ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2013Sozialpsychiatrie in der DDR: Die unvollendete Reform

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Sozialpsychiatrie in der DDR: Die unvollendete Reform

Dtsch Arztebl 2013; 110(38): A-1732 / B-1528 / C-1504

Jachertz, Norbert

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Vor 50 Jahren wurden die „Rodewischer Thesen“ formuliert. Ihr Ziel war die Öffnung der großen Anstalten in der DDR – es wurde jedoch nicht überall erreicht.

Foto: picture alliance
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Während die Psychiatrie-Enquete des Bundestages von 1975 bis heute noch zurate gezogen wird, wenn es um die psychiatrische Versorgung geht, sind die Rodewischer Thesen der DDR-Psychiatrie aus 1963 allenfalls Fachkreisen bekannt. Zu Unrecht, handelt es sich doch um einen relativ frühen und ambitionierten sozialpsychiatrischen Ansatz, die Verwahr-Psychiatrie zu überwinden. Mit den Thesen knüpfte die DDR zumindest theoretisch an angelsächsische und skandinavische Vorbilder an, auch das sowjetische Dispensaire-System spielte herein. Der Rodewischer Ansatz, die großen Anstalten zu öffnen und die Patienten soweit als möglich ambulant oder halbstationär zu betreuen und eine „aktive therapeutische Einstellung“ zu fördern, wirkt auch heute noch modern. Zeitbedingt erscheint hingegen, dass die Thesen stillschweigend von der Anstalt als der Basis jeglicher Versorgung ausgehen.

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Das Treffen im Mai

Die psychiatrische Klinik in Rodewisch, nahe dem heutigen Chemnitz, diente 1963 als Veranstaltungsort für das „1. Internationale Symposium über psychiatrische Rehabilitation“. Foto: Wikipedia
Die psychiatrische Klinik in Rodewisch, nahe dem heutigen Chemnitz, diente 1963 als Veranstaltungsort für das „1. Internationale Symposium über psychiatrische Rehabilitation“. Foto: Wikipedia

Vom 23. bis 25. Mai 1963 trafen sich Vertreter der 22 Psychiatrischen Groß-Anstalten („Fachkrankenhäuser“) und einiger Universitätskliniken der DDR in Rodewisch mit Kollegen aus sozialistischen und westlichen Ländern, darunter auch der Bundesrepublik Deutschland, zum „1. Internationalen Symposium über psychiatrische Rehabilitation“. Rodewisch, südwestlich von Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt, gelegen, war wegen seines Fachkrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie gewählt worden, einer zeittypischen Mammutanstalt mit (seinerzeit) um die 1 500 Betten. Das Treffen, hinter dem auch das DDR-Ge­sund­heits­mi­nis­terium stand, endete mit zehn Thesen. Zehn Jahre später, im Januar 1974, ergänzten drei Ärzte aus der Bezirksnervenklinik Brandenburg die Rodewischer Thesen um die neun „Brandenburger Thesen“.

Die Rodewischer Reformer forderten unter anderem

  • eine „komplexe Therapie“, die „von den neuroleptischen Psychopharmaka über die vielfältigsten Methoden der Arbeitstherapie bis zu den gruppenpsychotherapeutischen Verfahren“ reicht.
  • die Öffnung der Krankenstationen für den überwiegenden Teil der Kranken. Entscheidend dafür seien „ein durchdachtes rehabilitatives Heilregime, der fürsorgliche Geist des Personals, die damit geschaffene Heilatmosphäre und die aktive Einstellung zur komplexen Therapie“.
  • die Trennung der Stationen für akut Erkrankte von denen für chronisch Kranke sowie die Differenzierung von Jugend- und Altersstationen.
  • ein umfassendes System der Außenfürsorge, zu organisieren vom Fachkrankenhaus, mit Betonung der nachgehenden Fürsorge.
  • ärztlich verordnete Arbeitstherapie, eingeschlossen „engste Verbindungen zu den Produktionsbetrieben“, daneben Übergangslösungen zwischen arbeitstherapeutischen Einsätzen und der vollen Erwerbstätigkeit.

Ausführlich zu „Öffnung“ und „fürsorglichem Geist“ äußern sich die Brandenburger Thesen. Sie kreisen um die „Therapeutische Gemeinschaft“ von Patienten und Therapeuten und sind durchzogen von therapeutischem Optimismus, wörtlich: „Viele Erfahrungen haben gelehrt, dass der Übergang vom System der widerspruchslosen Anordnung zur eigenverantwortlichen Mitbestimmung, verbunden mit optimaler Selbstverwaltung und Selbstkontrolle die Möglichkeit schafft – bis auf wenige Ausnahmen – , sämtliche Stationen der psychiatrischen Krankenhäuser zu öffnen.“

Zweimal Sektorisierung

Die Rodewischer Forderungen lagen im Trend der Zeit, meint Prof. Dr. med. Klaus Weise aus Leipzig im Gespräch (siehe Interview) und verweist auf das westliche Ausland. „Mit Rodewisch ist man auf den fahrenden Zug aufgesprungen“, formuliert unverblümt Dr. med. Karen Bellin, Internistin aus Neuruppin. Weise und Bellin haben je auf ihrem Feld Reformen umgesetzt. Weise, Ende der 50er Jahre in Rodewisch weitergebildet, leitete von 1973 bis 1995 die psychiatrische Universitätsklinik in Leipzig und entwickelte diese „zur sozialpsychiatrischen Leiteinrichtung der DDR“, wie Kenner der Szene urteilen.

Bemerkenswert am Leipziger Modell ist – neben der Öffnung der Stationen – die konsequente Sektorisierung. Gemeint ist damit „die Schaffung relativ selbstständiger, in sich geschlossener Versorgungseinheiten, die stationäre, Teilzeit- und ambulante Behandlungsmöglichkeiten umfassen und für einen begrenzten Bereich des Territoriums (circa 250 000 Einwohner) zuständig sind“, heißt es in einer Informationsschrift des Leipziger Gesundheitsamtes. Die Universitätsklinik übernahm in dieser Weise die psychiatrische Versorgung von Leipzig-Süd, zwei weitere Regionen übernahm die Bezirksnervenklinik Dösen – ein seltenes Beispiel der Kooperation von Universität und Anstalt (1).

Bellin, von 1962 bis 1995 an der Neuruppiner Nervenklinik tätig, zuletzt als Chefärztin der Gerontopsychiatrie, sieht die Rodewischer Tagung als wegweisend für ihre Klinik an. Tatsächlich gilt Neuruppin als ein Musterbeispiel für die sogenannte Sektorisierung im Sinne der Thesen im kleinstädtisch-ländlichen Raum. Zu Beginn ihrer Tätigkeit, erinnert sich Bellin, war die im Pavillionstil erbaute Klinik mit einer hohen Mauer und jedes Haus mit einem zwei Meter hohen Drahtzaun umgeben, die Fenster vergittert, die Türen stets abgeschlossen. Gitter und Zäune seien im Gefolge von Rodewisch verschwunden. Die großen Krankensäle, eng mit Betten vollgestellt, wurden Zug um Zug zu Zimmern verkleinert, die Stationen geöffnet, eine Tagesklinik und eine Institutsambulanz eingerichtet, die Außenfürsorge organisiert. „Die Arbeitsfähigen arbeiteten in der Stadt, mit richtigen Arbeitsverträgen“, so Bellin. Freilich, die Mittel seien immer knapp gewesen. So hätten zum Beispiel chronisch Kranke zu lange Zeit in der Klinik zugebracht, weil Heimplätze fehlten. Gab es Widerstände gegen die Reformen? „Die Umsetzung erfolgte durch den ärztlichen Direktor, und das Ärzteteam machte begeistert mit“, versichert Dr. Bellin. Auch das Pflegepersonal? „Es gelang“, so Bellin diplomatisch, „die Mitarbeiter von den therapeutischen Gemeinschaften zu überzeugen.“

Last der Vergangenheit

Reformen waren laut Bellin nicht nur wegen der kläglichen Umstände nötig. Die deutsche Psychiatrie habe es vielmehr nach den Verfehlungen in der Nazizeit schwer gehabt, ihre Glaubwürdigkeit als medizinische Wissenschaft wiederzuerlangen. Auch deshalb habe sie sich um Reformen im Sinne einer humanen Betreuung bemühen müssen. Bellin weiß, wovon sie spricht. Sie deckte anhand von Krankenakten auf, dass die frühere Landesanstalt Neuruppin in das NS-„Euthanasie“-Programm als „Zwischenanstalt“ eingebunden war und trat mit ihren Forschungsergebnissen auf einer Medizinhistorikertagung 1989 als erste an die Öffentlichkeit.

Das Meinungen über die Wirkungsgeschichte der Psychiatriereform in der DDR gehen weit auseinander. Da ist einerseits der Leipziger Leuchtturm (der ohnehin für sich steht), da sind die von den Rodewischer Thesen beeinflussten Reformen in Neuruppin (und Mühlhausen/Pfaffenrode, Berlin-Herzberge und in Rodewisch selbst, ergänzt Dr. Bellin). Dennoch: „Eine nachhaltige Wirkung auf die psychiatrische Versorgung in der gesamten DDR blieb aus,“ resümieren Kumbier et al. Vielmehr habe bis zur „Wende“ die traditionelle Anstaltspsychiatrie überdauert. Offenbar mehr schlecht als recht folgt man dem Bericht der Aktion Psychisch Kranke zur Lage der Psych- iatrie in der ehemaligen DDR aus dem Jahre 1991. Der Bericht konstatiert eine „verantwortungslose Vernachlässigung des Fachgebietes Psychiatrie innerhalb des Gesundheitswesens der ehemaligen DDR“.

Steckengeblieben

Ist die Psychiatrie-Reform in der DDR denn nun gescheitert? Das wohl nicht, es gab ja die Ansätze. Sie scheint eher steckengeblieben zu sein (2). Dafür gibt es viele Gründe, diese vor allem: Es fehlte das Geld, daher der bauliche Verschleiß. „Die DDR war ein armes Land“, erklärt Weise. Das DDR-Ge­sund­heits­mi­nis­terium respektierte zwar die Reformthesen, unterstützte deren Umsetzung aber nur halbherzig. „Es gab zwar keinen Widerstand gegen Reformen, aber die psychisch Kranken waren dem Staat nicht so wichtig“, meint Bellin.

Halbherzig war wohl auch die Unterstützung durch die traditionellen Anstaltspsychiater. Die Universitätskliniken scheinen sich zumeist verweigert zu haben. Ein Grund für die verbreitete Hinhaltetaktik dürften auch die unterschiedlichen therapeutischen Auffassungen gewesen sein: soziale versus biologische Psychiatrie.

In der DDR gab es keine öffentliche Diskussion über die psychiatrische Versorgung, wie sie im Gefolge der Psychiatrie-Enquete in der Bundesrepublik geführt wurde. Damit fehlte der öffentliche Druck, etwas zu bewegen. „Die Umsetzung scheiterte maßgeblich am politischen System, das eine öffentliche Problemanalyse nicht zuließ“, sind jedenfalls Kumbier et al. überzeugt.

Norbert Jachertz

1.
vgl. zu Leipzig und Rodewisch auch Kumbier E, Haack K und Steinberg H: „50 Jahre Rodewischer Thesen – Zu den Anfängen sozialpsychiatrischer Reformen in der DDR, Psychiat Prax 2013; 40(6): 313–20 (nachfolgend zitiert als Kumbier et al.) CrossRef MEDLINE
2.
Richter E: „Stecken geblieben – Ansätze vor 38 Jahren“, Dtsch Arztebl 2001; 98(6): 307 VOLLTEXT
1.vgl. zu Leipzig und Rodewisch auch Kumbier E, Haack K und Steinberg H: „50 Jahre Rodewischer Thesen – Zu den Anfängen sozialpsychiatrischer Reformen in der DDR, Psychiat Prax 2013; 40(6): 313–20 (nachfolgend zitiert als Kumbier et al.) CrossRef MEDLINE
2.Richter E: „Stecken geblieben – Ansätze vor 38 Jahren“, Dtsch Arztebl 2001; 98(6): 307 VOLLTEXT

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