ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2013Sepsis Summit in Berlin: Initiative für Nationalen Aktionsplan

POLITIK

Sepsis Summit in Berlin: Initiative für Nationalen Aktionsplan

Dtsch Arztebl 2013; 110(39): A-1780 / B-1570 / C-1546

Siegmund-Schultze, Nicola

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Zahl der Sepsiserkrankungen steigt in Industrienationen inklusive Deutschland stetig an. Ein Teil, vor allem auch der schwer verlaufenden Sepsen, wäre vermeidbar. In Berlin wurden die Voraussetzungen dafür in einem Memorandum beschrieben.

Schätzungen zufolge erkranken in Deutschland jährlich 175 000 bis 180 000 Kinder und Erwachsene an Sepsis. Ohne rechtzeitige Therapie verläuft eine solche systemische Infektion mit generalisierter Entzündung fast immer tödlich. Pro Jahr sterben circa 51 000 bis 60 000 Patienten in Deutschland daran.

Breite Allianz aus Forschung und Versorgungsverbänden

Anzeige

Beim Sepsis Summit im September in Berlin haben medizinische Fachgesellschaften, Repräsentanten von nationalen Forschungsinstitutionen, Verbänden und ärztlichen Standesorganisationen gemeinsam mit überregionalen Krankenhausverbänden ein Memorandum für einen Nationalen Aktionsplan gegen Sepsis verabschiedet. Denn: „Durch Prävention, Früherkennung und rechtzeitige Behandlung ließe sich eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland deutlich vermindern“, heißt es im Memorandum. Auch die Bundes­ärzte­kammer unterstützt das Memorandum für den Nationalen Aktionsplan. Seine Schwerpunkte sollen sein:

  • die Entwicklung und Implementierung von Qualitätssicherungsprogrammen zur Verbesserung der Prävention, Diagnose und Therapie in allen Sektoren des Gesundheitswesens
  • die Aufklärung der Bevölkerung über Frühsymptome und Präventionsmöglichkeiten wie Impfungen, die allerdings nur für einen Teil der sepsisauslösenden Erreger zur Verfügung stehen
  • ein Stopp des unsachgemäßen Einsatzes von Antibiotika in Medizin, Landwirtschaft und Tierzucht
  • Vorbeugung und Eindämmung von Erregerausbrüchen auf lokaler Ebene und nationenübergreifend.

„Bis zu 60 000 Sepsistote pro Jahr in Deutschland – das ist zu viel“, sagte Prof. Dr. med. Konrad Reinhart von der Universität Jena. Er ist Vorsitzender der Sepsis-Stiftung und Chairman der Global Sepsis Alliance, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, bis 2020 die Zahl der Sepsisfälle global um 20 Prozent zu reduzieren.

Zwar entwickelten sich circa 40 Prozent der Sepsisfälle außerhalb des Krankenhauses, und nur zehn bis 15 Prozent ließen sich durch verbesserte Hygienemaßnahmen verhindern. Gleichwohl gibt es in Deutschland etwa 15 000 tödlich verlaufende Sepsen, die durch Beachtung der entsprechenden Behandlungsleitlinien vermeidbar wären.

Voraussetzung für die erfolgreiche Behandlung einer bereits eingetretenen Sepsis sei eine schnelle Antibiotikagabe innerhalb der „goldenen Stunde“, da die Sterblichkeitsrate direkt mit der Zeit ohne wirksame Behandlung ansteigt. Aber auch durchschnittlich jeder Fünfte, der eine Sepsis überlebt, leidet an schweren Beeinträchtigungen wie dem posttraumatischem Stresssyndrom, motorischen und neurokognitiven Funktionsstörungen, Depressionen und Kachexie.

Die Zahl der Sepsisfälle nehme in den Industrienationen jährlich um circa sieben bis acht Prozent zu. Die Ursachen seien multifaktoriell, darunter die demografisch bedingte Zunahme älterer oder für Infektionen und Sepsis anfälligerer chronisch kranker Patienten wie zum Beispiel Diabetiker.

Verbindliche Regelungen und Checklisten könnten helfen, die Abläufe in Krankenhäusern zu optimieren, Gesundheitskosten zu reduzieren und Menschenleben zu retten.

Idealerweise sollte der Nationale Aktionsplan unter der Moderation der zuständigen Bundesministerien erfolgen, meinen die Initiatoren, die von deutscher Seite den Sepsis Summit organisiert haben: die Sepsis-Stiftung, die Deutsche Sepsis Gesellschaft, die Deutsche Sepsis Hilfe und das Center for Sepsis Control and Care in Jena. Geeignete Maßnahmen müssten in interdisziplinären, transsektoralen Projekten zusammengeführt werden – ohne Einengungen durch Ressortdenken und akademische Eitelkeiten. Falls dies gelänge, wäre es ein hervorragendes Beispiel dafür, dass es in einem nicht staatlich gelenkten, segmentierten Gesundheitssystem möglich sei, solchen Herausforderungen kollaborativ und erfolgreich entgegenzutreten, hieß es bei der Veranstaltung in Berlin.

Zahl hochresistenter Erreger steigt auch in Deutschland

Für Deutschland sei es äußerst besorgniserregend, dass 2012 beim Nationalen Referenzzentrum für multiresistente gramnegative Erreger schon 599 Nachweise von Carbapenemase bildenden Enterobakterien gemeldet wurden, für die es kaum noch Behandlungsmöglichkeiten gibt. Und nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit liege Deutschland inzwischen bei Fällen von Sepsis durch Vancomycin-resistente Keime nach Irland, Griechenland und Portugal an vierter Stelle in Europa. Von großer Bedeutung sei daher auch, dass die Politik Anreize schaffe für Unternehmen, neue Antibiotika und Tests auf Sepsiserreger zu entwickeln.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

@Weitere Informationen und
Welt-Sepsis-Deklaration unter:
www.de.world-sepsis-day.org

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema