ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1998Klassifikation und Diagnose des Diabetes mellitus

MEDIZIN: Kurzberichte

Klassifikation und Diagnose des Diabetes mellitus

Dtsch Arztebl 1998; 95(49): A-3144 / B-2652 / C-2354

Kerner, Wolfgang

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LNSLNS WHO und Amerikanische Diabetes-Gesellschaft (ADA) haben kürzlich eine gemeinsam erarbeitete Neufassung der Klassifikation und Diagnosekriterien des Diabetes mellitus vorgestellt. Die neue Klassifikation ist an der Ätiologie der Diabetesformen orientiert. Begriffe wie IDDM und NIDDM werden auf diese Weise eliminiert. Der diagnostische Grenzwert für die Nüchternglukose im Plasma wurde auf 126 mg/dl (entsprechend 110 mg/dl im Vollblut) gesenkt. Ausschlaggebend hierfür waren neue Arbeiten aus der Epidemiologie der mikrovaskulären Komplikationen. Neu ist, daß zur Diagnose einer gestörten Glukosetoleranz nicht mehr unbedingt ein oraler Glukose-Toleranztest erforderlich ist. Dies ist nun anhand der Nüchtern-Glukosewerte möglich (abnorme Nüchternglukose). Die gestörte Glukosetoleranz ist in der neuen Klassifikation keine eigenständige Erkrankung mehr, sondern hat den Stellenwert eines Krankheitsstadiums. Keine Änderungen wird es beim Gestationsdiabetes geben. Hierzu existieren weiterhin die unterschiedlichen Richtlinien von ADA und WHO.
Schlüsselwörter: Diabetes mellitus, Klassifikation, Diagnose, Gestörte Glukosetoleranz, Gestationsdiabetes


Classification and Diagnosis of Diabetes Mellitus
The American Diabetes Association (ADA) has recently published a new classification of diabetes mellitus and revised criteria for diagnosis. It has been announced that WHO will adopt these changes in near future. The classification is no longer based on therapeutic options but on our present knowledge on the etiology of diabetes. The terms IDDM and NIDDM have been eliminated and replaced by type 1 and type 2 diabetes. Measurement of fasting glucose is the preferred test for diagnosis of diabetes. The diagnostic threshold value has been lowered to 126 mg/dl (110 mg/dl in whole blood). For the diagnosis of an impair-ment in glucose tolerance an oral glucose tolerance test is no longer necessary. Diagnosis is now possible on the basis of a fasting plasma glucose value between 110 and 125 mg/dl (impaired fasting glucose). With regard to gestational diabetes no consent was found between ADA and WHO. Different diagnostic criteria from both institutions will continue to exist.
Key words: Diabetes mellitus, classification, diagnosis, impaired glucose tolerance, gestational diabetes


Während des Amerikanischen Diabeteskongresses im Juni 1997 wurden in Boston neue Kriterien zur Diagnose und eine neue Klassifikation des Diabetes mellitus vorgestellt. Beides hat das "expert committee on the diagnosis and classification of diabetes mellitus" erarbeitet, das von der Amerikanischen Diabetes-Gesellschaft ins Leben gerufen wurde und dem Vertreter dieser Gesellschaft sowie weitere Diabetologen aus den USA und Europa angehörten. Vorgestellt wurde der Bericht des Expertenkomitees von dessen Vorsitzendem (J. R. Gavin, Bethesda, MD) und von K. G. M. M. Alberti als Vertreter der WHO. Auch wenn der in Boston vorgetragene und inzwischen publizierte Report (3) formal eine Verlautbarung der Amerikanischen Diabetes-Gesellschaft ist, kann man nach Aussage von Prof. Alberti davon ausgehen, daß sich die WHO der neuen Klassifikation und auch den Diagnosekriterien (mit Ausnahme der Kriterien zur Diagnose des Gestationsdiabetes) anschließen wird. Dies ist insofern von Bedeutung, als es in den letzten zwei Jahrzehnten international zwei Klassifikationen und Diagnosekriterien gegeben hat: die der amerikanischen NDDG (National Diabetes Data Group) (1) und der WHO (2). Diese Verlautbarungen unterschieden sich in einigen, nicht ganz unwichtigen Details. Die jetzt bevorstehende Vereinheitlichung ist sehr zu begrüßen.
Klassifikation des Diabetes mellitus
Die neue Klassifikation ist im Textkasten: Klassifikation des Diabetes mellitus dargestellt. Die wichtigsten Änderungen lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen.
« Die neue Klassifikation orientiert sich an ätiologischen Gesichtspunkten und verläßt die frühere, vorwiegend an der Therapie ausgerichtete Einteilung. Auf diese Weise werden die vor allem in Nordamerika verbreiteten Begriffe wie IDDM (Insulin Dependent Diabetes Mellitus) und NIDDM (Non Insulin Dependent Diabetes Mellitus) eliminiert und ausschließlich durch die Bezeichnungen Typ-1- beziehungsweise Typ-2-Diabetes ersetzt. Dies ist sehr zu begrüßen, da mit den Diagnosen IDDM und NIDDM, die sich in letzter Zeit auch in Deutschland zunehmender Beliebtheit erfreuen, mehr Verwirrung als Klarheit geschaffen wurde.
Es wird die Unterteilung des Typ-1-Diabetes in eine immunologisch bedingte Form (1 A) und eine idiopathische Form (1 B) vorgeschlagen. Die praktische Bedeutung dieser Einteilung dürfte für unsere Region nicht sehr groß sein, da in Europa ein Typ1-Diabetes ohne immunologische Phänomene selten ist.
­ Die Einteilung in Typ-2a-Diabetes und Typ-2b-Diabetes wird nicht länger empfohlen. Diese Veränderung ist sinnvoll, da es sehr fraglich ist, ob nicht übergewichtige, im späteren Erwachsenenalter manifestierte Diabetiker tatsächlich einen Typ-2-Diabetes oder viel eher eine dem Typ-1-Diabetes ähnliche Erkrankung haben.
® Der Begriff der gestörten Glukosetoleranz (Impaired Glucose Tolerance; IGT) wurde beibehalten. Er wird jedoch nicht mehr als eigenständige Diagnose geführt, sondern dient zur Beschreibung des Ausmaßes der Hyperglykämie oder des Stadiums der Erkrankung. Davon unberührt bleibt die Rolle der gestörten Glukosetoleranz als Risikofaktor für die Entwicklung eines Diabetes mellitus und für makrovaskuläre Erkrankungen. In diesem Zusammenhang muß erwähnt werden, daß der Begriff "abnorme Nüchternglukose" (Impaired Fasting Glucose; IFG) als Äquivalent zur gestörten Glukosetoleranz hinzugekommen ist.
¯ Alle Diabetestypen können in verschiedenen Stadien der Hyperglykämie vorkommen. Häufig verstärkt sich das Ausmaß der Hyperglykämie mit der zunehmen Dauer des Diabetes (Grafik).
Diagnostische Kriterien
Die neuen Kriterien zur Diagnose eines Diabetes mellitus sind dem Textkasten: Diagnostische Kriterien des Diabetes mellitus und der Tabelle 1 zu entnehmen. Folgende Punkte sind hervorzuheben:
« Die Diagnose eines Diabetes mellitus kann anhand der Nüchternglukose oder des 2h-Glukosewertes beim oralen Glukose-Toleranz-Test (OGTT) gestellt werden. In der alten Klassifikation waren die Grenzwerte im Plasma für den Glukose-Nüchternwert 140 mg/dl und für den 2h-Wert 200 mg/dl. Es war ein seit langem bekanntes Problem, daß beide Werte oft nicht gleichsinnig bewertet werden konnten: Wenn ein Patient mit einem Nüchternwert von 130 mg/dl einem OGTT unterzogen wurde, lag der 2h-Wert in der Regel deutlich über 200 mg/dl. Demnach waren nicht selten, je nach Verwendung von Nüchtern- oder 2h-Wert, unterschiedliche Diagnosen zu stellen. Diesem Phänomen tragen die neuen Diagnosekriterien Rechnung und "synchronisieren" beide Werte besser, indem sie die Grenzen für die Plasmaglukose auf 126 oder 200 mg/dl festsetzen.
Unabhängig davon beruht die Absenkung des Nüchternwertes von 140 auf 126 mg/dl auf neuen Ergebnissen aus der Epidemiologie der mikrovaskulären Komplikationen des Diabetes. In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, daß die Prävalenz der Retinopathie bereits bei Nüchternwerten im Plasma über 126 mg/dl und bei 2h-Werten über 200 mg/dl stark zunimmt.
­ Während nach den alten Kriterien die Diagnose einer gestörten Glukosetoleranz nur anhand eines OGTT gestellt werden konnte, ist dies nach neuen Kriterien auch mit der Nüchternglukose möglich. Hierfür wurde der Begriff "abnorme Nüchternglukose" (Impaired Fasting Glucose; IFG) eingeführt.
® Die Autoren der neuen Diagnosekriterien empfehlen, in der täglichen Praxis ausschließlich die Nüchternglukose zu verwenden. Der hauptsächliche Grund ist die Vereinfachung der Diagnostik. Der OGTT soll nur in unklaren Fällen oder im Rahmen von wissenschaftlichen Studien angewandt werden (Textkasten: Durchführung des oralen Glukosetoleranz-Tests [nach WHO-Richtlinien]).
¯ Derzeit eignet sich das glykosylierte Hämoglobin (HbA1 oder HbA1c) nicht zur Diagnose des Diabetes. Die Gründe hierfür sind, daß die Messung des glykosylierten Hämoglobins nicht ausreichend standardisiert ist, das heißt die Schwankungen von Labor zu Labor sind zu groß. Hinzu kommt, daß die Messung des glykosylierten Hämoglobins bedeutend teurer als die Messung von Glukose ist. Aus internationaler Sicht ist die Messung des glykosylierten Hämoglobins nicht überall verfügbar. Bei der zu erwartenden Verbesserung und Vereinfachung der Analytik ist es aber durchaus denkbar, daß zukünftige Diagnosekriterien auf der Messung des glykosylierten Hämoglobins beruhen werden.
° Die Diagnose eines Diabetes darf nur mit Glukosewerten gestellt werden, die mit einer qualitätskontrollierten Labormethode gemessen wurden. Geräte zur Blutzuckerselbstmessung eignen sich hierfür unter keinen Umständen! Selbst bei Anwendung exakter Labormethoden ist zu bedenken, mit welcher Genauigkeit ein Glukosewert gemessen werden kann: Sogar bei einem "guten" Variationskoeffizienten einer Methode von zwei Prozent muß man davon ausgehen, daß bei einem "wahren" Wert von 126 mg/dl der 95-Prozent-Vertrauensbereich von 121 bis 131 mg/dl reicht. Je nach klinischer Bedeutung der Diagnose sollten im Einzelfall Werte im Grenzbereich mehrmals in größeren zeitlichen Abständen gemessen und/oder ein oraler Glukosetoleranztest gemacht werden.
± Der Report, in dem die neuen Diagnosekriterien beschrieben sind (3), verwendet Plasma-Glukosewerte. Da in der Praxis die Glukose eher selten im Plasma gemessen wird, gibt Tabelle 3 Hinweise zur ungefähren Umrechnung in geläufigere Werte.
Diagnose des Gestationsdiabetes
Unter Gestationsdiabetes wird jede Störung der Glukosetoleranz verstanden, die während einer Schwangerschaft auftritt oder erstmals festgestellt wird. Es wird auch weiterhin unterschiedliche Diagnosekriterien der WHO und der American Diabetes Association (ADA) geben. Die WHO verwendet für den Gestationsdiabetes dieselben Kriterien, wie sie außerhalb einer Schwangerschaft gelten. Demgegenüber hat die ADA schwangerschaftsspezifische Grenzwerte erstellt, die in leichter Modifikation auch von der Deutschen DiabetesGesellschaft empfohlen werden. Diese Kriterien sind in Tabelle 2 zusammengefaßt. Im Gegensatz zu früher wird im vorliegenden Report der Screeningtest nicht mehr für alle Schwangeren empfohlen. Nach den neuen Empfehlungen sind hiervon ausgenommen normalgewichtige Frauen unter dem 25. Lebensjahr ohne familiäre Diabetesbelastung (nur erstgradige Verwandte). Bei auffälligem Screeningtest muß ein OGTT zur definitiven Diagnose angeschlossen werden.
Screening auf Diabetes mellitus bei Gesunden
Die Empfehlungen der Expertengruppe für das Diabetes-Screening sind im Textkasten: Diabetesscreening bei Gesunden wiedergegeben. Das Screening sollte durch Messung der Nüchternglukose erfolgen.
Nach Untersuchungen aus den USA sind 50 Prozent aller Fälle mit Typ-2-Diabetes nicht diagnostiziert. Selbst wenn man davon ausgeht, daß die Zahl der nicht diagnostizierten Diabetiker in Deutschland nur halb so groß ist, wären hierzulande davon mindestens eine Million Menschen betroffen. Es erscheint plausibel, daß durch regelmäßiges Screening und das damit verbundene frühere Einsetzen der Therapie die Folgen des Diabetes vermindert werden können. Kontrollierte Studien zum Erfolg von derartigen Screening-Maßnahmen liegen allerdings nicht vor.
Zum jetzigen Zeitpunkt wird ein Antikörper-Screening zur Frühdiagnose des Typ-1-Diabetes außerhalb kontrollierter Studien nicht empfohlen. Der hauptsächliche Grund für diese Entscheidung ist das Fehlen gesicherter therapeutischer Maßnahmen, mit denen der Ausbruch der Erkrankung verhindert werden kann.
Seit Fertigstellung dieses Manuskripts sind die vorläufigen Richtlinien der WHO zur Klassifikation und Diagnose des Diabetes mellitus erschienen (Alberti KGMM, Zimmet PZ for the WHO Consultation: Definition, Diagnosis and Classification of Diabetes Mellitus and its Complications. Part 1: Diagnosis and Classification of Diabetes Mellitus. Provisional Report of a WHO Consultation. Diabetic Med 1998; 15: 539-553). Diese Richtlinien unterscheiden sich inhaltlich nur marginal von den vorgestellten Richtlinien der American Diabetes Association. Als wichtige Unterschieden seien erwähnt:
« Nach WHO-Richtlinien wird die Diagnose einer gestörten Glukosetoleranz auch weiterhin bevorzugt mit einem 75-g-OGTT, und nicht mit der Nüchternglukose gestellt. Insgesamt mehren sich die Hinweise, daß die Diagnosestellung durch die Nüchternglukose nicht ohne Probleme ist.
Die Diagnose eines Gestationsdiabetes wird nach WHO wie bisher anhand eines 75-g-OGTT gestellt. Patientinnen, die nach dem Ergebnis dieses Tests einen manifesten Diabetes oder eine gestörte Glukosetoleranz aufweisen, werden als Gestations-Diabetikerinnen eingestuft.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1998; 95: A-3144-3148
[Heft 49]


Literatur
1. National Diabetes Data Group: Classification and diagnosis of diabetes mellitus and other categories of glucose intolerance. Diabetes 1979; 28: 1039-1057.
2. Report of a WHO Study Group: Diabetes mellitus. WHO Technical Report Series 1985; 727: 9-25.
3. The Expert Committee on the Diagnosis and Classification of Diabetes Mellitus: Report of the expert committee on the diagnosis and classification of diabetes mellitus. Diabetes Care 1997; 20: 1183-1197.
Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Wolfgang Kerner
Klinik für Diabetes und Stoffwechselkrankheiten
Klinikum Karlsburg
Greifswalder Straße 11
17495 Karlsburg


Klassifikation des Diabetes mellitus
I. Diabetes mellitus Typ 1 (b-Zellzerstörung, die zum absoluten Insulinmangel führt)
A. Immunologisch bedingt
B. Idiopathisch (in Europa selten)
II. Diabetes mellitus Typ 2 (reicht vom Vorwiegen der Insulinresistenz mit relativem Insulinmangel bis zum Vorwiegen des Sekretionsdefizits mit Insulinresistenz)
III. Andere Diabetestypen mit bekannten Ursachen
A. Genetische Defekte der b-Zellfunktion
1. Chromosom 12, HNF-1a (MODY3)
2. Chromosom 7, Glukokinase (MODY2)
3. Chromosom 20, HNF-4a (MODY1)
4. Mitochondriale DNA (MIDD, Maternally Inherited Diabetes and Deafness)
5. Andere Defekte
B. Genetische Defekte der Insulinwirkung
1. Insulinresistenz Typ A, 2. Leprechaunismus, 3. Rabson-Mendenhall-Syndrom, 4. Lipatrophischer Diabetes, 5. Andere Defekte
C. Erkrankungen des exokrinen Pankreas
1. Pankreatis, 2. Trauma/Pankreatektomie, 3. Neoplasmen, 4. Zystische Fibrose, 5. Hämochromatose,
6. Fibrokalzifizierende Pankreatitis, 7. Andere Erkrankungen
D. Endokrinopathien
1. Akromegalie, 2. Cushing-Syndrom, 3. Glukagonom, 4. Phäochromozytom, 5. Hyperthyreose, 6. Somatostatinom, 7. Aldosteronom (primärer Hyperaldosteronismus), 8. Andere Erkrankungen
E. Medikamentös-toxisch induziert
1. Vacor (Rattengift), 2. Pentamidin, 3. Nikotinsäure, 4. Glukokortikoide, 5. Schilddrüsenhormone, 6. Diazoxid, 7. b-adrenerge Agonisten, 8. Thiazid-Diuretika, 9. Dilantin, 10. a-Interferon, 11. Andere Ursachen
F. Infektionen
1. Kongenitale Röteln, 2. Zytomegalievirus, 3. Andere Infektionen
G. Seltene, immunologisch bedingte Formen
1. "Stiff-man"-Syndrom, 2. Anti-Insulin-Rezeptor-Antikörper, 3. Andere Formen
H. Andere, manchmal mit Diabetes assoziierte Syndrome
1. Down-Syndrom, 2. Klinefelter-Syndrom, 3. Turner- Syndrom, 4. Wolfram-Syndrom, 5. Friedreichsche Ataxie, 6. Chorea Huntington, 7. Lawrence-Moon-Biedel-Syndrom, 8. Dystrophia myotonica, 9. Porphyrie, 10. Prader-Willi-Labhart-Syndrom, 11. Andere Syndrome
IV. Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes)

Diagnostische Kriterien des Diabetes mellitus
1 Symptome des Diabetes und Plasmaglukose > 200 mg/dl/11,1 mmol/l (Glukose im kapillären Vollblut > 200 mg/dl/11,1 mmol/l) zu einem beliebigen Zeitpunkt des Tages (ohne Rücksicht auf den Zeitpunkt der letzten Mahlzeiteneinnahme). Die klassischen Symptome des Diabetes sind: Polyurie, Polydipsie und sonst nicht zu erklärender Gewichtsverlust oder
1 Nüchtern-Plasmaglukose > 126 mg/dl/7,0 mmol/l (Glukose im kapillären Vollblut > 110 mg/dl/6,1 mmol/l). Nüchtern bedeutet: Keine Kalorienzufuhr für wenigstens acht Stunden oder
1 2h-Plasmaglukose > 200 mg/dl/11,1 mmol/l (Glukose im kapillären Vollblut > 200 mg/dl/11,1 mmol/l) während eines OGTT. Testdurchführung nach WHO-Richtlinien mit 75 g Glukose (oder äquivalenter Menge hydrolysierter Stärke), aufgelöst in Wasser.
Ohne die eindeutigen Zeichen der Hyperglykämie mit metabolischer Dekompensation müssen die Ergebnisse der Glukosebestimmung durch Wiederholungsmessungen zu einem späteren Zeitpunkt bestätigt werden.
Die Anwendung des oralen Glukosetoleranztests (OGTT) wird für die klinische Routine nicht empfohlen.
Die der Diagnose eines Diabetes zugrundeliegende Glukosemessung muß mit einer qualitätskontrollierten Labormethode erfolgen. Geräte, die zur Selbstmessung durch den Patienten konzipiert sind, eignen sich hierfür nicht!


Durchführung des oralen Glukosetoleranz-Tests (nach WHO-Richtlinien)
l Durchführung am Morgen (nach 10 bis 16stündiger Nahrungskarenz) nach einer mindestens dreitägigen Ernährung mit mehr als 150 g Kohlenhydraten/Tag. Patient in sitzender oder liegender Position. Rauchen vor und während des Tests nicht erlaubt.
l Zum Zeitpunkt 0 trinkt der Patient 75 g Glukose (oder äquivalente Menge hydrolysierte Stärke) in 250 bis 300 ml Wasser innerhalb von 5 Minuten. Kinder erhalten 1,75 g/kg Körpergewicht (bis maximal 75 g). Blutentnahmen zur Glukosebestimmung zu den Zeitpunkten 0 und 120 Minuten (der 60-Minuten-Wert ist nicht obligatorisch). Sachgerechte Aufbewahrung der Blutproben bis zur Messung.
Es ist viel zu wenig bekannt, aber von großer praktischer Bedeutung, daß längeres Fasten oder eine Kohlenhydratmangel-Ernährung auch bei Gesunden zur pathologischen Glukosetoleranz führen kann.
Es ist unnötig, bei Patienten, die Medikamente erhalten, die bekanntermaßen die Glukosetoleranz verschlechtern, einen OGTT durchzuführen.


Diabetes-Screening bei Gesunden
« Tests sollten in Betracht gezogen werden bei allen Personen, die 45 Jahre oder älter sind. Bei Normalbefunden sollte Wiederholung nach drei Jahren erfolgen.
Tests sollten in Betracht gezogen werden bei jüngeren Personen oder in kürzeren Intervallen durchgeführt werden, wenn:
l ein Übergewicht vorliegt (> 120 Prozent Normalgewicht oder BMI > 27 kg/m²)
l ein/e erstgradig Verwandte/r einen Diabetes hat
l eine Frau ein Kind mit > 4 000 g geboren hat oder bei ihr ein Gestationsdiabetes festgestellt wurde
l ein Hypertonus vorliegt (> 140/90 mmHg)
l eine Hyperlipidämie mit HDL-Cholesterin < 35 mg/dl und/oder Triglyzeriden > 250 mg/dl vorliegt
l eine frühere Untersuchung eine gestörte Glukosetoleranz oder eine abnorme Nüchternglukose ergeben hat

Tabelle 1
Diagnostische Kriterien des Diabetes mellitus
Plasma-Glukose
Nüchtern Tagesverlauf OGTT
mg/dl mmol/l mg/dl mmol/l mg/dl mmol/l
Diabetes > 126 > 7,0 > 200 + Sympt. > 11,1 + Sympt. 2hPG** > 200 2hPG > 11,1
Gestörte
Glukosetoleranz 110-125* 6,1-6,9* 2hPG = 140-199 2hPG = 7,8-11,0
Normalbefund < 110 < 6,1 2hPG < 140 2hPG < 7,8
* Impaired Fasting Glucose = Abnorme ("gestörte") Nüchternglukose
** 2hPG = 2-Stunden Plasmaglukose bei oralem Glukosetoleranztest (75 g)

Tabelle 2
Diagnose des Gestationsdiabetes (Deutsche Diabetes-Gesellschaft)
Screening-Test (24. bis 28. Schwangerschaftswoche): 50 g Glukose oral (zu einem beliebigen Zeitpunkt des Tages, unabhängig vom Zeitpunkt der letzten Mahlzeit). Verdacht auf Gestationsdiabetes, wenn Glukose nach einer Stunde:
Kapilläres Vollblut Venöses Vollblut Venöses Plasma
mg/dl mmol/l mg/dl mmol/l mg/dl mmol/l
> 140 > 7,8 > 120 > 6,7 > 140 > 7,8
Die Diagnose eines Gestationsdiabetes wird bei entsprechendem Verdacht durch einen vollständigen OGTT (75 g; nach Richtlinien der WHO, zusätzlich 60-Minuten-Wert) gestellt. Ein Gestationsdiabetes liegt vor, wenn für mindestens zwei Werte gilt:
Kapilläres Vollblut Venöses Vollblut Venöses Plasma
mg/dl mmol/l mg/dl mmol/l mg/dl mmol/l
Nüchtern > 90 > 5,0 > 90 > 5,0 > 105 > 5,8
60 Minuten > 190 > 10,6 > 165 > 9,2 > 190 > 10,6
120 Minuten > 160 > 8,9 > 140 > 7,8 > 160 > 8,9

Tabelle 3
Vergleich der Glukosekonzentrationen in verschiedenen Regionen des Gefäßsystems und verschiedenen Fraktionen des Blutes
Nüchtern Postprandial
mg/dl mmol/l mg/dl mmol/l
Plasma venös 126 7,0 200 11,1
Vollblut venös (hämolysiert) 110 6,1 180 10,1
Vollblut kapillär (hämolysiert) 110 6,1 200 11,1
Plasma kapillär 126 7,0 220 12,2
Den Blutproben zur Glukosemessung (im Plasma oder im hämolysierten Vollblut) muß ein Zusatz zur Hemmung der Glykolyse in den Erythrozyten zugefügt werden. Entsprechende Blutentnahme-Röhrchen beziehungsweise Hämolyse-Lösungen sind im Handel erhältlich.
Die angegebenene Unterschiede zwischen Vollblut und Plasma gehen von normalen Hämatokritwerten aus. Die Unterschiede sind um so geringer, je niedriger der Hämatokritwert ist.
Für die Glukosekonzentration im enteiweißten Plasma oder Vollblut sind die angegebenen Plasmawerte (bei normalen Gesamteiweißkonzentrationen) um 5 bis 10 Prozent nach oben zu korrigieren. Messungen der Glukose im enteiweißten Plasma oder Vollblut sind heute kaum noch in Gebrauch.
Die angegebenen Werte für den postprandialen Zustand gelten strenggenommen nur für Nichtdiabetiker mit normalem postprandialen Anstieg des Plasmainsulins und normaler Insulinsensitivität für Glukose (und damit "normaler" Glukoseextraktion der peripheren Gewebe).
Cave: Die Glukosemessung im Serum ist obsolet. Blutproben, aus denen Serum zur Bestimmung anderer klinisch-chemischer Parameter gewonnen wird, enthalten keinen Zusatz, der die Glykolyse in den Erythrozyten hemmt. Da bei Gewinnung des Serums die Zeit zwischen Blutentnahme und Zentrifugation nicht definiert ist und bis zu mehreren Stunden dauern kann, muß unter Umständen mit einem erheblichen Verbrauch der Glukose in den Erythrozyten gerechnet werden. Unverständlicherweise bieten trotzdem manche Labors die Messung der Glukose im Serum an.


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