ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1998Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Arzneimittelinduzierte schwere Hautreaktionen

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Arzneimittelinduzierte schwere Hautreaktionen

Dtsch Arztebl 1998; 95(49): A-3172 / B-2687 / C-2494

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LNSLNS Das Spektrum der durch Arzneimittel verursachten schweren Hautreaktionen umfaßt drei Erkrankungsbilder:
1. Erythema exsudativum multiforme majus (EEMM)
2. Steven-Johnson-Syndrom (SJS)
3. Toxische Epidermale Nekrolyse (TEN; früher: medikamentöses Lyell-Syndrom).
Bereits 1984 und 1991 hatte die AkdÄ über diese oft, allerdings nicht ausschließlich im Zusammenhang mit der Einnahme bestimmter Arzneimittel, vorkommenden schweren Hautreaktionen berichtet. Nachfolgend informieren wir die Ärzteschaft über die in diesem Zusammenhang wichtigsten Risiko-Medikamente und die Organisation diesbezüglicher Meldungen.


Noch einmal zur Symptomatologie
Zu Beginn treten unspezifische, grippeartige Allgemeinsymptome mit erhöhter Temperatur und Eosinophilie auf. Die im Anschluß auftretenden Hauterscheinungen sind gekennzeichnet durch Erytheme mit Übergang in eine mehr oder weniger ausgedehnte Blasenbildung, die dem Bild einer großflächigen zweitgradigen Verbrühung beziehungsweise Verbrennung ähnelt. Daneben finden sich Schleimhautmanifestationen in Form erosiver Veränderungen des Mundes, des Genitales sowie der Konjunktiven und der Lippen.
Das EEMM zeigt typischerweise Läsionen vorwiegend im Hand- und Fußbereich bei gleichzeitiger Schleimhautbeteiligung. Beim SJS dagegen fällt eine stammbetonte beziehungsweise generalisierte Verteilung der Hautveränderungen auf. Da eine klare Abgrenzung zwischen SJS und TEN kaum möglich ist, wurde eine SJS/TEN-Übergangsform definiert, bei welcher Blasen und Erosionen zwischen 10 Prozent und 30 Prozent der Körperoberfläche (KOF) betreffen. Von einem TEN spricht man bei einem Prozentsatz an Hautablösung von mehr als 30 Prozent. Dabei wird die Prognose in erster Linie durch den Erhalt eines normalen Flüssigkeits- und Elektrolythaushaltes und die Verhütung einer Infektion, zum Beispiel Pseudomonas aeruginosa, bestimmt.
Während SJS, SJS/TEN-Übergangsform als eine Erkrankung mit verschiedenem Schweregrad angesehen werden, unterscheidet sich das EEMM hiervon. Zwar findet man beim EEMM auch, vor allem an den unbedeckten Körperpartien, die an Schießscheiben erinnernden Erytheme und kleinere Blasen, doch konfluieren diese nicht. Die fehlende Tendenz zu großflächiger Blasenbildung ist für die Prognose des Patienten von erheblicher Bedeutung.
Die wichtigsten Differentialdiagnosen zu den Formen der TEN sind das generalisierte bullöse fixe Arzneiexanthem und das staphylococcal scalded skin syndrome (SSSS), früher auch "staphylogenes LyellSyndrom" genannt.
Letzte Sicherheit bei der Entscheidung, um welche Form der oben beschriebenen Hautreaktionen es sich handelt, kann nur durch eine histopathologische Untersuchung erreicht werden.
Seit 1990 werden derartige Meldungen durch das Dokumentationszentrum schwerer Hautreaktionen der Universität Freiburg (dZh) über ein Spontanmeldesystem systematisch erfaßt. Hierbei erfolgt auch eine enge Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und der AkdÄ.
Zwischen 1992 und 1995 lag die Gesamtinzidenz für diese Reaktionsformen bei 1,89 pro eine Million Einwohner pro Jahr. Bei der Analyse der demographischen Daten fällt auf, daß das EEMM und das SJS überwiegend bei Patienten auftreten, die jünger als 40 Jahre sind, während dagegen 75 Prozent der Patienten mit SJS/TEN-Übergangsform und TEN älter als 40 Jahre sind.
Während Arzneimittel weitgehend als ätiologischer Faktor der TEN angesehen werden, führt man Fälle von EEMM, zum Teil auch von SJS, auf akute, meist virale Infektionen, zum Beispiel Influenza, Hepatitis oder Herpes-simplex-Eruptionen, aber auch Mykoplasmeninfektionen zurück.
Zu den häufigen medikamentösen Auslösern von schweren Hautreaktionen gehören:
! antibakterielle Sulfonamide, zum Beispiel Co-Trimoxazol
! Antikonvulsiva, zum Beispiel Phenytoin, Carbamazepin, Lamotrigin
! Analgetika und nichtsteroidale Antirheumatika, vor allem Pyrazolone
! Allopurinol.
Allerdings muß grundsätzlich betont werden, daß schwere Hautreaktionen mit geringerer Häufigkeit auch bei der Einnahme zahlreicher anderer Medikamente auftreten können. Bei Arzneimitteln, die normalerweise über einen längeren Zeitraum von Monaten oder Jahren gegeben werden, scheint das Risiko innerhalb der ersten zwei Behandlungsmonate am höchsten zu sein.
Das dZh in Freiburg und die AkdÄ bitten um Meldung aller Verdachtsfälle von EEMM, SJS und TEN. Meldungen, die der AkdÄ zugehen, werden, sofern das Einverständnis der meldenden Kollegin oder des meldenden Kollegen vorliegt, an das Dokumentationszentrum weitergeleitet. Sie können dafür den in regelmäßigen Abständen im Deutschen Ärzteblatt abgedruckten Berichtsbogen verwenden, Ihre Meldung aber auch formlos an die unten genannten Adressen senden.
Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Aachener Straße 233-237, 50931 Köln, Tel 02 21/40 04-5 18, Fax -5 39
Dokumentationszentrum schwerer Hautreaktionen (dZh), Universitäts-Hautklinik, Hauptstraße 7, 79104 Freiburg, Tel 07 61/2 70-67 23, Fax -68 34

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