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Krankenhäuser: Dolmetscher fürs Digitale gesucht

Dtsch Arztebl 2013; 110(40): [2]

Heitz, Oliver

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IT-Probleme bremsen viele Kliniken aus.

Ganze 71 Prozent der Krankenhauschefs in Deutschland fühlen sich bei ihrer Arbeit durch Probleme mit Technik und IT eingeschränkt. Innerhalb eines Jahres schnellte diese Quote um sieben Prozentpunkte nach oben. Das zeigt die Studie „Klinikmanagement“, für die das Beratungsunternehmen Rochus Mummert 100 Geschäftsführer, Verwaltungsleiter und Direktoren deutscher Krankenhäuser befragt hat. Abhilfe verspricht ein neuer Typus des IT-Leiters, der unternehmerisch denkt und handelt. Er sollte eng mit der Ärzteschaft zusammenarbeiten und sich als Mittler zwischen digitaler Prozessoptimierung und dem Patientenwohl sehen.

Zwar sind IT-Mängel aus Sicht der Klinikchefs erst das viertgrößte Problem ihrer Häuser; Zeit-, Budget- und Personalmangel sind gravierender (Grafik). Doch da mehr als zwei Drittel der Krankenhauschefs über Beeinträchtigungen durch Technik klagen, besteht dringend Handlungsbedarf auf den unterschiedlichsten Themenfeldern der IT. Zunehmend macht sich auch im IT-Bereich der Fachkräftemangel bemerkbar, qualifiziertes IT-Personal und Geld für Investitionen in Geräte, Software und Anwenderberatung fehlen. Das zeigt sich bei Gesprächen mit Klinikoberen immer wieder.

Studie „Klinikmanagement“: Die größten Herausforderungen der Chefs
Grafik
Studie „Klinikmanagement“: Die größten Herausforderungen der Chefs

Private besser aufgestellt

Vor allem die kleineren Krankenhäuser mit weniger als 250 Betten und bis zu 10 000 stationären Fällen pro Jahr sehen sich mit IT-Ärgernissen konfrontiert, die bei dieser Gruppe gleichauf mit dem Personalmangel stehen. Am geringsten betroffen sind Kliniken privater Träger, die damit indirekt ihre Fähigkeit bestätigen, höhere Summen in Strukturen und Prozesse investieren zu können.

Den Studienbefund stützen Erfahrungen aus der Beratungspraxis. In den Projekten zur Besetzung von IT-Führungspositionen im Krankenhausbereich zeigen sich häufig nur diffuse IT-Strategien. Beim Formulieren eines Stellenprofils können die Klinikchefs ihre Anforderungen an die IT zwar nahezu immer spontan beschreiben: Sie wünschen sich mehr Automatisierung von Kommunikation und Dokumentation, um Zeit zu gewinnen. Doch über einen IT-Masterplan mit mehrjähriger Ausrichtung verfügt kaum einer. Da sich die Krankenhauslenker nachvollziehbar primär auf Fragen der Finanzierung und der medizinischen Leistungsentwicklung konzentrieren, benötigen sie einen neuen Typus des IT-Managers.

Denn bis heute schwebt über der IT-Abteilung das Image eines Geheimbundes, dessen Gesetze nur Eingeweihte verstehen. Es reicht aber nicht mehr, IT-Technik lediglich ausführend bereitzustellen. Jeder Kliniklenker erwartet von seinem IT-Primus völlig zu Recht Ideen und Ratschläge zur Umsetzung der Unternehmensstrategie mit Mitteln der IT. Business Intelligence, die systematische Analyse von Daten zur Vorbereitung unternehmerischer Entscheidungen, erobert die Krankenhäuser. Um den damit verbundenen Aufgaben gerecht zu werden, müssen sich die IT-Manager zu Prozessberatern entwickeln. Gefragt sind hohe Problemlösungskompetenz und das richtige Verständnis der Krankenhausabläufe, um Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten bestmöglich zu unterstützen.

Eines der besten Beispiele bietet das Personalmanagement: Mit dem Rekordwert von nahezu 100 Prozent bewerten die Klinikchefs Personalgewinnung, -bindung und -entwicklung als „wichtig“ oder „sehr wichtig“ für ihr Haus. Dabei ist effiziente Unterstützung durch die IT gefragt. Von großer Bedeutung sind Themenfelder wie E-Recruiting, digitale Personalakte, Personalcontrolling und Employee Self Services – ein Konzept, das Mitarbeitern gestattet, ihre Personaldaten zumindest teilweise selbst zu organisieren. Mit dem demografischen Wandel sehr viel wichtiger werden altersbezogene Risikoanalysen, Qualifikationschecks und Personalkostensimulationen auf den berühmten Knopfdruck hin. Krankenhäuser werden in diesen Punkten von der freien Wirtschaft lernen, Angebote zur Arbeitgeberattraktivität zielgruppenorientierter und erfolgreicher zu platzieren.

Entsprechende Aufsatzsysteme bieten alle Anbieter von Software zur Lohn- und Gehaltsabrechnung bereits heute an. Die gravierenden Unterschiede liegen im Grad der Automatisierung und im Aufwand der Systembetreuung. Die Anschaffungskosten liegen fast immer über 100 000 Euro und übersteigen nicht selten eine Million Euro; die Betreuung und Weiterentwicklung solcher IT-Systeme verschlingen ebenfalls mehrere 10 000 Euro pro Jahr. Deshalb ist es zwar verständlich, dass in Anbetracht nicht refinanzierter Steigerungen bei den Personal- und Sachkosten die überschaubaren IT-Investitionen eines Krankenhauses eher in die den Leistungsprozessen nahen Bereiche fließen. Aufgabe einer strategisch agierenden IT sollte aber sein, auch alle übrigen für den langfristigen Klinikerfolg wichtigen Bereiche wie das Personalmanagement fit für die Zukunft zu machen.

Ärztliche IT-Strategen

Die nachhaltige Personalentwicklung im IT-Umfeld wird künftig zwei Richtungen verfolgen: Erstens, die Erweiterung von Qualifikation und Kompetenzen der IT-Mitarbeiter selbst mit Ausrichtung auf die Unternehmensziele. Und zweitens, die dauerhafte Bindung von Potenzialen. Fachkräftemangel und demografischer Wandel setzen gerade auch die Krankenhäuser unter Druck. Künftig stehen weniger Personen für steigende Anforderungen zur Verfügung. Die IT-Personalentwicklung muss also einerseits für stets aktuellstes IT-Know-how sorgen, andererseits wird der Umfang steigen, in dem Anwender vom Chefarzt bis zur Pflegekraft beraten werden wollen.

Um für diese Dolmetscherrolle gewappnet zu sein, sind Kompetenzen auf den Gebieten Projekt-, Prozess- und Zeitmanagement sowie Projektcontrolling von erhöhter Bedeutung. Damit IT-Verantwortliche diese Fähigkeiten entwickeln können, müssen sie viel stärker in die Abläufe der Anwender – etwa der Ärzte und kaufmännischen Experten eines Krankenhauses – integriert werden. Nur so können sie technische Optimierungsvorschläge im Sinne der Unternehmensziele anbieten. Dafür ist ein gutes Verständnis der klinischen Prozesse in der Patientenversorgung erforderlich. Als IT-Strategen der Zukunft eignen sich daher bestens Kandidaten mit einer ärztlichen Ausbildung, die technisch versiert und analytisch kompetent Brücken zwischen Krankenhaustechnik und deren Anwendung bauen.

Oliver Heitz, Associate Partner der Rochus Mummert Healthcare Consulting GmbH, Hannover

Zeitknappheit

Budgetmangel

Personalmangel

Einschränkungen durch

IT und andere Technik

Fallpauschalen in der

Leistungserbringung

Qualifikationsmängel in der

zweiten Führungsriege

Vorstandsvorgaben

Aufsichtsratvorgaben

0 %

20 %

40 %

60 %

80 %

100 %

31 %

56 %

13 %

29 %

56 %

15 %

21 %

55 %

24 %

18 %

53 %

29 %

21 %

35 %

43 %

12 %

36 %

52 %

6 %

26 %

67 %

6 %

25 %

68 %

1 %

1 %

1 %

Eher eingeschränkt

Teilweise eingeschränkt

Gar nicht eingeschränkt

Weiß nicht/keine Angabe

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    Medizinische-Fragen
    am Mittwoch, 9. Oktober 2013, 19:21

    Problem nicht nur zum Medizinischen Bereich

    Auch in Praxen oder im nicht medizinischen Bereich (Schulen, Behörden u.a.) führt der Elektronikwahn zu Problemen. Oftmals werden Geräte angeschafft ohne die Mitarbeiter zu schulen. Gerade ältere Beschäftigte haben dann zu recht bedenken gegen die Technik oder Probleme beim Einsatz!

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