ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2013Hausarzt in Neuseeland: Auf der anderen Seite der Welt

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Hausarzt in Neuseeland: Auf der anderen Seite der Welt

Dtsch Arztebl 2013; 110(38): A-1761 / B-1553 / C-1529

Pangritz, Johannes

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Johannes Pangritz erklärt, wieso er in Neuseeland die Freude am Beruf des Hausarztes zurückerlangt hat.

Fotos: Johannes Pangritz
Fotos: Johannes Pangritz

Zwei Jahre lang habe ich in Levin gelebt und gearbeitet. Der Ort mit 20 000 Einwohnern liegt auf der Nordinsel Neuseelands, etwa 50 Kilometer von der Hauptstadt Wellington entfernt. Ich war dort als Locum, als Arzt aus Übersee, der
zur Unterstützung der heimischen Hausärzte angestellt wird. Junge Ärzte meiden die ländlichen Regionen. Deshalb werden dort Hausärzte gebraucht. In Levin konnte ich mich in meiner täglichen Arbeit wieder um medizinische Fragen kümmern.

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Neuseeland ist ein Land mit Primärarztsystem, wo die Hausärzte nahezu die gesamte ambulante Versorgung übernehmen. Das Gesundheitssystem wird überwiegend aus Steuern finanziert, jedoch müssen die Patienten bei Konsultationen einen Eigenanteil von 30 neuseeländischen Dollar aufbringen. Der Staat zahlt am Monatsende zusätzlich für jede Behandlung noch einmal etwa den gleichen Betrag. Fast die gesamte fachärztliche Versorgung findet am Krankenhaus statt.

Zeit fürs Wesentliche: Johannes Pangritz hat sich wohlgefühlt bei den „Kiwis“.
Zeit fürs Wesentliche: Johannes Pangritz hat sich wohlgefühlt bei den „Kiwis“.

In den Arztpraxen gibt es eine klare Aufgabenteilung zwischen administrativen Tätigkeiten, die der „Practice Manager“ und die „Receptionists“ übernehmen, und medizinischen Aufgaben, die die Krankenschwestern und Ärzte erledigen. Der Professionalisierungsgrad der Schwestern ist hoch. Die Ausbildung beinhaltet ein Studium, das durch ein Aufbaustudium zum „Nurse Practitioner“ erweitert werden kann. Die Nurses unterstützen die Ärzte enorm, so dass innerhalb der 15 Minuten Konsultationszeit häufig komplexe Probleme gelöst werden können. Patienten mit akuten Problemen werden mittels einer „Triage“ untersucht – die medizinischen Basisdaten werden dokumentiert, bevor der Arzt das Patientengespräch beginnt und weitere Untersuchungen durchführt oder veranlasst. Anschließend übernimmt die Nurse die weitere Versorgung.

Der Hausarzt entscheidet, ob jemand zum Facharzt oder ins Krankenhaus überwiesen wird, nicht der Patient. Die Wartezeiten auf einen Termin beim Facharzt sind lang. Je nach Erkrankung und Kapazitäten können sie Monate betragen.

Die Arbeit als Hausarzt in Neuseeland habe ich als sehr angenehm empfunden, vor allem, weil ich von vielen Seiten Wertschätzung erfahren habe. Sie wird auch von der Verwaltungsseite zum Ausdruck gebracht und schlägt sich in einer angemessenen Bezahlung nieder. Außerdem droht kein Prüfungsausschuss den Ärzten mit Regressforderungen. Ärzte verordnen das, was sie für notwendig erachten.

Nach meiner Ankunft hatte ich 14 Tage Zeit, in einer Praxis zu hospitieren und mich ohne Druck in die neue Versorgungsrealität einzuarbeiten. Doch dann stand ich in Levin vor der Aufgabe, allein eine Praxis zu betreiben. Vieles war neu für mich: Ein anderes Computersystem, eine andere örtliche Versorgung. Also stellte ich viele Fragen, die von den Mitarbeitern geduldig beantwortet wurden. Für jedes Gespräch mit einem Patienten wurden 15 Minuten eingeplant, so dass ich an einem durchschnittlichen Arbeitstag zwischen 20 und 25 Patienten behandelte, in Deutschland kam ich häufig schon an einem Vormittag auf die doppelte Zahl. In Neuseeland sah ich zwar weniger Patienten, dafür stand ich vor höheren Anforderungen. Es wurde erwartet, dass ich viele Probleme selbst löse, da eine kurzfristige Überweisung an einen Facharzt unmöglich ist.

Die Arbeit wurde dadurch erleichtert, dass die Patienten in aller Regel fest in der Praxis eingeschrieben sind und alle Befunde in der elektronischen Patientenakte dokumentiert werden. Der Austausch von Informationen über die Befunde und die Behandlung von Patienten funktioniert dadurch deutlich unkomplizierter als in Deutschland.

Ein Beispiel: Ein junger Mann kann nach einem Motorradunfall seine rechte Schulter kaum noch bewegen. Die Unfallmeldung wird mit einem Online-Formular aufgenommen und an die Unfallversicherung weitergeleitet. Die Überweisung zum Röntgen drucke ich aus, eine Krankenschwester organisiert kurzfristig einen Termin in der Radiologieabteilung. Der Röntgenbefund wird direkt nach der Untersuchung in die nächstgrößere Stadt, nach Palmerston North, gesendet, wo ein Radiologe einen Befundbericht schreibt. Anschließend bespreche ich das Ergebnis mit dem Patienten. Von meinem Computer aus kann ich mich bei der Radiologieabteilung einloggen und mir die Bilder direkt ansehen. Der Motorradfahrer hat eine Schlüsselbeinfraktur in der Nähe des Schultergelenkes. Möglicherweise muss er operiert werden. Ich rufe also den diensthabenden Orthopäden am Krankenhaus von Palmerston North an, schildere den Fall und gebe ihm die Versicherungsnummer des Patienten. Damit kann der Orthopäde auf seinem PC den Röntgenbefund abrufen und über weitere Schritte entscheiden. Den Arztbrief schreibe ich innerhalb weniger Minuten: In den bereits vorstrukturierten Brief füge ich mit ein paar Klicks alle relevanten Information ein. Damit ist meine Behandlung abgeschlossen.

Oft sind es Kleinigkeiten, bei denen man sich fragt: Warum wurde das bei uns in Deutschland nicht schon längst eingeführt? Wie zum Beispiel der Vermerk im Führerschein, ob jemand Organspender sein möchte. Jeder „Kiwi“, der seinen Führerschein beantragt, muss dazu Stellung nehmen. Oder die Regelung, die Fahrtauglichkeit ab einem Alter von 75 Jahren alle zwei Jahre zu überprüfen.

Dr. med. Johannes Pangritz

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