ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2013Palliative Versorgung: Nationale Strategie auf dem Weg

POLITIK

Palliative Versorgung: Nationale Strategie auf dem Weg

Dtsch Arztebl 2013; 110(40): A-1836 / B-1628 / C-1595

Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: Fotolia/unipict
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Der Weg zu einer besseren Versorgung Sterbender in Deutschland verläuft nicht gerade und ist oft steinig. Der Runde Tisch ist sich jedoch einig: Viel hat sich bereits in den letzten Jahren bewegt.

Der Schauspieler Götz Schubert, bekannt aus der Verfilmung des Tellkamp-Romans „Der Turm“, sprach am 11. September beim Runden Tisch im Deutschen Bundestag das aus, was viele denken: „Die Themen Tod, Sterben und Palliativmedizin müssen populärer werden. Noch kommen Betroffene schlecht an Informationen heran.“

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Schubert ist nicht nur Botschafter der Deutschen Hospiz- und PalliativStiftung, sondern hat während des Sterbens seines Vaters auch selbst erfahren, wo noch deutliche Lücken bei der palliativmedizinischen Versorgung existieren. „Trotz fehlender Therapiemöglichkeiten sagte uns keiner, dass mein Vater ein sterbender Mensch ist“, bedauerte er. Die Versorgung zu Hause sei dann eine Katastrophe gewesen: zu viel, zu diffus und zu unkoordiniert. „Sieben oder acht verschiedene Leute kamen mit jeweils anderen medizinischen Geräten, gaben jeweils andere Anweisungen und andere Notfall-Telefonnummern – es herrschte Chaos.“

Der Fall von Schuberts Vater ist leider kein Einzelfall. „Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, der zunehmenden Bedeutung unheilbarer Erkrankungen, der sich ändernden gesellschaftlichen Strukturen sowie der Diskussion über den Umgang mit Sterben und Tod wird die Betreuung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase zu einer großen Herausforderung“, beschreibt Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), die Situation.

Einen Weg aufzeigen wolle die „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“, erklärte Marlene Rupprecht, Vorstandsvorsitzende des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands (DHPV), beim Runden Tisch. Dazu müssten sich jedoch alle Beteiligten des Gesundheitssystems, die Politik auf den Ebenen des Bundes, der Länder und der Kommunen und die Gesellschaft insgesamt einbringen.

Die Charta, die von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), dem DHPV und der BÄK getragen wird, haben seit ihrer Verabschiedung in Deutschland vor zwei Jahren etwa 5 000 Personen und Institutionen unterzeichnet. Ziel sei es nun, die Charta zu einer Nationalen Strategie weiterzuentwickeln, betonte Dr. med. Birgit Weihrauch, ehemalige Vorstandsvorsitzende des DHPV. Man benötige klare, verbindliche und auf Nachhaltigkeit angelegte Ziele und Verfahren, die im Konsens mit allen politischen Ebenen festgelegt werden. Neben der Bundesregierung sollen auch die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz, die Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden sowie die kommunalen Spitzenverbände verstärkt eingebunden werden.

Weihrauch skizzierte das Konzept und den Zeitplan ganz konkret: Der Runde Tisch soll auch in der nächsten Phase der Charta von 2013 bis 2016 das zentrale Entscheidungsgremium bleiben, wobei die Politik noch stärker einbezogen werden soll. Arbeitsgruppen des Charta-Prozesses sowie Fachexperten sollen im November zehn bis 15 prioritäre Handlungsfelder für eine Nationale Strategie festlegen. Dabei könne man auf jenen Bereichen aufbauen, die bereits in der derzeitigen Projektphase gut vorbereitet wurden, wie insbesondere „Stationäre Pflegeeinrichtungen“ und „Allgemeine Ambulante Palliativversorgung“. Ergänzt werden soll das Konzept durch das im Juli im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium konstituierte „Forum Palliativ- und Hospizversorgung in Deutschland“. Die endgültige Auswahl der Handlungsfelder werde der Runde Tisch im Februar 2014 treffen, kündigte Weihrauch an.

„Das Ziel einer Nationalen Strategie ist, dass jeder Mensch am Ende seines Lebens unabhängig von Erkrankung und Lebenssituation eine qualitativ hochwertige multiprofessionelle hospizliche und palliativmedizinische Versorgung und Begleitung erhält“, erläuterte Prof. Dr. med. Friedemann Nauck, Präsident der DGP, die Intention. Die Grundsteine seien gelegt. Nötig seien jetzt eine Vernetzung der Projekte, finanzielle Sicherheit und eine Wertschätzung des Ehrenamtes.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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advokatus diaboli
am Montag, 21. Oktober 2013, 14:48

Die Charta sollte frei von Ideologien sein!

Wie immer auch die Nationale Strategie aussehen mag, so muss indes klar sein, dass gerade die Initiatoren der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen sich insgesamt von der Vorstellung lösen müssen, einen „Königsweg“ unterbreitet zu haben.

Der hohe Rang des Selbstbestimmungsrechts der schwersterkrankten und sterbenden Patienten wird zwar gerne in sog. „Sonntagsreden“ immer wieder mal betont, wenngleich hieraus nicht die gebotenen Konsequenzen gezogen werden.

Zwischen palliativmedizinischer Betreuung und dem nachhaltigen Wunsch derjenigen Patienten, die sich ihrem persönlichen Leid durch eine Selbsttötung, ggf. auch eine ärztliche Suizidassistenz, zu entziehen gedenken, gibt es nicht den behaupteten Widerspruch!

Gerade die Initiatoren der Charta lassen es an der notwendigen Toleranz ermangeln, wenn und soweit es darum geht, die selbstbestimmte und frei verantwortliche Entscheidung des schwersterkrankten und sterbenden Patienten zu respektieren. Die Initiatoren bekunden insoweit, dass dieser „letzte Schritt“ für sie nicht „tragbar“ sei, obgleich es doch in der Sterbehilfedebatte entscheidend darauf ankommt, die Rechte der Schwersterkrankten und Sterbenden wahren zu wollen!

Nun – dass Selbstbestimmungsrecht genießt in unserer Verfassungsordnung neben der Würde des Menschen einen hohen Rang und da darf denn auch schon mal unspektakulär nachgefragt werden, warum gerade die Initiatoren und sicherlich auch die Mitunterzeichner der Charta offensichtlich Probleme haben, dieses selbstverständliche Grundrecht der schwersterkrankten und sterbenden Patienten zu akzeptieren?

Unsere Gesellschaft benötigt keine „nationale Strategie“, in der das Selbstbestimmungsrecht der Schwersterkrankten und Sterbenden „zu Grabe getragen“ wird, sondern schlicht mehr Toleranz auf Seiten der Lebensschützerfraktionen, die im Begriff sind, die palliativmedizinische Versorgung der Kranken dergestalt zu klerikalisieren, als dass hierin ein ausschließlicher Königsweg erblickt wird, der weitere Alternativen ausschließt.

Dem ist mitnichten so!

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