ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1998Hungersnot in Nordkorea: Ein Land aus einer anderen Zeit

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Hungersnot in Nordkorea: Ein Land aus einer anderen Zeit

Dtsch Arztebl 1998; 95(49): A-3124 / B-2632 / C-2336

Müller, Oliver

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LNSLNS Menschen sterben an den Folgen von Mangelernährung. Die Ärzte müssen zusehen, weil ihnen das Wichtigste fehlt - Nahrungsmittel und Medikamente
Nach der Ankunft in der nord-koreanischen Hauptstadt Pjöngjang erwartet den ausländischen Besucher die erste Überraschung: Der Weg vom Flughafen führt immer zuerst zum "großen Führer". Der monumentalen Statue des 1994 verstorbenen Staatspräsidenten Kim Il Sung muß jeder Gast seine Reverenz erweisen. Der Besuch des Standbildes vermittelt einen ersten Eindruck vom beispiellosen Führerkult in Nordkorea.
Pjöngjang ist eine Metropole mit weitgehend grauen, trostlosen Häuserblocks. Da Privatpersonen der Besitz von Autos nicht erlaubt ist, wirken die zum Teil sechsspurigen Boulevards wie ausgestorben. Die Menschen sind hauptsächlich zu Fuß unterwegs. Es herrscht eine lautlose Betriebsamkeit. Schließlich verstärken die antiquierten Kleinlastwagen mit Holzvergaser das Gefühl, in einem anderen Zeitalter zu sein - dies nicht nur im übertragenen Sinn: Man schreibt in Nordkorea das Jahr 87. Im vergangenen Jahr änderte die Regierung die Zählweise, die jetzt vom Geburtstag Kim Il Sungs ausgeht.
Hagelstürme, Überschwemmungen und Flutwellen haben das Land in den vergangenen Jahren an den Rand des Ruins gebracht. Die Agrarproduktion sank um 70 Prozent. Wie viele Menschen seitdem verhungert sind, weiß niemand genau. Beobachter sprechen von einer Million.
Nach den Schreckensbildern des vergangenen Jahres mit Kindern, die zu schwach zum Stehen waren, bietet die Kindertagesstätte in Wonsan ein erfreuliches Bild. Die meisten der 250 Kinder machen einen gesundheitlich stabilen Eindruck - eine Folge der internationalen Nahrungsmittelhilfe. "Vom Staat haben wir schon lange nichts mehr bekommen", sagt die Leiterin Kim Sung Ok. Bereits Säuglinge seien in der Einrichtung untergebracht. Viele ihrer Mütter könnten nicht mehr stillen, da sie selbst zu schlecht ernährt seien. Durch Zusatzernährung aus dem Ausland besteht für die Säuglinge aber momentan keine Lebensgefahr mehr. In Nordkorea ist der Besuch von Kindertagesstätten Pflicht. Dies sichert dem Staat den Einfluß auf die Erziehung und ermöglicht zugleich die mit rund 80 Prozent wahrscheinlich höchste Frauenerwerbsquote der Welt. Im nahe gelegenen Kinderkrankenhaus bieten sich erschütternde Bilder. "Ein Viertel aller Kinder ist wegen Unterernährung hier", sagt Chefarzt Kim Jong Ho. Vor allem ältere Kinder und Jugendliche sind betroffen. Die 16jährige Ro Hyang wiegt nur noch 22 Kilogramm. Apathisch und durch Vitaminmangel fast blind liegt sie zusammengekauert in ihrem Bett. Das Krankenhaus kann Ro die notwendige Diät nicht bieten. Sie ist somit völlig auf die Versorgung durch ihre Familie angewiesen, doch diese ist dazu nicht in der Lage. In den letzten Wochen hat sie ständig an Gewicht verloren. Wenn nicht bald Hilfe eintrifft, ist es für sie zu spät. Im Nebenzimmer treffen wir den sechsjährigen Hom. Seine spindeldürren Ärmchen sind von Hautausschlägen überzogen - eine Folge der Unterernährung. Er wiegt nur elf Kilogramm. In seinem Klinikschlafanzug sieht der Junge wie ein Häftling aus. Die gut ausgebildeten Ärzte des Kinderkrankenhauses sind durchaus motiviert, sich für ihre kleinen Patienten einzusetzen. Doch es fehlen ihnen alle Mittel dazu. "Was wir brauchen, sind Lebensmittel und Medikamente", sagt der Chefarzt. "Wir können den Kindern kaum helfen." Ein Umstand, der dem von der Partei entsandten Übersetzer sehr unange-nehm ist. Die Realität im Krankenhaus widerspricht zu stark dem Bild vom "Paradies der Werktätigen", wie es von den Regierungsmedien beschworen wird.
"Das ist die schwierigste Zeit, an die ich mich erinnern kann", sagt der diensthabende Arzt Kim Jong Wang in Jong Won. Es zermürbt ihn zu se-hen, daß die meisten seiner Patienten eigentlich nicht krank, sondern unterernährt sind. Der elfjährige Cha Tonk liegt schon seit 30 Tagen in der Klinik. Sein leerer Blick und die hervorstehenden Knochen erinnern an einen alten, kranken Mann. Die Klinik verfügt kaum über Medikamente und keinerlei Nahrungsmittel. Wenn bei ihm weitere Infektionen auftreten, wird Cha unter ärztlicher Aufsicht an Mangelernährung sterben müssen. Noch versuchen Dr. Jong Wang und seine Mitarbeiter, dies mit allen Mitteln zu verhindern. Jeder Quadratzentimeter Boden um die Klinik wird für den Anbau von Gemüse genutzt. Kräuter sollen fehlende Medikamente ersetzen. Rund eine Million Tonnen Lebensmittel wurde seit 1996 von den Vereinten Nationen und verschiedenen Hilfsorganisationen nach Nordkorea gebracht. Vor allem ihnen ist es zu verdanken, daß die Not im Land nicht noch größer ist. So ist es zum Beispiel in den vergangenen Monaten gelungen, Säuglinge und Kleinkinder ausreichend zu versorgen - ein Umstand, den auch die nordkoreanische Regierung anerkennt. Bei älteren Kindern, schwangeren Frauen oder kranken Menschen ist die Ernährung aber bei weitem nicht ausreichend.
Eine der Hilfsorganisationen, die mit am längsten in Nordkorea arbeitet, ist Caritas international. In diesem Jahr will sie 15 000 Tonnen Hilfsgüter nach Nordkorea bringen, darunter Lebensmittel, Dünger, landwirtschaftliche Materialien und Medikamente. Anders als in den meisten Ländern beansprucht in Nordkorea die Regierung die Verteilung der Hilfsgüter. Unabhängige Hilfsorganisationen oder kirchliche Gruppen gibt es nicht im Land, da alle Lebensbereiche von der Partei geregelt werden. Caritas-Mitarbeiterin Käthi Zellweger war in den vergangenen zwei Jahren neunzehnmal in Nordkorea, um die Hilfsprogramme zu begleiten. Sie besucht Krankenhäuser und Kindergärten und kontrolliert, ob die Nahrungsmittel bei den Zielgruppen angekommen sind. Die Zusammenarbeit mit den staatlichen Stellen gestaltet sich für sie wie auch für alle anderen Ausländer nicht einfach. Die absolute Unabhängigkeit des Landes hatte Staatspräsident Kim Il Sung als oberstes Gebot beschworen. Daß nun Fremde in die Bücher der Distriktverwaltungen schauen und Auskunft über jeden Liter Speiseöl verlangen, ist für viele Funktionäre ungewohnt. Zu 160 von 212 Distrikten in Nordkorea haben die Hilfsorganisationen Zugang. Nur dorthin, wo eine Kontrolle erlaubt ist, werden auch Hilfsgüter geliefert - mit sehr hoher Zuverlässigkeit, wie Zellweger bestätigt. "Ohne die internationale Hilfe wären Tausende Menschen verhungert." Landrätin Choi Won Suk aus Kosan spricht unverblümt von der Not der kommenden Monate: "Wir werden verstärkt Gras und Kräuter essen." In der Tat sehen wir überall in Parks und Wäldern, wie Menschen nach verwertbaren Pflanzen suchen, die zu einer Art Suppenwürfel verarbeitet werden. "Dies war schon in den letzten Monaten unsere Zusatzernährung, doch nun stellen die Gräser für viele Menschen das Hauptgericht dar", sagt Choi Won Suk.
Dieser Eindruck bestätigt sich in Gesprächen mit Landarbeitern, die nur über ein Viertel der benötigten täglichen Kalorienzahl verfügen. Es grenzt an ein Wunder, daß die Bauern die schwere Arbeit in den Reisfeldern dennoch bewältigen. Offiziell wird alle Not in Nordkorea auf die Naturkatastrophen zurückgeführt. Doch die Probleme liegen tiefer. "Auch wenn die diesjährige Ernte optimal verläuft, fehlen uns 20 Prozent Nahrungsmittel", gesteht ein anderer Beamter ein. Völlig veraltete Landmaschinen sowie der Mangel an Treibstoff und Dünger sind nur Symptome der schweren Wirtschaftskrise des Landes. Mit dem Niedergang sozialistischer "Bruderstaaten" fiel die Wirtschaftsleistung um 50 Prozent. Doch ein gewisser Wandel ist unübersehbar. So gibt es kleine Bauernmärkte, die nach der reinen Lehre zwar unerwünscht sind, aber toleriert werden. Dort kann sich in begrenztem Umfang ein freier Markt entwickeln.
Spendenkonto: Deutscher Caritasverband, Postbank Karlsruhe, Konto 202 753, BLZ 660 100 75, Stichwort: Nordkorea. Oliver Müller
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