ArchivDeutsches Ärzteblatt19/1996Risikoabschätzung für das familiäre Auftreten von Brustkrebs

MEDIZIN: Referiert

Risikoabschätzung für das familiäre Auftreten von Brustkrebs

bcr

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LNSLNSLNSLNS Brustkrebs ist bei etwa fünf Prozent der Fälle erblich bedingt und wird in diesen Familien in aufeinanderfolgenden Generationen bei Frauen beobachtet, wobei zusätzlich zum Brustkrebs auch Ovarialkrebs auftreten kann. In den letzten Jahren wurden Gene lokalisiert oder identifiziert, die primär an der Entstehung von erblich bedingtem Brustkrebs beteiligt sind. Dazu gehören die Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2. BRCA1 (breast cancer gene 1) ist im letzten Jahr isoliert worden, und einige der krankheitsauslösenden Mutationen wurden identifiziert. BRCA2 ist im letzten Jahr auf Chromosom 13 lokalisiert worden, eine Identifikation steht bislang noch aus. Es gibt auch andere Gene, die mit einem erhöhten Auftreten von Brustkrebs in Verbindung stehen, dazu gehört beispielsweise das AT-(Ataxia teleangiectasia-) Gen. Viele Frauen möchten erfahren, ob sie ein für Brustkrebs prädisponierendes Gen geerbt haben und wie hoch ihr Erkrankungsrisiko ist, wenn in ihrer Familie bereits solche Fälle aufgetreten waren. Die Autoren beschreiben die Möglichkeiten, die die genetischen Beratungsstellen haben, um solche Frauen über ihr persönliches Brustkrebsrisiko bei einer bestimmten familiären Vorgeschichte aufzuklären. Es sind dabei drei Fälle zu unterscheiden:
Fall 1: In der Familie der ratsuchenden Frau sind wenige Brustkrebsfälle aufgetreten (bei ein bis zwei Verwandten ersten oder zweiten Grades). Eine gesicherte Aussage über einen Vererbungsmodus kann nicht gemacht werden.
Fall 2: In der Familie sind mehrere Brust- oder Ovarialkrebsfälle in mindestens drei Generationen aufgetreten, so daß als hinreichend wahrscheinlich angenommen werden kann, daß in dieser Familie ein autosomal dominantes Brustkrebsgen vererbt wird.
Fall 3: Zusätzlich zu Fall 2 sind DNA-Analysen durchgeführt worden, mit denen Aussagen über die Kopplung der Erkrankung mit einem der bekannten Brustkrebsgene gemacht werden können. Die weitaus meisten Fälle für die praktische Beratung fallen in die Gruppe 1. Die Autoren legen Tabellen vor, aus denen das Erkrankungsrisiko bei einer bestimmten familiären Vorgeschichte abhängig vom Diagnosealter von ein oder zwei Verwandten ersten oder zweiten Grades entnommen werden kann. Dabei stützen sie sich auf Daten einer großen amerikanischen Studie und kombinieren diese mit einem Verfahren, mit denen die amerikanischen Tabellen für die deutsche Bevölkerung übertragbar gemacht werden können. Dazu ein Beispiel: Für eine Frau, die zwei Verwandte ersten Grades mit Brustkrebs hat, deren Erkrankungsalter bei 42 oder 63 liegen möge, läßt sich aus diesen Tabellen das lebenslange Brustkrebsrisiko ablesen. Es liegt bei etwa 36 Prozent. Es ist damit wesentlich höher als das Erkrankungsrisiko für Brustkrebs in der weiblichen Allgemeinbevölkerung (etwa acht Prozent). Bei Vorliegen von Fall 2 kann davon ausgegangen werden, daß die Krankheit in der Familie dominant vererbt wird. Dann kann man direkt unter Verwendung der Mendelschen Vererbungswahrscheinlichkeiten die Schätzung des Risikos, an Brustkrebs zu erkranken, ableiten. Beispiel: Genträger des BRCA1 oder BRCA2 Gens erkranken mit hoher Wahrscheinlichkeit (etwa 95 Prozent) in ihrem Leben an Brustkrebs. Das Risiko für Nicht-Genträgerinnen, aufgrund anderer Ursachen Brustkrebs zu entwickeln, beträgt nur etwa sieben Prozent. Eine Frau, die mit 50prozentiger Wahrscheinlichkeit eines der Brustkrebsgene geerbt hat, erkrankt somit mit etwa 50prozentiger Wahrscheinlichkeit in ihrem Leben an Brustkrebs.
Im Fall 3 kann, da derzeit direkte Mutationsnachweise Praxis noch nicht zur Verfügung stehen, mit Hilfe der
indirekten Genanalyse (genetische Kopplungsanalyse) getestet werden, ob die Krankheit mit einem der beiden bekannten Brustkrebsgene gemeinsam vererbt wird. Ist die Familie hinreichend groß und liegen für eine Reihe erkrankter und nicht erkrankter Familienmitglieder DNA-Analysen vor, so kann für eine ratsuchende Frau nach einer persönlichen DNA-Analyse mit großer Wahrscheinlichkeit angegeben werden, ob sie ein bekanntes Brustkrebsgen trägt oder nicht.
Die Autoren diskutieren die Konsequenzen der derzeit vorliegenden Möglichkeiten für die genetische Beratungspraxis. Nur in einigen ausgewählten Familien liegt eine Situation vor, bei der eine indirekte Genanalyse angebracht ist. Eine enge Zusammenarbeit genetischer Beratungsstellen, betreuender Ärzte und molekulargenetischen Laboratorien ist unabdingbar, um fachliche Kompetenz mit bestmöglicher Beratung und Begleitung zu verbinden. bcr


Chang-Claude J, Becher H, Hamann U, Schröder-Kurth T: Risikoabschätzung für das familiäre Auftreten von Brustkrebs. Zentralblatt für Gynäkologie 1995; 117: 423–434
Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Heiko Becher, Deutsches Krebsforschungszentrum Abteilung Epidemiologie, Im Neuenheimer Feld 280, 69120 Heidelberg

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