ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2013Provinz Lüttich: Mit Poesie und Pferdestärken

KULTUR

Provinz Lüttich: Mit Poesie und Pferdestärken

Dtsch Arztebl 2013; 110(39): A-1799 / B-1591 / C-1565

Nolte-Schuster, Birgit

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Musealer Streifzug durch die ehemalige Abtei von Stavelot – ein Ort der Kontraste

Foto: picture alliance
Foto: picture alliance

Die Wände in warmem Orange, lederne Fauteuils, auf einem alten Refektoriums-Tisch eine Ausgabe von „Le poète assassiné“ („Der ermordete Dichter“) – Die „Bibliothek“ des Museums Guillaume Apollinaire in der Abtei Stavelot (Stablo) schafft eine atmosphärische Brücke zum Werk des französischen Dichters und Kunstkritikers, der die Entwicklung der modernen Kunst bedeutend beeinflusste. Der Aufenthalt in Stavelot im Sommer 1899, während dessen der 19-jährige Apollinaire zahlreiche Gedichte an eine Gastwirtstochter verfasste, mag als wichtiger schriftstellerischer Impuls gelten. In der Dichte der handschriftlichen Dokumente aus dieser Zeit zeichnet die Ausstellung diesen Beginn des literarischen Schaffens eindrucksvoll nach.

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Deutlich wird auch der künstlerische Dialog, den Apollinaire in den folgenden Jahren mit bildenden Künstlern seiner Zeit führte. Aufschlussreich sind beispielsweise die verschiedenen Holzschnitte, in denen Pierre Alechinsky das Thema von „le poète assassiné“ inhaltlich bearbeitete. Ganz in Schwarz zeigt sich die „Bildergalerie“, in der dieses künstlerische kommunikative Netzwerk ausgebreitet wird. Georges Braque gehörte dazu, ebenso Pablo Picasso, und ihre Bedeutung für die Entwicklung von Apollinaires lyrischer Abstraktion und seinem Kunstbegriff „Orphismus“ wird in der Präsentation nachvollziehbar.

Gleich drei Museen beherbergt die alte Abtei von Stavelot im gleichnamigen Ort im Osten Belgiens. Informationen unter www.abbayedestavelot.be
Gleich drei Museen beherbergt die alte Abtei von Stavelot im gleichnamigen Ort im Osten Belgiens. Informationen unter www.abbayedestavelot.be

Ein Stockwerk höher wartet ein ebenso wegweisendes künstlerisches Werk. Noch bis zum 6. Oktober 2013 werden Arbeiten des Künstlers und Fotografen Henri Cartier-Bresson gezeigt. Subtil ziehen die 160 Schwarz-Weiß-Fotografien den Betrachter in ihren Bann und geben eine Vorstellung von Cartier-Bressons Idee einer „Fotografie des entscheidenden Augenblicks“. Die Arbeiten, die er zwischen 1929 und 1991 auf seinen Reisen durch Europa erstellte, gelten damit auch als Fotoarchiv über mehr als 60 Jahre europäischer Geschichte.

Die Geschichte des Motorsports und der bekannten Rennstrecke im nahen Spa-Francorchamps steht im Mittelpunkt der Ausstellung im Kellergewölbe der Abtei: eindrucksvoll, wie sich von dem eher kutschenähnlichen Vier-PS-„FN Herstal“ von 1901 die Entwicklung des Motorsports hin zu den klassischen Boliden fortsetzte. Auch ein zeitgenössischer Ferrari fehlt nicht in der Sammlung. Und wer Lust auf ein authentisches Rennerlebnis hat, findet dieses auf einer virtuellen Rennstrecke mit dazugehöriger Geräuschkulisse.

Ganz anderer Natur sind die gregorianischen Klänge, die auf die Präsentation im Kreuzgang neugierig machen. Hier wird die Geschichte des um 648 an dieser Stelle gegründeten Klosters lebendig, beispielsweise durch die ausgestellten Fragmente eines Bischofsstabes, die auf den bedeutenden Abt Wibald verweisen. Ein samtener Chorrock von 1626 zeigt in seinen Stickereien den heiligen Poppon, der im 11. Jahrhundert maßgeblich an der Umsetzung und Fortentwicklung der cluniazensischen Reformbestrebungen beteiligt war.

Imposant wirkt auch das original erhaltene klassizistische Refektorium mit seinen allegorischen Stuckarbeiten und dem kunstvollem Holzparkett. Der eingebaute raumhohe eiserne Ofen von 1709 mit dem Wolfswappen des vormaligen Fürstentums Stavelot-Malmedy lässt noch etwas von dem Einfluss erahnen, der seit dem 12. Jahrhundert von der Reichsabtei und ihren Fürstäbten bis weit über die Grenzen des heutigen Belgiens hinaus ausging.

Die Abtei Stavelot wurde nach der Französischen Revolution im Jahre 1796 aufgehoben und die aus ottonischer Zeit stammende Klosterkirche abgetragen. Deren inzwischen wieder freigelegte Fundamente vermitteln heute einen Eindruck von der ursprünglichen Größe des kirchlichen Bauwerks und unterstreichen im architektonischen Ensemble die vormalige Bedeutung als eine der ältesten Gründungen Belgiens.

Dr. Birgit Nolte-Schuster

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