ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2013Infertilität nach Krebs in der Kindheit: Das Unfruchtbarkeitsrisiko wird besser abschätzbar

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Infertilität nach Krebs in der Kindheit: Das Unfruchtbarkeitsrisiko wird besser abschätzbar

Dtsch Arztebl 2013; 110(39): A-1792 / B-1583 / C-1558

Siegmund-Schultze, Nicola

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Wie hoch ist das Risiko für eine Unfruchtbarkeit bei Frauen, bei denen vor dem 21. Lebensjahr ein Malignom diagnostiziert wurde? Das war Fragestellung der Childhood Cancer Survivor Study, die eine Kohorte mit 20 690 Kindern an Krebszentren in den USA und Kanada umfasste (1). Sie wurden zwischen 1970 und 1986 wegen pädiatrischer Krebserkrankungen behandelt. 3 531 ehemalige Patientinnen, die im fortpflanzungsfähigen Alter (18 bis 39 Jahre) und sexuell aktiv waren, und 1 366 weibliche Geschwister ohne Malignom (Kontrolle) wurden befragt nach klinischer und nach kompletter Unfruchtbarkeit (durchschnittliches Alter der Kohorte: 27,6 Jahre). Klinische Unfruchtbarkeit war definiert als erfolgloser Versuch, schwanger zu werden (für mindestens ein Jahr), vollständige Unfruchtbarkeit als Fehlen oder Ausbleiben einer Menstruation mindestens fünf Jahre vor der ersten Befragung.

16 % der Krebsüberlebenden gaben an, unfruchtbar zu sein, in der Vergleichsgruppe waren es 11 %. Die Krebsüberlebenden hatten insgesamt ein um relativ 48 % erhöhtes Risiko (RR) für klinische Unfruchtbarkeit (RR 1,48; 95-%-Konfidenzintervall [KI] 1,23–1,78; p < 0,0001), am höchsten war der Unterschied in der Gruppe unter 24 Jahren (RR 2,92; 95-%-KI 1,18–7,20). Mit zunehmender Strahlenexposition des Beckens und zunehmender Dosis an Zytostatika (Alkylanzien) erhöhte sich das Unfruchtbarkeitsrisiko: bei einer Uterusexposition von mindestens 20 Gy zum Beispiel um den Faktor 2,5 (95-%-KI 1,71–3,66; p < 0,0001).

Krebsüberlebende Frauen mit klinischer Unfruchtbarkeit wurden seltener medikamentös therapiert als Geschwister mit ebenfalls unerfülltem Kinderwunsch. Von den krebsüberlebenden Frauen, die über klinische Unfruchtbarkeit berichtet hatten, waren im Beobachtungszeitraum schließlich 64 % schwanger geworden.

Zeit bis zur ersten Schwangerschaft ab Beginn der Familienplanung bei Frauen nach Krebsbehandlung in der Kindheit und bei ihren weiblichen Geschwistern
Zeit bis zur ersten Schwangerschaft ab Beginn der Familienplanung bei Frauen nach Krebsbehandlung in der Kindheit und bei ihren weiblichen Geschwistern
Grafik
Zeit bis zur ersten Schwangerschaft ab Beginn der Familienplanung bei Frauen nach Krebsbehandlung in der Kindheit und bei ihren weiblichen Geschwistern

Fazit: Zwei von drei Frauen, die eine Krebserkrankung im Kindes- oder Jugendalter überlebt haben, können sich im späteren Leben ihren Kinderwunsch erfüllen. Gleichwohl sind bestimmte Behandlungsregime von Malignomen mit einem erhöhten Risiko für Infertilität assoziiert. Das Risiko für Unfruchtbarkeit von Frauen nach Krebs sei auf Basis der Daten dieser umfangreichen Studie besser abschätzbar als zuvor, so die Autoren der Studie.

„Bei den sehr hohen Heilungsraten kindlicher Krebserkrankungen ist ein wichtiges Ziel der Kinderonkologie, Spätfolgen zu vermeiden“, kommentiert Prof. Dr. med. Norbert Graf, Direktor der Klinik für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie an der Universität Saarbrücken.

Um prophylaktisch Spätfolgen einer Behandlung zu verhindern, müssten deren Ursachen erforscht werden. „Dazu ist die aktuell publizierte Studie ausgesprochen wertvoll“, meint Graf. Zu Recht werde darin auf die Notwendigkeit einer frühzeitigen Erkennung und effektiven Behandlung einer potenziellen Fertilitätsstörung ehemaliger Malignompatientinnen hingewiesen. „Die deutsche Kinderonkologie nimmt die Erforschung von Infertilität sehr ernst“, sagt Graf. Vorbildhaft dafür sei eine Arbeitsgruppe an der Charité Berlin: Hier werden Ursachenforschung und Aufklärung im Verbund mit Gynäkologen und Reproduktionsmedizinern sowie mit Patienten- und Elterngruppen betrieben, um prophylaktische Maßnahmen vor Beginn einer Tumorbehandlung einzuleiten und frühzeitig im Falle einer Infertilität zu therapieren (2).

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Barton SE, Najita JS, Ginsburg ES, et al.: Infertility, infertility treatment, and achievement of pregnancy in female survivors of childhood cancer: a report from the Childhood Cancer Survivor Study cohort. Lancet Oncology 2013; 14: 873-81. MEDLINE
  2. http://paedonko.charite.de/forschung/fertilitaet_nach_chemotherapie/
Zeit bis zur ersten Schwangerschaft ab Beginn der Familienplanung bei Frauen nach Krebsbehandlung in der Kindheit und bei ihren weiblichen Geschwistern
Zeit bis zur ersten Schwangerschaft ab Beginn der Familienplanung bei Frauen nach Krebsbehandlung in der Kindheit und bei ihren weiblichen Geschwistern
Grafik
Zeit bis zur ersten Schwangerschaft ab Beginn der Familienplanung bei Frauen nach Krebsbehandlung in der Kindheit und bei ihren weiblichen Geschwistern

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema