ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2013Medizinethik: Interdisziplinäres Referenzwerk

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Medizinethik: Interdisziplinäres Referenzwerk

Dtsch Arztebl 2013; 110(40): A-1864

Rosahl, Steffen

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Menschenwürde am Ende des Lebens, „sozialverträgliches Frühableben“, Präimplantationsdiagnostik, Stammzellforschung, reproduktives Klonen, Ersatzmütter, sexuelle Identität, Enhancement, genetische Manipulation – keine vorausgegangene Epoche sah sich mit derart brisanten ethischen Themen in der Medizin direkt konfrontiert. Doch welcher DRG- und EBM-getriebene Arzt kann die Flut technischer, wissenschaftlicher und moralisch-ethischer Details dessen, was man allgemein als medizinischen Fortschritt bezeichnet, noch überschauen?

Das von drei gestandenen Experten der praktischen und Rechtsphilosophie herausgegebene Referenzwerk ist das Ergebnis mehrjähriger Arbeit interdisziplinärer Gruppen und vereint in 50 Kapiteln einige der filigransten Denker, die Deutschland auf diesem Gebiet derzeit aufzubieten hat. Den zunehmend inflationär verwendeten Begriff der „Menschenwürde“ scharf zu fassen und daraus auch noch zu normativen Schlussfolgerungen zu kommen, dazu bedarf es nicht selten eines Verfassungsgerichtes. Tatsächlich scheint es oft überzeugender, über die Würde eines Demenzkranken oder eines Embryos zu sprechen, wo es wenig oder keinen Sinn macht, über deren Autonomie zu diskutieren. Inwieweit der Begriff als neues Leitmotiv der praktischen Philosophie und Bioethik das Mantra „Autonomie“ verdrängen wird, ist Teil der Diskussion.

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Praktisch tätige Ärzte spricht vor allem Teil B (Menschenwürde und normative Grundfragen der Medizin) mit Fragen zu vorgeburtlichem Leben, Schwangerschaftsabbruch, Arzt-Patienten-Verhältnis sowie zu der Beziehung zwischen Menschenwürde und Pflege, Behinderung, Psychiatrie und Lebensende an. In einer überalternden, demenzgeplagten Gesellschaft wurden Hilfskonstruktionen geschaffen, wie der „mutmaßliche Willen“ des Patienten – beruhigend für Gewissen und Jus, aber keineswegs in jedem Fall befriedigend. Der moderne Rückgriff auf ein ungleich komplexeres Konzept – die Menschenwürde – erlaubt hier neue Blickwinkel.

Mediziner und Forscher, deren Tätigkeit direkt in den Grenzgebieten zwischen Heute und Morgen angesiedelt ist, finden in Teil C (Menschenwürde und medizinisch-technischer Fortschritt) unter anderem gut recherchierte Beiträge zu PID, Transplantation, Neuromodulation, Neuroimaging, Mensch-Maschine-Systemen, Biobanken und genetischen Veränderungen. Steffen Rosahl

Jan C. Joerden, Eric Hilgendorf, Felix Thiele (Hrsg.): Menschenwürde und Medizin. Duncker & Humblot, Berlin 2013, 1 135 Seiten, gebunden, 98,90 Euro

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