ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2013Entwicklungspartnerschaft: Ruandas schweres Erbe

THEMEN DER ZEIT

Entwicklungspartnerschaft: Ruandas schweres Erbe

Dtsch Arztebl 2013; 110(40): A-1852 / B-1634 / C-1604

Kalkert, Regina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Ruanda leidet noch immer unter den traumatischen Folgen des Völkermordes. Im Gesundheitssystem herrscht Mangel, aber Präsident Kagame strebt nach wirtschaftlichem Aufschwung.

Fotos: Regina Kalkert
Fotos: Regina Kalkert

Zehn Tage lang war ich ein Muzungu – so lautet die Bezeichnung für Weiße in Ruanda. Hinter mir liefen scharenweise lachende Kinder her, die mich – das Bleichgesicht – neugierig beäugten, als ich im Juni 2013 das zentralafrikanische Land bereiste.

Anzeige

Die Einladung der Mitarbeiterin einer Entwicklungshilfe-Partnerschaft, die Rheinland-Pfalz mit Ruanda seit mehr als 30 Jahren unterhält, kam kurzfristig: Projekte sollten besucht werden. Über Addis Abeba nach Kigali, der Hauptstadt von Ruanda. Gelbfieberimpfung und Malariaprophylaxe im Gepäck, außerdem Altkleider und Buntstifte, ein Visum ist für einen Deutschen nicht nötig. Bei der Ankunft: eine UN-Maschine auf dem Rollfeld und strenge Sicherheitsbeamte, die mich der Duty-free-Plastiktüte entledigen, in der die Reiselektüre eingeführt werden sollte. Nicht Bücher, aber Plastiktüten sind verboten – Präsident Paul Kagame möchte ein Land ohne Müll. Mit Erfolg: In keinem Land des afrikanischen Kontinentes sind die Straßen so sauber wie in Ruanda.

In Kigali lebt man als Europäer in einem großen kühlen Haus mit hoher Mauer und einem Wächter. Rund um die Uhr passt er auf seinen „Weißen“ auf. Monatslohn 50 bis 80 Euro, das ernährt sicher eine Familie. Die ruandische Bevölkerung wohnt meistens in einer Hütte aus Lehm und Ziegeln. Ziegelbrennen verbraucht Holz, und bisher bediente man sich hemmungslos an den Eukalyptuswäldern. Heute ist das Fällen eines Baumes im „Land der tausend Hügel“ verboten – nicht jedoch das Abschlagen der Äste. Es bleiben lichte Wälder mit bis in die Baumkronen kahlen Stämmen zurück. Die Hütten in Ruanda haben seit 2011 kein Strohdach mehr. Verboten wegen der Brandgefahr, da in den meisten Fällen auf offenem Feuer gekocht wird. Es sieht ärmlich aus in dem nach Anerkennung strebenden Land. Regierungstruppen zerstörten die alten Behausungen in einer Kampagne. Die neuen Wellblechdächer – so sie denn geliefert wurden und der Betroffene nicht durch die Kampagne obdachlos wurde – sind ungünstig für das Raumklima und für die Akustik in der Regenzeit. „Fortschritt“ um jeden Preis.

Im Kreißsaal, der im Stil der 70er Jahre eingerichtet ist, fällt der erste Blick auf ein Paar Gummistiefel, die übrige Ausstattung der Ambulanz ist spärlich. Desinfektionsmittel: Fehlanzeige
Im Kreißsaal, der im Stil der 70er Jahre eingerichtet ist, fällt der erste Blick auf ein Paar Gummistiefel, die übrige Ausstattung der Ambulanz ist spärlich. Desinfektionsmittel: Fehlanzeige

Ein Liter Trinkwasser kostet in Ruanda 15 Cent – günstig für Europäer, für einen Ruander fast unerschwinglich. Im Land verteilt gibt es mit internationaler Hilfe gegrabene Brunnen. Kilometerlange „Beschaffungsmärsche“ sind an der Tagesordnung. Meistens sind es die Frauen, die diese Märsche absolvieren – mit gelben Kanistern auf dem Kopf, einem Baby im Tragetuch auf dem Rücken und manchmal einem zweiten Kind im Arm. Kinder gibt es in Ruanda viele. Etwa 40 Prozent der 8,5 Millionen Einwohner sind unter 15 Jahre alt, das Durchschnittsalter liegt bei 18,5 Jahren (zum Vergleich die BRD: 45 Jahre). Die Lebenserwartung stieg in Ruanda mittlerweile auf 52 Jahre. Man lebt von der Landwirtschaft: Tee, Kaffee und Bananen sind die wichtigsten Produkte. Wer Ziegen oder gar eine Kuh besitzt, zählt zu den Reichen.

In einem Gesundheitszentrum an der kongolesischen Grenze erfahre ich mehr über die Gesundheitsversorgung: Krankenhäuser gibt es in den Städten. Gesundheitszentren sind über das Land verteilt. Jeder Arzt hat in diesem Land geschätzt bis zu 25 000 Menschen zu betreuen. Einmal in der Woche kommt ein Arzt, um die Patienten zu behandeln, die übrigen Tage sind Krankenschwestern dafür zuständig. Meist sind dies junge Frauen, die in den letzten Schuljahren Fächer aus dem Gesundheitsbereich belegt haben. Dementsprechend niedrig ist hier der Professionalisierungsgrad.

Schwerpunkt der Arbeit ist die Geburtshilfe. Jeden Tag werden in dieser einen Ambulanz drei Kinder geboren, jede Frau wird durchschnittlich 5,6-mal Mutter. Die Kindersterblichkeit ist hoch: Jedes fünfte Kind stirbt vor seinem fünften Geburtstag. Verhütung ist immer noch ein heikles Thema. Die Kirchen – im Land stark vertreten – positionieren sich nicht unbedingt entsprechend dem Gebot der herrschenden Umstände.

Im Kreißsaal, der im Stil der 70er Jahre eingerichtet ist, fällt der erste Blick auf ein Paar übergroße Gummistiefel, die übrige Ausstattung der Ambulanz ist spärlich vorhanden. Desinfektionsmittel: Fehlanzeige. Das Labor überzeugt durch seine Aufgeräumtheit. Große Poster mit den gängigen Erregern und Übertragungswegen weisen jedoch auf eine gewisse Fachlichkeit hin. Für den gesamten Komplex gibt es nur einen kleinen Kühlschrank. Die Krankenzimmer, eines für jedes Geschlecht und eines für Kinder, stehen leer. Stationäre Patienten müssen von den Angehörigen mit Mahlzeiten versorgt werden. Der Ansatz „ambulant vor stationär“ – in Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen populär – ist in Ruanda bereits gelebte Wirklichkeit. Auf direkte Nachfrage gibt es von der Schwester mit leichtem Stirnrunzeln die Antwort, ja, es gebe Aidskranke, zehn Prozent der Bevölkerung seien erkrankt. Man investiere jetzt viel in die Aufklärung der jungen Leute. In diese Ambulanz jedoch kämen die meisten mit Atemwegsinfekten oder Wunden. Früher seien weniger Patienten gekommen, da sich kaum jemand eine Behandlung leisten konnte.

Seit 2009 gibt es eine Kran­ken­ver­siche­rung, die Grundversorgung kostet im Jahr circa zwei Euro. 90 Prozent der Ruander seien versichert, so die offizielle Zahl – ein Erfolg für den Ge­sund­heits­mi­nis­ter. Finanziert wird das System zusammen mit internationalen Partnern und Hilfsorganisationen. Trotzdem scheint es vor Ort am Notwendigsten zu fehlen. Präsident Paul Kagame will Ruanda bis 2020 vom Entwicklungs- zum Schwellenland wandeln. Gesundheit und Bildung stehen oben auf seinem Programm, um das Land nach dem grausamen Völkermord von 1994 wieder aufzubauen.

Die Auswirkungen des Genozids, bei dem die westliche Staatengemeinschaft und die Kirchen im Land ein denkbar schlechtes Bild abgegeben haben, sind auch heute noch spürbar. Hutus gegen Tutsis, Tutsis gegen Hutus. In drei Monaten starben eine Million Menschen vor den Augen der UN-Soldaten, die kein offizielles Mandat zum Eingreifen bekamen. Am Ende durften sie dann doch die Waffen gebrauchen und die Hunde erschießen, die die Leichen auffraßen. Bis heute findet man keinen Hund und kaum sonst ein Tier – nur Bussarde und Geier, die über den Städten kreisen. Alles andere ist in den Kochtöpfen gelandet oder weicht dem Druck der Menschenmassen.

Die Flüchtlingslager an der Grenze zum Kongo existieren immer noch, und es werden weiterhin Massengräber gefunden. Dann müssen die bisher vermissten Angehörigen identifiziert werden – Wunden, die immer wieder aufreißen. Ob Impfprogramme, Wellblechdächer und Schulunterricht auf Englisch ausreichen als Therapie für die posttraumatischen Störungen? Die Zukunft wird es zeigen.

Dr. Regina Kalkert

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema