ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1998Liquid Ecstasy - die neue Partydroge

POLITIK: Medizinreport

Liquid Ecstasy - die neue Partydroge

Dtsch Arztebl 1998; 95(49): A-3119 / B-2514 / C-2269

Heinz, Thomas W.

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LNSLNS Die Partyszene hat mit "Liquid Ecstasy" eine neue Wunderdroge. Diese farblose, leicht salzig schmeckende Flüssigkeit wird vermehrt von Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Rauschmittel konsumiert. Der eigentliche Wirkstoff ist Gamma-Hydroxy-Buttersäure (GHB) und hat mit dem zu zweifelhaften Ruhm gekommenen "Ecstasy", das zumeist Amphetaminderivate wie etwa Methylendioxymetamphetamin (MDMA) enthält, nichts zu tun. Drogenexperten erklären die Wirkung von GHB als "den totalen Horrortrip".
Tatsache ist, daß sich seit Monaten ein zunehmender Mißbrauch von GHB in Deutschland erkennen läßt. Anfang des Jahres war GHB fast ausschließlich außerhalb Deutschlands bekannt, vor allem in den USA. Nachfragen bei Mitarbeitern des Bundeskriminalamtes ergaben, daß zu diesem Zeitpunkt dem GHB-Mißbrauch in Deutschland keine große Bedeutung beigemessen wurde. Im Verlauf des Jahres wurden aber immer wieder GHB-Fläschchen bei Razzien, zum Beispiel in Diskotheken, sichergestellt. Hauptumschlagplatz war zunächst das Ruhrgebiet.
Ursprünglich handelt es sich bei GHB um ein Narkosemittel, das in Deutschland als Somsanit® im Handel ist. Es wird als intravenöses Narkotikum bei chirurgischen Eingriffen mit hohem Anästhesierisiko eingesetzt. In der Kombination mit anderen zentralnervös wirkenden Substanzen kann deren Wirkstoff erheblich gesteigert werden. Von besonderer Bedeutung für die Drogenszene ist die Wechselwirkung mit Alkohol. Pharmakologische Effekte der GHB sind stark dosisabhängig und reichen bei In-vitro-Applikation von Schlaf über Sedierung bis zur Narkose; als Monotherapeutikum wirkt es nicht atemdepressiv. In geringen Dosen wird eine euphorisierende Wirkung beschrieben, in Bodybuilderkreisen wird anekdotenhaft ein anaboler Effekt benannt.
Die Nebenwirkungen bei GHB-Mißbrauch im Rahmen der Discoszene sind sehr stark von der Dosierung, der Konzentration der inkorporierten GHB-Flüssigkeit abhängig und können zwischen Glücksgefühlen und zum Teil bedrohlichen Nebenwirkungen changieren. Geringe bis mittlere Dosierungen verursachen Euphorisierung und Antriebssteigerung, die die Ähnlichkeit zur MDMA-Wirkung abbildet. Diese Ähnlichkeit findet sich in der Begrifflichkeit ("Liquid Ecstasy"/"Ecstasy") wieder und kann bei den unzureichend informierten Konsumenten zu fataler Verwechslung und Verharmlosung führen. Bei größeren Dosierungen können relativ unvermittelt Myalgien und Myokloni auftreten, es kann zu Übelkeit und Erbrechen kommen. Neben Atemnot ist vor allem das plötzliche Auftreten von tiefer Bewußtlosigkeit für die Berauschten eine Gefahr. Im Einzelfall kann bereits ein Viertel Gramm GHB zuviel zu solchen Intoxikationen führen - wie schon in Zusammenhang mit anderen illegalen Drogen immer wieder betont, weiß auch von den GHB-Konsumenten niemand, wie konzentriert die illegale Droge ist und wie der einzelne auf diese Substanz reagiert. Die Gefahren der Polypragmasie (Alkohol, andere Drogen, Medikamente) wurden bereits erwähnt.
Abschließend muß auch auf das relative Unwissen der ärztlichen Kollegen hingewiesen werden, die im Notfall noch nicht ausreichend über die Wirkungen und Nebenwirkungen von GHB informiert sind. Auch hier kann es zu der Verwechslung mit "Ecstasy" kommen. Im Bedarfsfall kann versucht werden, die GHB-Wirkung durch die Gabe von Physiostigmin zu antagonisieren. Thomas W. Heinz

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