ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1998Das Deutsche Krankenhaus in Istanbul: Ein Beispiel deutsch-türkischer Kooperation

VARIA: Geschichte der Medizin

Das Deutsche Krankenhaus in Istanbul: Ein Beispiel deutsch-türkischer Kooperation

Dtsch Arztebl 1998; 95(49): A-3149 / B-2669 / C-2477

Wendt, Karl-Herbert

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LNSLNS Der Autor des Beitrags war von 1967 bis 1974 Chefarzt des Deutschen Krankenhauses in Istanbul. Es wurde vor mehr als 140 Jahren, im Jahr 1852, gegründet.
Die Not der kranken Deutschen und vor allem das Schicksal der deutschen Handwerksburschen, die zu Fuß über den Balkan kamen und keine zunftgemäße Unterstützung in dem fremden Land fan-den, führten zur Einrichtung eines deutschen Krankenhauses, des Alman Hastanesi. Der erste deutsche Arzt des Krankenhauses, Dr. Mordtmann, schrieb 1848: "Es ist nicht zwei Jahre her, da kamen in der Hitze des August vier junge Handwerker hier an, und 14 Tage später waren drei von ihnen begraben."
1851 kam der Gründer der Kaiserswerther Diakonissen, Pastor Theodor Fliedner, auf der Rückreise von Jerusalem nach Istanbul und versprach die Entsendung von Krankenschwestern, und 1852 kamen die ersten drei Diakonissen nach Konstantinopel. Fliedner hielt nach seiner Rückkehr einen Vortrag vor den Majestäten in Berlin, und König Friedrich Wilhelm IV. spendete 2 000 Taler.
Fortan stand das Krankenhaus allen Kranken offen. Anfangs waren es die Minderheiten, neben den Deutschen die Armenier, Juden und Griechen, die hier behandelt wurden; immer mehr wurden es dann Türken. 1970 lag der Anteil türkischer Patienten bei rund 90 Prozent, die restlichen zehn Prozent kamen aus 25 Nationen.
Der preußische Staat, nach 1871 in Nachfolge das Deutsche Reich und nach 1947 in Rechtsnachfolge die Bundesrepublik Deutschland haben in ununterbrochener Folge das Deutsche Krankenhaus finanziell unterstützt.
Nicht geringzuschätzen ist das Entgegenkommen und die ständige Hilfe der türkischen Behörden, die in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, sogar nach der Kriegserklärung der Türkei 1944 an Deutschland, stets "ihrem" Alman Hastanesi die mögliche Unterstützung gewährten. Es handelte sich um Sonderzuteilung bei Brotmangel, um Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen durch die Ausländerbehörde, um Hilfe und Entgegenkommen bei rechtlichen Problemen.
Ein modernes Hospital
Im Jahr 1967 war es ein modernes Hospital, das allen Erfordernissen gerecht werden konnte. Inzwischen waren in vielen türkischen Städten große Krankenhäuser und Universitätskliniken entstanden, überall wurden auch Schwesternschulen angeschlossen. Es war immer schwieriger, deutsche Krankenschwestern zu gewinnen und auch zu bezahlen.
Nicht nur die Personalkosten stiegen immens, auch der medizinische Fortschritt verlangte Investitionen in Millionenhöhe. Diese Gelder waren in keiner Weise von den Patienten zu erhalten, die traditionsgemäß in großer Zahl auch aus den ärmeren Gegenden Anatoliens ins Deutsche Krankenhaus strömten. Der türkische Staat setzte Pflegegelder fest. Auch den intensiven Bemühungen des Staatssekretärs Sigismund von Braun, des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und der deutschen Botschafter und Generalkonsuln in der Türkei gelang es nicht, die Leitlinie des Auswärtigen Amtes in Bonn zu beeinflussen. Eine Fortführung der deutschen Krankenhäuser im Ausland ist nicht mehr vorrangiges Ziel der deutschen Kulturpolitik. Zu teuer waren die Kosten für Personal und Investitionen geworden. Überdies gab es inzwischen immer mehr ausgezeichnet geführte türkische Krankenhäuser und gut ausgebildete Ärzte und Krankenschwestern im Land. 1973 verließ der letzte deutsche Chefarzt das Krankenhaus. Unter deutscher Verwaltungsleitung und mit einem türkischen Chefarzt wurde der Stationsbetrieb noch einige Jahre mehr notdürftig fortgesetzt. Da der Grund und Boden einst vom Sultan dem Deutschen Reich mit der Auflage der Errichtung und des Betriebs eines Hospitals geschenkt worden war, verbot sich jede andere Lösung, das große Gelände in einem der teuersten Stadtteile von Istanbul anderweitig zu nutzen.
So wurde folgerichtig das Restvermögen des Alman Hastanesi der deutschsprachigen türkischen höheren Schule in Istanbul, dem Erkek Lisesi, das in Form einer gemeinnützigen Stiftung (vakif) betrieben wird, übertragen, und Grund und Gebäude erhielt eine türkische Gesellschaft zum Betrieb von Krankenhäusern, die Universal Hospitals Group Azmi Ofluo`´glu.
Weitere Gebäude
Inzwischen ist nach umfangreichen Bauarbeiten ein türkisches Krankenhaus entstanden. Die Operationsräume, die Sterilisation, die Intensivabteilung und die verschiedenen Stationen der Inneren Medizin wurden nach modernsten Gesichtspunkten eingerichtet. Die zur Zeit modernsten Geräte stehen zur Verfügung. Das Angebot an ärztlichen Leistungen wurde durch die Einbeziehung weiterer Gebäude, die vormals das Deutsche Archäologische Institut beherbergten oder als Schwesternwohnheime dienten, erweitert: eine Zahnklinik, eine Augen- und HNO-Klinik, eine Urologie und Physikalische Therapie sind hinzugekommen.
Inzwischen hat das "neue" Deutsche Krankenhaus einen hervorragenden Ruf. Es hat Anschluß an den europäisch-amerikanischen Standard gewonnen und setzt die Tradition der Versorgung Kranker in der Türkei im "Alman Hastanesi" würdig fort.

Dr. med. Karl-Herbert Wendt
Graumannsweg 25
22087 Hamburg

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