ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 3/2013Aktienempfehlungen: Finger weg von den „Geheimtipps“

SUPPLEMENT: PRAXiS

Aktienempfehlungen: Finger weg von den „Geheimtipps“

Dtsch Arztebl 2013; 110(39): [27]

Bandering, Michael

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Freiberufler wie Ärzte erhalten besonders häufig Anlageempfehlungen, die hohe Renditen versprechen – aber nicht seriös sind.

Foto: iStockphoto
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Dank einer Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank verzinsen sich Anleihen solventer deutscher Emittenten allenfalls noch in Höhe der Inflationsrate – vor Steuern. So verwundert es nicht, wenn man auf Aktienempfehlungen ausweicht, die in unregelmäßigen Abständen über das Telefax oder per E-Mail verbreitet werden. Zielgruppen sind insbesondere Freiberufler wie Ärzte. Hierzu ein aktuelles Beispiel:

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Ein „Schweizer Wirtschaftsdienst“* empfiehlt spekulativ orientierten Anlegern den Kauf von Widder-Film-Aktien*. Danach erwartet man bis kommenden Herbst einen Kurssprung um mindestens 180 Prozent. Als Begründung führt man unter anderem an, die Widder-Film AG* habe mehrere Filme im Portefeuille, wovon einer im Herbst in den Kinos starten soll. Davon erhoffe „man“ sich ansehnliche Erlöse. Zudem habe die Widder-Film AG seit kurzem eine Finanzierungszusage von zwei Millionen Euro in der Tasche, wovon 500 000 Euro Cash soeben geflossen seien, so dass sie „gut finanziert“ sei. Weiter überträfe der Börsenwert eines Konkurrenten den der Widder-Film AG um das Vierfache. Und als Fazit: „Wir sehen kaum Risiken eines fallenden Aktienkurses durch den inneren Wert des Unternehmens.“

Hierzu ist anzumerken, dass bereits eine unübersehbare Zahl von Produzenten am Filmmarkt tätig und wieder untergegangen ist; die überlebenden sind denkbar dünn gesät. Auch baut der Enthusiasmus des Schweizer Wirtschaftsdienstes auf Hoffnungen, deren Erfüllung ungewiss ist. Weiter scheint sich der behauptete „innere Wert des Unternehmens“ der Widder-Film AG auf mehrere Filme im Bestand zu stützen, die man offenbar zumindest bislang nicht zu Geld machen konnte – also mögliche „Kellerleichen“.

Um die eigene Seriosität des Schweizer Wirtschaftsdienstes („Schweiz“ klingt immer gut) hervorzuheben, verweist man in einer Fußnote darauf, die empfohlene Aktie selbst zu besitzen und zu beabsichtigen, sie jederzeit zu kaufen beziehungsweise zu verkaufen. Bemerkenswert erscheint, dass das Telefax offenbar aus Großbritannien und nicht aus der Schweiz kommt und unaufgefordert sowie kostenfrei versandt wurde; eine genaue Anschrift des Dienstes fehlt. Sollte es sich hier tatsächlich um eine karitative Initiative handeln? Laut Telekom nutzen manche Anbieter sogar ganze Telefonnummernblöcke, um ihre Botschaften per Telefax unter das Volk zu bringen.

Wahrscheinlich aber liegt dem Angebot ein altbekanntes Strickmuster zu Grunde:

  • Der Initiator sucht sich eine börsennotierte Aktie einer kleinen Gesellschaft mit sehr engem Markt aus und kauft nur sporadisch angebotene Papiere – in der Regel „penny stocks“ – behutsam auf.
  • Hat er einen gewissen Bestand aufgebaut, empfiehlt er einem möglichst großen Kreis die Papiere zum Kauf und stellt alle greifbaren positiven Argumente für den Erwerb vor und/oder präsentiert alle Zukunftshoffnungen – seien sie realistisch oder nicht. Eine Verifizierung der Angaben ist freilich in der Regel nicht ohne Weiteres möglich. Schon deswegen, weil der Initiator zur Eile mahnt, um sich keine Kursgewinnchancen entgehen zu lasen.
  • Eine ganze Reihe von Angesprochenen greift die Empfehlung auf, ordert (meist zudem unlimitiert) das Papier und stößt auf einen leeren Markt, so dass der Börsenkurs explodieren muss.
  • In diese Kaufwelle schleust nun der Initiator behutsam seine eigenen Bestände und kann getrost Kasse machen.
  • Doch die Kaufeuphorie endet auch wieder, und die ersten Anleger wollen ihre Buchgewinne realisieren – vergeblich, denn nun fehlen die Käufer, die das Material aufnehmen sollen: Die Kurse stürzen ab, der Sog nach unten aktiviert neue Abgabewillige und verschärft ihn. So bleiben die Getäuschten auf ihren Papieren sitzen, die nun auf ihren wahren Wert abstürzen, der vom Anschaffungspreis weit entfernt ist und bei Untergang des Unternehmens sogar auf null zurück fällt.

Einen „Verstärker“ dachte sich ein Anbieter für einen anderen „Geheimtipp“ aus. Vermutlich wegen unzureichender Umsetzung seiner Offerte faxte er zwei Wochen nach seinem ersten Telefax einen „Börsenbrief“, der Aktien von vier Gesellschaften behandelte: drei bekannte Aktiengesellschaften mit durchaus brauchbaren Empfehlungen „Halten“ beziehungsweise „Kauf“ und dazwischen die selbst angepriesenen Aktien mit einer nahezu euphorischen Kaufempfehlung. Zugegeben: Ein seriös wirkender Börsenbrief, hinter dem unübersehbar Profis steckten – über deren Seriosität freilich erhebliche Zweifel verständlich waren.

Selbstverständlich gibt es auch eine ganze Reihe von Varianten dieses verwerflichen Grundmusters.

Michael Bandering

* Namen von der Redaktion geändert

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