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Interview mit Dr. med. Sabine Oestreicher, Ärztin und Medizinische Beirätin des Vereins „Partnerschaft gesunde Welt“: Mit sehr wenig viel erreichen

Dtsch Arztebl 2013; 110(39): A-1823 / B-1611 / C-1583

Ollenschläger, Philipp

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Ordensschwester Alex und Vereinsmitglied Sabine Pühl im Krankenhaus in Kampala, der Hauptstadt Ugandas, während eines zehntägigen Besuchs im ostafrikanischen Land. Foto: privat
Ordensschwester Alex und Vereinsmitglied Sabine Pühl im Krankenhaus in Kampala, der Hauptstadt Ugandas, während eines zehntägigen Besuchs im ostafrikanischen Land. Foto: privat

Der Verein „Partnerschaft gesunde Welt“des Klinikverbundes Südwest organisiert seit zwei Jahren karitative Projekte in Entwicklungsländern.

Wie kommt ein Klinikum dazu, eine private Hilfsorganisation zu gründen?

Oestreicher: Es bestand schon seit längerem eine Partnerschaft mit einem Krankenhaus in Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Die war aber eingeschlafen. Einer unserer Mitarbeiter hat diese Partnerschaft vor zwei Jahren mit viel Engagement wiederbelebt. Inzwischen zählt der Verein 184 Mitglieder. Wir finanzieren uns durch die Mitgliedsbeiträge, Kalenderaktionen in der Vorweihnachtszeit und auch durch Sponsorengelder.

Wie wählen Sie Ihre Hilfsprojekte aus, und welche Hilfe leisten Sie?

Oestreicher: Die Projekte sollen Sinn ergeben, nachhaltig sein und wirklich helfen. Dem Verein werden regelmäßig Projekte vorgeschlagen, und es wird dann besprochen, ob sie für uns infrage kommen. Neulich zum Beispiel hat der Klinikverbund Südwest 38 Betten ausgetauscht. Wir konnten diese noch vollwertigen Betten dann per Container nach Uganda schicken. Vorher haben wir eine Kosten-Nutzen-Rechnung gemacht: Werden die Betten tatsächlich benötigt, ist es nicht günstiger, Betten vor Ort zu kaufen, passen die Betten ins ugandische Krankenhaus? Schließlich haben wir uns dazu entschlossen, sie zu verschiffen.

Wo leistet der Verein sonst noch humanitäre Hilfe?

Oestreicher: Außerdem bekommt ein Landkrankenhaus in Naggalama, einem kleinen ugandischen Dorf, Unterstützung von uns. Kürzlich haben wir ein Hilfsprojekt im Sudan durchgeführt. Wir hatten erfahren, dass in einem sudanesischen Krankenhaus Zähne mit Zangen aus dem Baumarkt gezogen wurden. Ein Zahnarzt aus Deutschland erklärte sich bereit, einen kompletten Satz an Instrumenten zu spenden. Momentan haben wir drei Krankenschwestern aus Uganda bei uns zu Gast, die hier eine Ausbildung zur medizinischen OP-Kraft machen. Außerdem unterstützen wir ein Waisenhaus in Uganda und haben kürzlich Kontakt zu einem Verein in Nigeria aufgenommen, der dort ein Kinderheim unterhält.

Was machen Sie anders als die großen Hilfsorganisationen?

Oestreicher: Wir haben den direkten Kontakt zu den Bedürftigen, können ihnen ganz gezielt helfen und haben die Möglichkeit, uns mit eigenen Augen anzuschauen, ob die Projekte funktionieren. Da der Verein rein ehrenamtlich geführt wird, haben wir keinerlei Verwaltungskosten und können sämtliche finanziellen Mittel für die karitative Arbeit verwenden. Regelmäßig fahren Vereinsmitglieder in die jeweiligen Länder, um zu helfen und um Hilfsgüter zu überreichen. Ich war im Februar selbst das erste Mal in Uganda vor Ort und konnte mir persönlich ansehen, wie dort die Arbeit aussieht.

Was hat Sie bei der Reise nach Uganda am meisten beeindruckt?

Oestreicher: Uganda ist ein Land, das bisher kaum vom Tourismus gestreift wurde, und die Leute sind dementsprechend nicht auf Ausländer eingestellt. Ich hatte den Eindruck, dass die Menschen dort unglaublich ruhig, friedlich und zurückhaltend sind. Es wird versucht, mit den einfachsten Mitteln zu helfen, und es ist schnell spürbar, dass es in dem Land an fast allem mangelt. Nun ist es aber so, dass für bestimmte medizinische Behandlungen, genau wie in entwickelten Ländern, eine spezielle medizinische Ausrüstung benötigt wird. Bei Aidspatienten braucht der Arzt oder anderes medizinisches Personal nun mal sterile Handschuhe, für eine gute Versorgung sind hygienische OP-Räume und saubere OP-Wäsche notwendig. Einerseits verfügen die Krankenhäuser über sehr geringe finanzielle Mittel, andererseits sollte es dort, alleine schon aus Sicherheitsgründen, ähnlich hygienisch wie an deutschen Krankenhäusern zugehen. Da ist schon eine sehr große Diskrepanz zu sehen. Doch da das Land so arm ist, kann man glücklicherweise auch mit sehr wenigen Mitteln sehr viel erreichen.

Welche medizinischen Leistungen werden in Uganda am häufigsten in Anspruch genommen?

Oestreicher: Ein ganz großes Thema ist die Geburtshilfe. Die Frauen bekommen sehr viele Kinder, und es müssen dementsprechend häufig Kaiserschnitte durchgeführt werden. Außerdem gibt es sehr viele Malariaerkrankungen, Aidskranke, Verbrennungsopfer, Diabetes, Verkehrsunfallopfer und schlecht heilende Wunden.

Welches waren Ihre bewegendsten Momente?

Oestreicher: Als wir in Naggalama ankamen, wurde unserer Gruppe aus Deutschland das Landkrankenhaus gezeigt. Die Leiterin des Krankenhauses machte uns darauf aufmerksam, dass sich die OP-Wäsche in der einzigen Waschmaschine zur Reinigung befand. In solchen Fällen muss ein Krankenhausmitarbeiter in ein anderes Hospital fahren, um dort Wäsche auszuleihen. Wir haben fünf Koffer voll mit Hilfsgütern aus Deutschland mitgebracht, unter anderem OP-Kittel und Abdecktücher. In Zukunft muss also keiner mehr in ein anderes Krankenhaus fahren. Die Freude, die wir damit ausgelöst haben, war mein persönliches Highlight. In deutschen OP-Räumen werden nur noch Einwegutensilien benutzt. Diese Mehrweggegenstände können wir an ugandische Krankenhäuser verschenken und auf einfache Weise große Hilfe leisten.

Was war Ihre größte Frustration?

Oestreicher: Der medizinische Leiter des Krankenhauses in der Hauptstadt hat mich im Vorfeld der Reise seitenweise E-Mails übersetzen lassen. Ich habe zwei kleine Kinder, bin beruflich sehr eingespannt und habe dann nachts die Texte übersetzt. Als wir in Kampala ankamen, hat dieser Arzt die Frauen unserer Gruppe vollkommen ignoriert, wollte gar nicht mit uns reden und hat sich so verhalten, wie als würde er mir als Ärztin keine medizinischen Kompetenzen zutrauen. Allerdings kommt so etwas nicht nur in Afrika vor. Letztendlich habe ich versucht, so wenig Zeit wie nur möglich mit diesem Mann zu verbringen. Ich bin dann mit anderen Ärzten auf Visite gewesen, habe den Betriebskindergarten des Krankenhauses besucht und hatte dort wunderschöne Erfahrungen. Mir ist meine Zeit zu schade, als sie mit diesem Arzt zu verbringen.

Wie sind die Pläne für die kommenden Jahre?

Oestreicher: Wir sind gerade in der Planung, Hilfsgüter in die Mongolei zu schicken. Mein persönliches Anliegen ist es, dem Krankenhaus in Naggalama wieder auf die Füße zu helfen. Außerdem wäre es wünschenswert, wenn wir mehr Raum zum Lagern hätten. Bisher bewahren wir die jeweiligen Güter in unseren privaten Kellern auf, und wenn wir die Container zum Verschiffen beladen, ist es logistisch oftmals sehr mühsam, die Sachen zusammenzutragen.

Das Interview führte Philipp Ollenschläger.

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