ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2013Pharmaindustrie: Intransparenz bei Interessenkonflikten

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Pharmaindustrie: Intransparenz bei Interessenkonflikten

Dtsch Arztebl 2013; 110(39): A-1800 / B-1592 / C-1566

Kaag, Dieter

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Seit kurzem ist der 13. ACE-Hemmer auf dem Markt – ohne erkennbaren Zusatznutzen. Warum, so mag man sich fragen, werden nicht sinnvollere neue Arzneimittel entwickelt? Ärzte treffen täglich Therapieentscheidungen, und Apotheker sollen kompetent beraten, während sie ständig mit Hochglanzprospekten der Pharmafirmen überhäuft werden. Wie (un-)effektiv werden die intellektuellen und finanziellen Ressourcen für die Gesundheit eingesetzt?

Diesen Fragen geht der Arzt und Autor Ben Goldacre in seinem Buch nach, in dem er sich fundiert und doch leseleicht für eine evidenzbasierte und wirtschaftliche Arzneimitteltherapie einsetzt. Dabei richtet er sein Augenmerk nicht nur auf die Pharmaindustrie als die Urheberin einer unzulänglichen und überteuerten Arzneimittelversorgung. Möchte ein Arzt sich ein umfassendes Bild von einer bestimmten Therapie machen, stellen sich ihm einige Hürden in den Weg. Da sind Wissenschaftler, die ihre Ergebnisse nicht publizieren, Ethikkommissionen, die nicht jeder sinnvollen Studie ihren Segen geben, Fachzeitschriften, die lieber positive Ergebnisse publizieren, bis hin zu den Zulassungsbehörden, die mit Studiendaten nicht transparent genug umgehen. Und da sind die pharmazeutischen Hersteller, die ihre Produkte im bestmöglichen Licht erscheinen lassen. Folglich wird nur etwa die Hälfte aller klinischen Studien publiziert, die negativen nur halb so oft wie die für den Hersteller günstigen.

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All diese Hürden, die man auf dem Weg zur richtigen Therapie überwinden muss, beschreibt Goldacre fesselnd, ohne die Fakten aus dem Blick zu verlieren. Er zeigt auf, was zur Lösung dieser Aufgabe schon getan wurde und noch zu tun ist. Dabei ist für ihn eine Sache unabdingbar, um zu einer wirklich evidenzbasierten Medizin zu gelangen: Transparenz. Der intransparente Umgang mit Interessenkonflikten verhindert die Aneignung und Umsetzung des vorhandenen medizinischen Wissens. Interessenkonflikte würden nach wie vor von allen Beteiligten zu wenig deklariert.

Schon andere kompetente Autoren verfassten aufrüttelnde Bücher zum Thema. Jedoch fallen dem Leser im Unterschied zu diesen die Entschlossenheit und die aufrichtige Kampfeslust Goldacres auf, die seinem Buch die Chance geben, Reformen anzustoßen. Dies ist ihm und seiner Publikation unbedingt zu wünschen. Dieter Kaag

Ben Goldacre: Die Pharmalüge. Wie Arzneimittelkonzerne Ärzte irreführen und Patienten schädigen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, 448 Seiten, kartoniert, 19,99 Euro

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