wert. Bis zum Zeitpunkt des Insolvenzantrags hatten Anleger bereits etwa die Hälfte ihres Geldes verloren.

Schon jetzt müsste jedem klar sein, dass am Ende der Fahnenstange noch viel mehr Geld verloren sein wird, sollte ein Handel doch noch stattfinden. Angeblich sollen die Anleihen besichert sein, nach Aussagen des bisherigen Chefs Willi Balz sogar mit 250 Millionen Euro aus seinem Privatvermögen. Doch wie belastbar solche Versprechungen sind, sei dahingestellt. Immerhin sieht sich das Unternehmen schon seit einiger Zeit mit schweren Vorwürfen der Bilanzfälschung und des Kapitalanlagebetrugs konfrontiert. Eine Quote von mehr als fünf Prozent halte ich persönlich für unwahrscheinlich, eine Ausschüttung von zehn Prozent wäre schon fast ein Wunder.

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Was viele als Miesmacherei und Neidreflex abgetan haben, wenn negativ über das Marktsegment der Mittelstandsanleihen berichtet wurde, hat sich nun mit einem ziemlichen Knalleffekt bestätigt, jetzt hat es halt auch noch einen ziemlich großen Emittenten erwischt. Insgesamt hat sich die Zahl der Insolvenzen in diesem Bondmarkt mittlerweile auf sieben erhöht, und das wird nicht die letzte gewesen sein.

Wer also bereits Mittelstandsanleihen besitzt oder gar welche kaufen will, ist gut beraten, sich die dahinterstehende Firma genau anzuschauen. Stimmt das Geschäftsmodell überhaupt? Wird Geld nur dazu verwandt, alte Schulden zu bezahlen? Ist die Anleihe besichert? Und wenn ja, wie? Höchste Vorsicht ist sowieso geboten, wenn im Prospekt steht, dass die Fortführung der Firma gefährdet ist, wenn die Emission nicht zustande kommt. Das kann nicht gutgehen.

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