ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2013Das MuSeele: Erzählte Psychiatriegeschichte

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Das MuSeele: Erzählte Psychiatriegeschichte

Dtsch Arztebl 2013; 110(39): [55]

dpa

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Einen Vogel haben, am Rad drehen, spinnen oder nicht mehr alle Tassen im Schrank haben – diese Redeweisen werden meist benutzt, um zu sagen, dass jemand verrückt oder nicht „normal“ ist. Sie hängen in Form eines Spinnrades oder eines Vogels auf einem Käfig vor dem Eingang des MuSeele – dem Museum für Psychiatrie in Göppingen. Die Besucher müssen sie erraten. „Sie werden bei den ganz gewöhnlichen Vorurteilen abgeholt“, sagt Museumsdirektor Rolf Brueggemann. Das Museum befindet sich im Dachgeschoss des alten Badhauses der Klinik Christophsbad aus dem Jahr 1618, eine der ältesten Psychiatrien Baden-Württembergs. Sie wurde 1852 als private Heil- und Pflegeanstalt für Gemüts- und Nervenkranke von den Medizinern Heinrich Landerer und Ludwig Palm gegründet.

Dort arbeitet Brueggemann heute als Psychotherapeut. 2004 gründete er zusammen mit anderen Angestellten, Patienten und Interessierten den Verein MuSeele und das Museum. „Wir wollten Psychiatriegeschichte darstellen.“ Das wird mit originalen Sammlungsstücken und detailreicher Inszenierung gemacht.

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Eine Zwangsjacke hängt an der Decke, ein Krankenbett mit Fixierbändern steht mitten im Raum, und irgendwo tropft Wasser. Das irritiert, ist gewollt und soll zu Fragen anregen. Im Schnitt kommen um die 2 500 Besucher pro Jahr ins 400 Quadratmeter große MuSeele. Es gibt viel zu entdecken: Eine Sigmund-Freud-Ecke mit Psychiatercouch, Karteikästen mit Krankheitsgeschichten oder ein Telefon, aus dem jemand Texte des jüdischen Dichters Jakob van Hoddis liest. Van Hoddis war in Göppingen Patient. Später verlegt in eine israelitische Heilanstalt, wurde er 1942 verschleppt und vermutlich im deutschen Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen ermordet. Auch Geschichten anderer Patienten aus dem Christophsbad, die etwa wegen ihrer Krankheiten von den Nationalsozialisten vergast wurden, gehen sehr unter die Haut. Ihre Koffer stehen noch da, im MuSeele.

Welchen Einfluss psychische Erkrankungen auf den Alltag haben können, zeigt der Schizophrenie-Raum. Das Wohnzimmer eines Patienten ist dargestellt, der vor zehn Jahren mit einer schizophrenen Störung ins Christophsbad kam. Der Raum ist dunkel, zugemüllt und Stimmen sprechen nach, was der Patient wohl auch hörte: „Geheimdienste. CIA. Verschwörung. Mächtige Abgeordnete.“ dpa

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Informationen: www.museele.de.

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