ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 3/2013Lebensversicherungen: Der Garantiezins als Fessel

SUPPLEMENT: PRAXiS

Lebensversicherungen: Der Garantiezins als Fessel

Dtsch Arztebl 2013; 110(39): [24]

Fischer, Leo

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Um eine Mindestverzinsung garantieren zu können, müssen die Gesellschaften das Geld der Kunden in sichere Bundesanleihen anlegen. Zwei Anbieter bieten jetzt Verträge ohne Zinsgarantie.

Foto: Fotolia/Alexyndr
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Die Lebensversicherungen Allianz und Ergo haben ein Tabu der Assekuranz gebrochen. Sie bieten seit Juli als erste Lebensversicherer Verträge ohne Garantiezins an. Bis heute war der Garantiezins Charakteristikum und Hauptmerkmal der deutschen Lebensversicherung (und auch der schweizerischen). Im angelsächsischen Raum gibt es eine solche Mindestverzinsung freilich nicht. Dafür können diese mit höheren Erträgen aufwarten.

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In Zeiten niedriger Zinsen sehen die Lebensversicherer im Garantiezins eine Fessel. Denn um die Mindestverzinsung (derzeit 1,75 Prozent auf die Prämien abzüglich Kosten) garantieren zu können, müssen die Manager der Gesellschaften das Geld der Kunden in sichere Bundesanleihen anlegen, die derzeit aber nur eine Miniverzinsung von 1,71 Prozent (für Laufzeiten von acht bis unter 15 Jahren) bieten. Rentablere Anlagen wie Aktien, die im Deckungsstock der britischen Lebensversicherungen eine größere Rolle spielen, kommen für die deutschen Versicherer derzeit nicht infrage. Denn Aktien sind sehr volatil, wie jeder Privatanleger schon erfahren hat, und taugen nicht zu Anlagen, die den Kunden eine Mindestverzinsung garantieren sollen. Die deutschen Lebensversicherer müssen Jahr für Jahr einen positiven Ertrag erwirtschaften. Im Übrigen ist die erlaubte Aktienquote durch die Aufsicht begrenzt, nicht einmal der erlaubte Spielraum wird voll genutzt.

Die Versicherungswirtschaft weiß natürlich, dass die sicherheitsaffinen Bundesbürger vor allem auch durch die Garantieverzinsung zum Abschluss von Lebensversicherungen veranlasst werden. So werben die beiden Anbieter Ergo und Allianz auch bei den neuen Verträgen mit Garantien – nur beziehen sich diese nicht auf die Verzinsung, sondern auf die Beiträge. Garantiert wird, dass der Versicherungsnehmer am Ende zumindest seine eingezahlten Beiträge zurückerhält, aber das ist nicht mit einer Zinsgarantie zu vergleichen. Dementsprechend wird bei den Rentenversicherungsverträgen die Rente berechnet.

Noch gibt es die herkömmliche Lebensversicherung mit der garantierten Verzinsung von 1,75 Prozent auf neu abgeschlossene Verträge. Auch Allianz und Ergo wollen weiter die klassischen Lebens- und Rentenversicherungsverträge anbieten. Aber die Assekuranz würde es am liebsten sehen, wenn sich das Modell der Verträge ohne Garantie durchsetzen würde. Denn je länger die Niedrigzinsphase dauert – und ein Ende ist derzeit nicht abzusehen –, umso schwerer fällt es, das gegebene Zinsversprechen einzuhalten.

Die Assekuranz hat noch viele Verträge im Bestand, die eine Mindestverzinsung von 2,25 Prozent oder gar vier Prozent erwirtschaften müssen. Im Durchschnitt der 93,2 Millionen Versicherungsverträge, die die Deutschen abgeschlossen haben, beträgt die Garantieverzinsung drei Prozent. Die lassen sich mit Bundesanleihen ohnehin nicht erzielen, da muss schon auf Unternehmensanleihen zurückgegriffen werden, die natürlich eine geringere Bonität als der Bund haben. Die Geldmanager der Versicherungsgesellschaften müssen längerfristiger anlegen als früher. Dementsprechend müssen höhere Kursrisiken für den Fall in Kauf genommen werden, dass die Zinsen doch wieder steigen. Denn dann fallen die umlaufenden Anleihen im Kurs – und zwar umso stärker, je länger die Laufzeiten. Außerdem wird verstärkt in Immobilien und Solar- und Windkraftanlagen investiert. Ergo, die als erste mit der neuen Lebensversicherung ohne Garantieverzinsung auf den Markt kam, will dieses Manko durch eine höhere Gesamtverzinsung versüßen. Durch die Anlage in Geldmarktfonds und gemischten Aktien/ und -Anleihenfonds sollen höhere Überschussbeteiligungen erwirtschaftet werden, die aber – das liegt im Wesen der Überschussbeteiligungen – nicht garantiert werden. Die Allianz hat angekündigt, dass sie dem Kunden bei ihrem neuen Produkt jährlich 0,3 Prozentpunkte mehr an Überschussbeteiligung zuweisen wird als bei der herkömmlichen Lebensversicherung. Aber auch hier gilt: Das Risiko, dass dies gelingt, trägt der Versicherungsnehmer. Und ob es gelungen ist, erfährt der Kunde erst am Ende der Laufzeit.

Noch halten sich die anderen Lebensversicherungen bedeckt, aber es besteht kein Zweifel, dass auch hier über Verträge ohne Zinsgarantie nachgedacht wird. Offensichtlich will man aber abwarten, wie die neuen Produkte von den Kunden und von allem von Vermittlern angenommen werden. Verkauft wird, was die Vermittler wollen, ist eine Binsenweisheit des Versicherungsvertriebs. Michael Diekmann, der Chef der Allianz, meinte in einem Interview mit der Wirtschaftswoche, dass Lebens- und Rentenversicherungen mit Garantiezinsen ein Auslaufmodell seien. Gewiss ist da der Wunsch Vater des Gedankens, nicht nur um der Niedrigzinsfalle zu entgehen. Denn die Anforderungen der Aufsichtsbehörden werden immer strenger. Für Produkte mit Garantie muss mehr Eigenkapital vorgehalten werden als für solche ohne.

Auch eine weitere Senkung des Garantiezinses wird bereits in die Diskussion gebracht. Die Rede ist von 1,5 Prozent oder nur 1,25 Prozent statt der heute geltenden 1,75 Prozent. Spätestens dann dürften weitere Anbieter mit Verträgen ohne Garantieverzinsung auf den Markt kommen. Bei diesem Niveau werden die Versicherungsnehmer eher bereit sein, auf die Zinsgarantie zu verzichten. Die Zinsgarantie muss ohnehin nicht greifen. Die laufende Verzinsung, die die deutschen Lebensversicherer im Durchschnitt erwirtschaften, beträgt immerhin 3,6 Prozent.

Dr. Leo Fischer

Die Entwicklung des Garantiezinses

Die Höhe des Höchstrechnungszinses (Garantiezinses) wird durch Verordnung des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) bestimmt. Messlatte ist die durchschnittliche Umlaufrendite zehnjähriger Staatsanleihen. Der Garantiezins soll maximal 60 Prozent der durchschnittlichen Rendite öffentlicher Anleihen betragen. Der Höchstrechnungszins soll verhindern, dass die Versicherungen mehr versprechen, als sie halten können. Er soll gewährleisten, dass die Versicherungen ihren langfristigen Zahlungsverpflichtungen gegenüber ihren Kunden nachkommen können.

1. Januar 1980: 3 Prozent

1. Juli 1986: 3,5 Prozent

1. Juli 1994: 4 Prozent

1. Juli 2000: 3,25 Prozent

1. Januar 2004: 2,75 Prozent

1. Januar 2007: 2,25 Prozent

1. Januar 2012: 1,75 Prozent

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