ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1998Fachinformationen: Springer-Pferd auf der Bertelsmann-Koppel

POLITIK: Aktuell

Fachinformationen: Springer-Pferd auf der Bertelsmann-Koppel

Dtsch Arztebl 1998; 95(49): A-3116 / B-2645 / C-2451

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Der Markt für wissenschaftliche Publikationen, auch der Medizin, ist in Bewegung.
Die Bertelsmann AG hat sich mit dem Wissenschaftsverlag Springer Berlin/Heidelberg den wohl bedeutendsten deutschen Verleger wissenschaftlicher, insbesondere naturwissenschaftlicher und medizinischer Bücher und Zeitschriften eingefangen. Springer ist weltweit präsent. Autoren und inhaltliche Qualität gelten als gut bis hervorragend.
Bertelsmann kauft somit nicht nur Umsatz, sondern auch Image ein. Das beeinflußte auch den Kaufpreis von angeblich einer Milliarde Mark. Denn vom Ertrag her dürfte Springer den Bertelsmann-Maßstäben nicht genügen. Der Springer-Umsatz liegt bei 650 Millionen Mark, die Bertelsmann-Fachinformationen (bekannteste medizinische Periodika: Ärzte-Zeitung und Münchener Medizinische) bei rund 600 Millionen Mark. Zusammen mit den Fachumsätzen der französischen Havas SA, die Bertelsmann derzeit zur Kooperation bewegt, könnte ein, wie Bertelsmann formuliert, global player mit über 2 Milliarden Umsatz an Fachinformation entstehen. Begründet wird der Springer-Kauf mit den heute allenthalben bemühten Hinweisen auf Globalisierung und Synergie-Effekte. Ob Springer zwingend aus diesen Gründen auf die große Bertelsmann-Koppel getrieben werden mußte, sei dahingestellt. In der Branche war allerdings seit langem zu hören, Springer habe Kapitalbedarf und wolle den über die Börse decken. In der Tat haben es Familiengesellschaften, die expandieren wollen oder müssen, häufig schwer, die nötigen Mittel aufzubringen, zumal wenn die Erträge unter Druck stehen. Das ist bei wissenschaftlichen Büchern und Zeitschriften heute der Fall. Die Bibliotheken fahren ihre Etats zurück, und wenn sie investieren, dann immer häufiger in elektronische Informationen. Springer hat gerade hier bisher sehr gut mitgehalten. Etwa 400 seiner Zeitschriften sind online zu beziehen, zusätzlich zur Printausgabe. Die elektronische Präsenz erfordert allerdings erhebliche Investitionen, ohne daß sicher ist, die auch wieder hereinspielen zu können. Bertelsmann kann hier mit Erfahrung und Vertriebsstrukturen aufwarten. Abzuwarten bleibt, ob der Qualitätsstandard, den Springer bisher gepflegt hat, aufrechterhalten werden kann und ob auch künftig abgelegenere Wissensgebiete gepflegt werden dürfen. Wissenschaftliches Publizieren ist personalintensiv, zumal bei kleinen Auflagen nicht unbedingt renditeträchtig. Bertelsmann ist jedoch ein Unternehmen, das sehr renditeorientiert arbeitet. Im Unterschied zu Springer ist Bertelsmann zudem nicht verlegergeprägt, hier haben Manager das Sagen. Vielleicht deshalb ist Bertelsmann bisher auch kaum durch ein ausgeprägtes publizistisches Profil aufgefallen. Der Springer-Erwerb und die Neuformierung der Sparte "Fachinformation" ist im wesentlichen dem von Axel Springer zu Bertelsmann gewechselten Jürgen Richter zuzurechnen. Der hat, so der neue Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff, damit "seine herausragende Klasse" gezeigt. Er wird sie noch beweisen müssen, wenn die künftige Bertelsmann-Marke "Springer" nicht nur durch Größe, sondern auch durch hohes Ansehen geprägt sein soll. Norbert Jachertz
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