ArchivMedizin studieren4/2013Tödlicher Fehler eines PJlers: Das kleinste Rad im Getriebe

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Tödlicher Fehler eines PJlers: Das kleinste Rad im Getriebe

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 4/2013: 7

Hibbeler, Birgit

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Fahrlässige Tötung – so lautet das Urteil des Landgerichts Bielefeld. Der Verurteilte: ein junger Arzt. Als Student im praktischen Jahr spritzte er einem Säugling ein orales Medikament versehentlich in die Vene. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun aber auch gegen das Krankenhaus.

Die falsche Spritze: Der Student verabreichte den Cotrimoxazol-Saft irrtümlich intravenös. Fotos: Michael Peters
Die falsche Spritze: Der Student verabreichte den Cotrimoxazol-Saft irrtümlich intravenös. Fotos: Michael Peters

Es gibt wohl keinen Tag, an dem er nicht an den 22. August 2011 denkt. Damals unterlief ihm als Student im praktischen Jahr (PJ) im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld ein fataler Fehler. Irrtümlich spritzte er einem Säugling ein für die orale Gabe bestimmtes Antibiotikum intravenös. Das neuneinhalb Monate alte Kind starb an einem anaphylaktischen Schock. Ein Alptraum. Das Amtsgericht Bielefeld verurteilte ihn wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 1 800 Euro.

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Zwei Jahre später sitzt er wieder vor Gericht. Den Blick gesenkt, die Hände gefaltet. „Zuerst möchte ich sagen, wie furchtbar leid mir das tut“, sagt der frühere PJler und heutige Arzt. Er blickt zu den Eltern des gestorbenen Kindes, die ihm als Nebenkläger in der Berufungsverhandlung gegenübersitzen. Der Fall wird noch einmal aufgerollt. Der Mediziner will in zweiter Instanz einen Freispruch erreichen. Allerdings wird schnell klar: Das wird schwierig. Tatsächlich bestätigt das Landgericht Bielefeld nach drei Verhandlungstagen das erstinstanzliche Urteil.

Die tödliche Spritze war nicht beschriftet. „Da hätte der Angeklagte zumindest nachfragen müssen“, sagt Richter Wolfgang Lerch. Der Angeklagte habe seine Sorgfaltspflicht verletzt, erklärt er in der Urteilsbegründung. Das Landgericht ändert allerdings das Strafmaß: Die Gesamthöhe der Geldstrafe bleibt zwar gleich, doch die Zahl der Tagessätze wird von 120 auf 90 reduziert (Az.: 011 Ns-16 Js 279/11-11/13). Das ist insofern von Bedeutung, als die Vorstrafe nicht im polizeilichen Führungszeugnis auftaucht. Potenzielle Arbeitgeber erfahren also nichts von der Verurteilung des ehemaligen PJlers, der mittlerweile seine Approbation erhalten hat und als Assistenzarzt in einem Krankenhaus arbeitet. Die Eltern des gestorbenen Babys reagieren mit Unverständnis und verlassen vorzeitig den Gerichtssaal. Die Tür knallt. „Sie hätten sich eine Freiheitsstrafe gewünscht“, sagt ihre Anwältin. Sicherlich gibt es auch in ihrem Leben keinen Tag, an dem sie nicht an den 22. August 2011 denken.

So wäre der Fehler nicht passiert: Spritzen für den oralen Gebrauch (links) haben einen anderen Konus als normale (rechts). Sie passen nicht auf intravenöse Infusionssysteme.
So wäre der Fehler nicht passiert: Spritzen für den oralen Gebrauch (links) haben einen anderen Konus als normale (rechts). Sie passen nicht auf intravenöse Infusionssysteme.

Was war an diesem Tag in der Bielefelder Kinderklinik passiert? Es war gegen halb neun, als der Student bei dem Säugling Blut abnahm. Eine Krankenschwester brachte die besagte Spritze ins Zimmer. Mit ihr hatte der PJler zuvor über einen Tal-/Bergspiegel für das Antibiotikum Refobacin gesprochen. Für eben dieses Präparat hielt er die milchige Flüssigkeit in der unbeschrifteten Spritze und applizierte sie in einen zentralvenösen Zugang. Tatsächlich war es aber Cotrimoxazol-Saft.

Zum Tathergang steht Aussage gegen Aussage: Die Krankenschwester gibt vor Gericht an, die Spritze mit den Worten „Hier ist das orale Antibiotikum“ ins Zimmer gebracht zu haben – gerichtet an die ebenfalls anwesende Mutter. Der PJler habe lediglich den Auftrag zur Blutentnahme gehabt. Der Student hingegen ging davon aus, den „Gesamtauftrag“ für den Tal-/Bergspiegel zu haben. Die Schwester habe gesagt: „Hier ist das Medikament.“

Richter Lerch wertet die Aussage der Krankenschwester als glaubwürdig. Ebenso die Angabe des Chefarztes, der PJler habe ihm gegenüber nach dem Vorfall geäußert, einen „Blackout“ gehabt zu haben. Den „Belastungseifer“, den die Verteidigung bei dem Klinikleiter feststellt, sieht der Richter nicht. Der Chefarzt hat zuvor die Kennzeichnung der Spritzen in der Abteilung erläutert: Orale Spritzen sind unbeschriftet und verschlossen mit einem roten Combistopper. Auf intravenösen Spritzen steckt eine Nadel mit Schutzhülle, außerdem gibt ein Aufkleber Auskunft über Daten wie Name des Patienten, des Medikamentes und die Dosierung. Intravenöse Spritzen dürften nur auf ärztliche Anordnung gegeben werden, so der Chefarzt. Eine solche habe es nicht gegeben. Der Fehler des PJlers sei unverständlich.

Anders als in der ersten Instanz kommt das Gericht jedoch zu der Überzeugung: Es gab in der Klinik eine „Organisationsproblematik“. Die Gefahr der möglichen Verwechslung sei in Fachkreisen bekannt gewesen. Spritzen für die orale Gabe, die nicht auf intravenöse Infusionssysteme passen, seien bereits auf dem Markt gewesen. „Leider war 2011 eine solche Handhabung nur in wenigen Kliniken üblich“, sagt der Richter. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld hat nun ein Ermittlungsverfahren gegen die Klinik eingeleitet. Zu klären ist, ob es eine Sorgfaltspflichtverletzung gegeben hat, und wenn ja, wer dafür verantwortlich ist.

Dass in dem Berufungsverfahren die Abläufe in der Klinik kritisch beleuchtet werden, ist neben den Ausführungen der Verteidigung auch auf die Aussage von Dr. med. Bernhard Marschall zurückzuführen. Der Studiendekan aus Münster ist als Sachverständiger geladen. Für ihn steht fest: Organisationsmängel haben eine entscheidende Rolle gespielt. „Er hatte keinen Anhalt für berechtigte Zweifel“, kommentiert Marschall das Verhalten des PJlers. Die Kennzeichnung der Spritzen auf der Station kann er nicht nachvollziehen. Auch eine orale Spritze hätte seiner Meinung nach beschriftet sein müssen. Hier werde eine „heile Welt“ von Standards dargestellt, die offenbar nicht allen bekannt gewesen seien. Marschall ergänzt, PJler seien nichtärztliche Mitarbeiter auf der Station, an die ärztliche Aufgaben delegiert würden. Sie seien „das kleinste Rädchen im Getriebe“. Derjenige, der eine Aufgabe delegiere, habe sich davon zu überzeugen, dass der Ausführende diese auch erledigen könne. Marschall weist vor Gericht darauf hin, dass das Bielefelder Krankenhaus kein akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Münster mehr sei.

Einen verbindlichen Katalog an Aufgaben, die PJler übernehmen können, gibt es nicht. Laut Approbationsordnung sollen sie „entsprechend ihrem Ausbildungsstand unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes ihnen zugewiesene ärztliche Verrichtungen durchführen“. Dabei bedeutet „Aufsicht“ nicht unbedingt, dass der Ausbilder danebenzustehen hat. Er muss sich davon überzeugen, dass der PJler für die Tätigkeit geeignet ist. Im konkreten Fall offenbaren sich Mängel. Wer den PJler in Bielefeld in das Thema intravenöse Injektionen eingewiesen hat, kann in der Verhandlung nicht ermittelt werden. Ein PJ-Logbuch gab es zum damaligen Zeitpunkt nicht.

Das Bielefelder Urteil hat für Verunsicherung gesorgt. Es ist das erste Mal, dass ein PJler in einem Strafprozess verurteilt wurde. Die meisten Studierenden dürften bisher davon ausgegangen sein, für einen Fehler in der Ausbildung strafrechtlich nicht belangt werden zu können. „Es ist der erste Fall dieser Art, der mir bekannt ist“, bestätigt Prof. Dr. med. Josef Pfeilschifter, Präsidiumsmitglied des Medizinischen Fakultätentages (MFT). Grundsätzlich ist das für ihn ein Beleg dafür, wie sorgfältig und bemüht sich Ärzte und Studenten in der Ausbildungssituation verhalten. Gleichwohl sei es ein wichtiger Schritt, dass die Approbationsordnung mittlerweile PJ-Logbücher vorschreibe. „Wir müssen in der Ausbildung Qualitätskriterien erfüllen“, sagt er. Der MFT plane, eine Zertifizierung für akademische Lehrkrankenhäuser anzubieten.

Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. med. Theodor Windhorst, fordert unterdessen, PJler besser zu betreuen. Besonders wichtig sei, dass den Studierenden erfahrene Ärzte als Mentoren an die Seite gegeben würden. „Für diese Aufgabe muss Raum im Krankenhausbetrieb geschaffen werden“, sagt der Kammerpräsident.

Auch Martin Schmidt, Bundeskoordinator für Medizinische Ausbildung, Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland, fordert: „Die Studierenden brauchen vor allem feste Ansprechpartner.“ In PJ-Logbüchern könne man Abläufe schriftlich fixieren – zum Beispiel, dass ein Arzt dabei sein muss, wenn man eine invasive Maßnahme zum ersten Mal durchführt. „Sicherlich müssen die PJler das auch einfordern“, meint Schmidt. Es könne sein, dass Ärzte dann mürrisch reagieren und die Aufgabe lieber selbst erledigen. Im Endeffekt profitieren aus seiner Sicht aber alle, wenn man PJlern Tätigkeiten gewissenhaft zeigt, denn sie entlasten die Ärzte. Außerdem: „PJler sind die Kollegen von morgen.“ Dr. med. Birgit Hibbeler

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