ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2013Interview mit Prof. Dr. med. Klaus Weise, Psychiater in Leipzig: „Die Partei hat uns machen lassen“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Klaus Weise, Psychiater in Leipzig: „Die Partei hat uns machen lassen“

Dtsch Arztebl 2013; 110(38): A-1734 / B-1530 / C-1506

Jachertz, Norbert

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Prof. Dr. med. Klaus Weise, Jahrgang 1929. Von 1973 bis 1995 Direktor der Psychiatrischen Klinik und Poliklinik der Universität Leipzig. Foto: Universität Leipzig
Prof. Dr. med. Klaus Weise, Jahrgang 1929. Von 1973 bis 1995 Direktor der Psychiatrischen Klinik und Poliklinik der Universität Leipzig. Foto: Universität Leipzig

Der frühere Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Leipzig zur Öffnung der Kliniken, fürsorglichen Betreuung der Patienten und zur zentralen Rolle der großen Anstalten

War die DDR-Psychiatrie 1963 mit den Rodewischer Thesen ihrer Zeit voraus?

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Prof. Dr. med. Klaus Weise: Die Thesen kamen zwar relativ früh, und für die DDR waren sie sensationell. Doch sie lagen im Trend der Zeit. Mich haben zum Beispiel Karl Peter Kisker und das Hannoveraner sozialpsychiatrische Modell sehr beeindruckt. Allgemein war Großbritannien das Vorbild: Öffnung der Kliniken, Verkleinerung der Anstalten, aktivierendes therapeutisches Programm.

Was sagte denn die Staatsmacht zu solchen Ideen?

Weise: Wenig. Konflikte gab es eher mit der Charité, die hatte ein anderes therapeutisches Konzept. Mit Partei und Staat bedurfte es zwar einiger Gespräche. Doch die Psychiatrie stand nicht im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit, und man hat uns machen lassen. Auch über Vorwürfe der westlichen Orientierung konnte man hinweggehen.

Gab es nicht auch eine östliche Orientierung?

Weise: Das gehörte dazu. Die Sowjetunion konnte insofern Vorbild sein, als sie das System der großen Anstalten nicht kannte, sondern seit den 20er Jahren auf Tageskliniken setzte. Das war auch eine Folge der riesigen Ausdehnung des Landes.

Wie stand es um die Auflösung der großen Anstalten zugunsten von ambulanten Strukturen in der DDR?

Weise: Die zentrale Rolle der großen Krankenhäuser ist in der DDR nie infrage gestellt worden. Auch nicht durch die Rodewischer Thesen. Diese sind vielmehr der Endpunkt in der Entwicklung des anstaltzentrierten Betreuungssystems. Die Thesen enthalten zwar alle Elemente der Sozialpsychiatrie einschließlich der besonderen Förderung des ambulanten Sektors, sind aber konsequent auf die Anstalt bezogen. Die Thesen wurden in der Zeit eines Tiefstandes der Versorgung formuliert. Es war gar nicht zu erwarten, dass die Anstalten als einzig verbliebene psychiatrische Institutionen infrage gestellt würden. Erst die Brandenburger Thesen setzten sich 1975 mit der Institution Anstalt auch inhaltlich auseinander.

Und proklamierten die „therapeutische Gemeinschaft“ . . .

Weise: Ja, vor allem sprachen sie sich für die fürsorgliche Betreuung durch das Personal aus. Die therapeutische Gemeinschaft hat es im Sinne einer Partnerschaft auf Augenhöhe nie gegeben. Aber die Beziehung von Klinik und Patient kam in den Blick. Das hatte ganz praktische Auswirkungen wie Gruppenarbeit, Patientenfürsprecher und eine gewisse Öffnung der Krankenhäuser. Unsere Leipziger Klinik haben wir Mitte der 70er Jahre geöffnet.

Für alle?

Weise: Ja, bis auf einen kleinen Teil der an chronischen Psychosen Erkrankten, die aus der Zeit vor der Sektorisierung in psychiatrischen Krankenhäusern waren. Gewöhnlich aber gingen die Patienten für eine kurze stationäre Episode in die Klinik und dann gleich in die Ambulanz oder Tagesklinik. Damit aber kein Missverständnis aufkommt: Für Patienten im Maßregelvollzug kann ein Haus natürlich nicht derart geöffnet werden.

Die Thesen sprachen sich auch für eine Kooperation der Universitätskliniken mit den Anstalten aus.

Weise: Dazu kam es nicht. Die Universitätskliniken haben sich um Rodewisch kaum gekümmert. Die haben ihre Forschung gemacht.

Aber Sie waren doch selbst Leiter einer Universitätsklinik.

Weise: Leipzig war eine Ausnahme. Hier kooperierte die Universitätsklinik mit der Anstalt Dösen. Beide haben die Betreuung eines Teils von Leipzig übernommen, stationär und auch ambulant. Die ambulanten Strukturen halten sich übrigens bis heute.

Das Interview führte Norbert Jachertz.

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