ArchivDeutsches Ärzteblatt49/1998Ein Handy ist nicht alles - aber ohne Handy ist alles nichts

VARIA: Schlusspunkt

Ein Handy ist nicht alles - aber ohne Handy ist alles nichts

Dtsch Arztebl 1998; 95(49): [44]

Wildermut, Sigrun Ferdinande

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LNSLNS Endlich habe ich auch ein Handy. In der Tat bin ich sehr konservativ und mißtrauisch gegen technische Fortschritte. Aber mein Mann konnte mich überzeugen, daß es vielleicht wichtig sein könnte, wenn er "seinen Herzinfarkt" bekäme und keine Telefonzelle weit und breit wäre, daß ich dann sofort mit dem Handy Hilfe herbeirufen könnte. Er meinte: "Ein Handy ist nicht alles - aber ohne Handy ist alles nichts!"
Weil in der Verkaufsstelle ein Großansturm auf Handys war, hatte der Verkäufer keine Zeit, uns dieses kleine Gerät mit vielen Knöpfen zu erklären, sondern drückte es uns in die Hand mit dem Kommentar: "Lesen Sie die Gebrauchsanweisung in Ruhe zu Hause durch, und wenn etwas unklar ist, melden Sie sich wieder."
Bis jetzt hielten mein Mann und ich uns eigentlich für durchschnittlich intelligent, aber nach Durchlesen der Gebrauchsanweisung hielten wir uns für Analphabeten. Da waren verschiedene Fremdwörter, die ich bis jetzt noch nie mit einem Telefon in Verbindung brachte, zum Beispiel pin, display, mailbox, Menü und Hauptmenü. Nach ein paar Tagen kam ein unerwarteter automatischer Telefonanruf der Telekom, daß in meiner "mailbox" wichtige Nachrichten für mich seien.
Ich dachte: "Wie kann denn die Telekom wissen, daß in meinem Briefkasten eine wichtige Nachricht ist?" Denn wenn ich in der Englischstunde gut aufgepaßt hatte, hieß "mailbox" Briefkasten. Meine Skepsis hatte sich in Bewunderung über die technische Revolution gewandelt. Vielleicht waren Satelliten im Spiel, die die Briefkästen der Handybesitzer beobachteten und überwachten. Sofort nahm ich meinen Briefkastenschlüssel, sprang die Treppe nach unten, kam atemlos am Briefkasten an, öffnete ihn - und was fand ich? Gähnende Leere! Ein bißchen enttäuscht stieg ich wieder die Treppe hoch und las die Gebrauchsanweisung ein weiteres Mal durch, und genau nach Anweisung gab ich nun viele Ziffern ein. Auf dem "Display" erschien zuerst "Menü", danach "Hauptmenü".
Gegen 15 Uhr meldete sich das Handy wieder. Eine männliche Stimme erklärte mir, daß er der Operator sei. Ich wunderte mich, was er an mir operieren wollte, und sagte ihm, daß ich kerngesund sei. Ohne zu lachen, klärte er mich über meinen Irrtum auf, daß er der technische Operator der Telekom sei. Er klärte mich auch über meinen Irrtum mit dem Briefkasten auf.
Seitdem ich Handybesitzer bin und mich mehrmals durch die Gebrauchsanweisung gequält habe, hat sich mein Wortschatz erheblich erweitert.
Sigrun Ferdinande Wildermut
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