ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2013Akademisierung der Gesundheitsfachberufe: Keine Qualifizierung vom Bett weg

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Akademisierung der Gesundheitsfachberufe: Keine Qualifizierung vom Bett weg

Dtsch Arztebl 2013; 110(40): A-1844 / B-1630 / C-1600

Gerst, Thomas

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Komplexe Strukturen der Gesundheitsversorgung benötigen gut ausgebildetes nichtärztliches Personal. Wie dies zu erreichen ist, steht aktuell in der Diskussion.

Bestandsaufnahme nach etwa einem Jahr: Im Juli 2012 hatte der Wissenschaftsrat (WR) die „Empfehlungen zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen“ verabschiedet; am 18. September kamen Angehörige der Gesundheitsberufe zu einer Tagung nach Berlin, um sich mit der vom WR vorgeschlagenen Ausweitung der Akademisierung auseinanderzusetzen. Bei den Vertretern der medizinischen Profession gab es zwar Nuancen in der Bewertung, doch herrscht grundsätzliche Übereinstimmung darin, dass die demografische Entwicklung und der medizinische Fortschritt künftig auch neue Versorgungskonzepte erfordern.

Wohin führt die Akademisierung der Gesundheitsberufe? Antworten darauf kamen von Hans-Jochen Heinze, Frank Ulrich Montgomery und Heyo K. Kroemer (v. l.). Fotos: Wissenschaftsrat
Wohin führt die Akademisierung der Gesundheitsberufe? Antworten darauf kamen von Hans-Jochen Heinze, Frank Ulrich Montgomery und Heyo K. Kroemer (v. l.). Fotos: Wissenschaftsrat
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Der Vorsitzende des WR-Ausschusses Medizin, Prof. Dr. med. Hans-Jochen Heinze, sieht in der zunehmenden Akademisierung der Gesundheitsfachberufe die einzige Möglichkeit, künftigen Versorgungsproblemen zu begegnen: „Wir werden mehr und mehr unsere Versorgung sektorenübergreifend und interdisziplinär organisieren müssen. Es gibt neue fachspezifische Herausforderungen, komplizierte Apparate müssen bedient, Patienten erzogen werden. Wir brauchen übergreifende Qualifikationen, um die Zusammenarbeit zu organisieren.“ Für diese komplexen Aufgaben bedarf es, dessen ist sich Heinze sicher, akademisch geschulter Gesundheitsfachberufe, die in der Lage sind, ihr Handeln auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu reflektieren, den Gegebenheiten anzupassen und flexibel zu reagieren.

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, zeigte sich besorgt darüber, dass ein zu großer Teil der Gesundheitsfachberufe die Akademisierung anstreben könnte: „Es geht doch im Kern um die Frage, wie viel Akademisierung wir brauchen. Ich habe nichts gegen eine Akademisierung der Pflege, aber man muss eine bedarfsorientierte Analyse machen.“ Montgomery befürchtet, dass hochschulgebildete Pflegerinnen und Pfleger nicht mehr für die normalen Pflegeaufgaben zur Verfügung stehen. „Als Vertreter der Gesamtärzteschaft sehe ich auch das Problem, dass viele Ärzte in 20 Jahren Pflege brauchen. Das müssen wir erst einmal gewährleisten; dieser Aspekt kommt mir bei der ganzen Debatte ein wenig zu kurz. Wir brauchen nicht nur die Hochqualifizierten, wir brauchen auch Menschen, die pflegen.“

Dem hielt Heinze entgegen, dass die WR-Empfehlungen keine komplette Abkehr vom dualen System vorsehen. Der Wissenschaftsrat gehe von einer Akademisierungsquote von zehn bis 20 Prozent eines Jahrgangs der Gesundheitsfachberufe aus. „Die Pflege soll nicht vom Bett weg qualifiziert werden. Es hängt viel davon ab, welche Berufsmöglichkeiten die akademisch ausgebildeten Pflegekräfte haben werden.“ Wenn man bereit sei, ihnen ebenfalls mehr Verantwortung zu geben und Aufgaben zu delegieren, bestehe auch keine Gefahr, dass sie in irgendwelchen Nebenberufen verschwinden.

Für den Präsidenten des Medizinischen Fakultätentages, Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer, greift die Diskussion um die Akademisierung zu kurz: „Wir gehen stets vom bestehenden System aus und versuchen, bestehende Berufe weiterzuentwickeln, was aus meiner Sicht der Entwicklung in der Medizin überhaupt nicht gerecht wird.“ Es werde einen Bedarf an Berufen geben, die es so heute noch nicht gebe. Als Beispiel nannte Kroemer einen patientennahen Bioinformatiker. Kroemer empfahl, den Widerstreit zwischen den Pflegeberufen auf der einen Seite und der Medizin auf der anderen Seite dahingehend auflösen, dass man das System ganzheitlich betrachtet und davon ausgehend entscheidet, was erforderlich ist. „Ich brauche letztendlich ein professionsübergreifendes Team, das sich mit speziellen Anforderungen auseinandersetzen kann, die wir heute in dieser Form noch nicht haben.“

Thomas Gerst

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Avatar #672079
Ulrike Ritterbusch
am Sonntag, 20. Oktober 2013, 12:19

Verkehrte Welt

Schon in den ersten Sätzen des Artikels wird klar, dass hier die gute Tendenz und richtige Vorstellung aus einer ganz verkehrten Perspektive betrachtet wird. Da werden Pflegende eingeladen, um sich die Vorschläge des WR anzuhören und sich damit auseinander zu setzen?????? Der WR muss, will er eine Akademisierung der Pflege fördern, sich mit den Vorschlägen der Pflegewissenschaft auseinandersetzen und diese dann in einer Auseinandersetzung auf AUGENHÖHE! mit vorantreiben. Da ist von "gut ausgebildetem nicht-ärztlichem Personal im Gesundheitswesen" die Rede, ALLE im Gesundheitswesen beschäftigten Menschen sind das Personal der Patienten, nach deren Bedürfnissen SÄMTLICHE Interventionen und Therapievorschläge GEMEINSAM im multidisziplinären Behandlungsteam, betstehend aus Arzt, Pflege, PATIENT und weiteren notwendigen Berufsgruppen, INDIVIDUELL erarbeitet werden.
Da müssen Patienten "erzogen" werden, wozu, wenn ich fragen darf, zu mehr Compliance? Zur besseren "Führbarkeit"? Nein, Patienten sollen und müssen umfassend und über alle Fachdisziplinen hinweg betreffende Bereiche INFORMIERT werden und zwar in professionellen Gesprächen, die erst dann als erfolgreich zu bezeichnen sind, wenn der Patient in AUTONOMER ENTSCHEIDUNG das Gefühl hat, nun aus den ANGEBOTEN die das Behandlungsteam ihm vorschlägt, das für ihn beste und den für ihn persönlich besten Weg finden zu können, mit seiner Erkrankung umzugehen.
Professionelle Schulungen können ein Weg sein, die Patienten für die Entscheidungsfindung und den Umgang mit der Erkrankung notwendigen Voraussetzungen zu schaffen.
Selbstverständliche muss der WR in allen Hierarchieebenen Pflegeakademiker als Vollständige Mitglieder aufnehmen und deren wissenschaftliche Expertise nutzen, um die besten Möglichkeiten der Akademisierung derPflege zu finden. Die Verantwortung, die die akademisch ausgebildeten Pflegenden tragen sollen und die an sie "delegiert" werden soll muss selbstverständlich entsprechend vergütet werden, es muss zuvor geplant werden, welche Tätigkeiten denn sinnvoll von den Pflegenden übernommen werden können und sollen und welche nicht.
Und letztlich der Satz:"Wir brauchen nicht nur die Hochqulifizierten, wir brauchen auch Menschen, die pflegen"?????? Was soll das denn bedeuten, gerade wenn die Pflegenden hochqualifiziert sind und zwar akademisch, dann erst können sie auch pflegen.
Das Bedienen von Apparaten ist keine komplexe Tätigkeit und erfordert im Übrigen vor allem die Fähigkeit lesen und auswendiglernen zu können (Gebrauchsanleitungen) und ist nicht Hauptaufgabengebiet der Pflege, hier können gemeinsame Schulungen von ärztlichem wie pflegerischem Personal schnell Abhilfe schaffen. Ebenfalls empfehlenswert sind multidiziplinäre Aus- und Fortbildungsstrategien in den Fächern Kommunikation und Ethik, hier besteht in allen Berufen des Gesundheitswesens ein erheblicher Mangel an Sensibilität und praktischer Fähigkeit.
Es ist tröstlich, dass wenigstens am Ende des Artikels vom professionsübergreifenden Team die Rede ist. Dass die vielen Ärzte, die heute im Beruf stehen in 20 Jahren selbst pflegebedürftig werden könnten und nun daraus plötzlich ein Bedarf an akademisch ausgebildeten Pflegekräften entsteht ist gelinde gesagt lächerlich, für die Qualität der Pflege und der medizinischen Versorgung ist ja wohl der früher ausgeübte Beruf der Patienten am wenigsten ausschlaggebend, oder ????? Gibt es da gewollte Unterschiede meine Herren???

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