ArchivMedizin studieren4/2013Wissenschaftslektorat: Der letzte Schliff

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Wissenschaftslektorat: Der letzte Schliff

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 4/2013: 16

Ollenschläger, Philipp

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Studierende und Doktoranden nehmen für wissenschaftliche Arbeiten immer häufiger die Hilfe von Lektoren in Anspruch. Einige verwechseln Lektorat mit Ghostwriting. Doch wo hört eigentlich das Lektorat auf, und wann beginnt Ghostwriting?

Foto: istockphoto
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Eine mangelhafte Rechtschreibung und schlecht formulierte Texte wirken sich negativ auf die Endnote einer wissenschaftlichen Arbeit aus, selbst wenn die Arbeit inhaltlich korrekt ist. Nicht nur bei geisteswissenschaftlichen Fächern ist dies der Fall – auch in der Medizin.

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Damit die Note nicht unter Rechtschreibschwächen oder unter fragwürdigen Formulierungen leidet, nehmen Studierende und Doktoranden immer häufiger die Hilfe von Lektoren in Anspruch. Die geben hilfreiche Tipps, korrigieren die Arbeit inhaltlich und formal und verpassen ihr den letzten Schliff. Bei Doktoranden der Medizin kommt häufig erschwerend hinzu, dass sie ihre Dissertation erst schreiben, wenn sie schon im Berufsleben stehen. Deshalb kommt bei ihnen zusätzlich zu dem Druck, eine gute Doktorarbeit zu verfassen, der alltägliche Arbeitsdruck hinzu.

Kai Stapelfeldt kennt die Probleme der Doktoranden. Der Hamburger leitet den Verein studi-coach – ein Lektorat, das sich auf die Korrektur wissenschaftlicher Arbeiten von Studierenden spezialisiert hat. Für den Verein arbeiten etwa 70 Wissenschaftslektoren aller Fachrichtungen, die jedes Jahr gut 1 000 Arbeiten von Studierenden und Doktoranden betreuen. Das Angebotsspektrum von studi-coach reicht von Kursen zur wissenschaftlichen Methodik über das individuelle Telefoncoaching bis hin zum Lektorat für wissenschaftliche Arbeiten.

Zehn Lektoren aus Stapelfeldts Team sind auf den Fachbereich Medizin spezialisiert. In den vergangenen zwölf Monaten betreuten sie mehr als 200 medizinisch-wissenschaftliche Texte. „Mediziner haben oft Schwierigkeiten mit dem Schreiben ihrer Dissertation“, sagt Stapelfeldt. „Meistens können uns die Doktoranden die Sachverhalte gut schildern; problematisch wird es, wenn sie diese zu Papier bringen wollen.“ Doch in solchen Fällen können er und sein Team Hilfestellung leisten.

Anders als zum Beispiel Studierende geisteswissenschaftlicher Fächer sind Medizinstudierende häufig ungeübt im Verfassen von Texten. Während Geisteswissenschaftler im Laufe des Studiums stapelweise Texte verfassen, ist die Dissertation für Mediziner oftmals der erste Kontakt mit wissenschaftlicher Arbeitsweise. „Medizinstudierende werden während des Studiums zu wenig auf das Schreiben der Doktorarbeit vorbereitet“, findet Stapelfeldt. Für das Verfassen von Doktorarbeiten sei es aber notwendig, die Methodiken des wissenschaftlichen Arbeitens draufzuhaben.

Eine der Hauptaufgaben des Vereins, neben dem eigentlichen Lektorat, sieht Stapelfeldt in der Motivationsarbeit. Insbesondere Medizin-Doktoranden würden häufig unter dem Spagat zwischen ihrer Tätigkeit als Assistenzarzt und dem Schreiben der Dissertation leiden. Dies führe in vielen Fällen dazu, dass die Doktoranden das Verfassen der Arbeit immer weiter nach hinten verschieben, in manchen Fällen sogar frustriert aufgeben. „Manchmal müssen die Studierenden und Doktoranden von uns einen leichten Tritt in den Hintern bekommen oder uns ihre Sorgen und Bedenken bezüglich ihrer Arbeit mitteilen können“, erklärt Stapelfeldt. Dies alleine bewege viele schon zum Weiterschreiben.

In den vergangenen zwei Jahren, seit der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg des Plagiarismus überführt wurde, wurde Kai Stapelfeldt häufig auf das Thema Ghostwriting angesprochen. Mit Ghostwriting habe sein Verein nichts zu tun, betont er energisch. Man halte sich strikt an die Vorgaben der Universitäten. Viele Medizin-Professoren begrüßten sogar die Inanspruchnahme von Lektoraten.

Hin und wieder bekommen auch Stapelfeldt und seine Kollegen Anfragen für Ghostwriting. Die Beweggründe für diese Anfragen sind vielfältig. Zum einen ist da die Gruppe der kühl kalkulierenden Studenten, die für ihren beruflichen Werdegang eine gute Note in der Abschlussarbeit brauchen. Nicht selten sind die Vertreter dieser Gruppe Studierende, die aus Familien ohne akademischen Hintergrund kommen, die gelernt haben, sich in anderen Lebenssituationen durchzuschlagen und sich der akademischen Arbeitsweise jedoch nicht verpflichtet fühlen. Des Öfteren bekommt Stapelfeldt auch Anfragen von Menschen mit psychischen Problemen. Hier begegnen dem Lektor und seinem Team teilweise schwere menschliche Schicksale. Oft seien es Personen mit sprachlichen Schwierigkeiten, die einem hohen Erwartungsdruck ausgesetzt sind und sich in einer nervenzehrenden Umbruchphase befinden. „Manchmal können wir diesen Studentinnen und Studenten helfen – aber nicht als Ghostwriter“, verdeutlicht Stapelfeldt.

Im Frühling und Frühsommer steigt der Bedarf an Ghostwritern. Insbesondere junge Studenten aus wohlhabenden Familien wollen sich auf diese Weise von lästiger Arbeit befreien, Freizeit und das schöne Wetter genießen. Häufig handele es sich hierbei um Studenten der Betriebswirtschaftslehre oder der Rechtswissenschaften.

Dann ist da noch die Gruppe der Personen, für die Deutsch eine Fremdsprache ist, die ihr Studium fast beendet haben, aber beim Schreiben der akademischen Arbeit an ihre Grenzen kommen. Diese Menschen stünden oftmals unter einer besonderen Drucksituation, da sie sich das Studium nur mit großer finanzieller Unterstützung durch ihre Eltern leisten konnten, erklärt Stapelfeldt.

Eine beträchtliche Anzahl von Medizinstudentinnen und -studenten scheint Ghostwriting – trotz seiner mitunter existenzbedrohenden Gefahren – als die Lösung für ihre akademischen Probleme zu sehen. Doch Stapelfeldt betont: „Viele lassen sich vom Ghostwriting abbringen, wenn ihnen die Nachteile eindeutig vor Augen geführt werden.“ Philipp Ollenschläger

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