ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2013Akute intrazerebrale Blutungen: Eine rasche Blutdrucksenkung hat Vorteile

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Akute intrazerebrale Blutungen: Eine rasche Blutdrucksenkung hat Vorteile

Dtsch Arztebl 2013; 110(40): A-1860 / B-1640 / C-1610

Heinzl, Susanne

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Eine akute zerebrale Blutung ist eine schlecht zu behandelnde Form des Schlaganfalls. Häufig steigt der Blutdruck stark. Aufgrund der Ergebnisse der INTERACT*1-Studie wird empfohlen, den systolischen Blutdruck unter 140 mmHg zu senken. Nun wurde in INTERACT2 untersucht, welche Auswirkungen die aggressive frühe Blutdrucksenkung auf die Prognose hat.

In die randomisierte, offene Studie wurden 2 839 Patienten mit erhöhten Blutdruckwerten und spontanen intrazerebralen Blutungen rekrutiert, davon zwei Drittel in China. Die Patienten wurden binnen sechs Stunden nach dem initialen Ereignis randomisiert: Entweder sollte innerhalb einer Stunde ein systolischer Blutdruck von unter 140 mmHg erreicht werden, oder die Therapie sollte – leitlinienentsprechend – zu einem Blutdruckwert von unter 180 mmHg führen. Die Auswahl der hierzu erforderlichen Arzneimittel war dem behandelnden Arzt überlassen. Primärer Endpunkt waren Tod und schwere Behinderung, definiert als ein Wert zwischen 3 und 6 auf der modifizierten Rankin-Skala, nach 90 Tagen. Sekundärer Endpunkt war eine ordinale Auswertung der modifizierten Rankin-Skala. Von den auswertbaren 2 794 Patienten (Durchschnittsalter 63 Jahre) hatten 1 382 eine intensive blutdrucksenkende Therapie erhalten, 1 412 Patienten wurden nach Leitlinien behandelt.

Im Median vergingen zwischen Ereignis und Randomisierung 3,7 Stunden. Der systolische Blutdruck betrug bei Aufnahme im Mittel 180 mmHg. Bei intensiver Behandlung wurde überwiegend intravenös therapiert: am häufigsten mit α-Blockern wie Urapidil oder Kalziumkanalblockern wie Nicardipin oder Nimodipin.

Den primären Endpunkt erreichten in der intensiv behandelten Gruppe 52 %, unter Standardtherapie 55,6 % (Odds-Ratio [OR] 0,87, 95-%-Konfidenzintervall [KI] 0,75– 1,01, p = 0,06). „Die Studie verpasste knapp den primären Endpunkt“, kommentiert Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen. Dies bedeute aber nicht, dass die aggressive blutdrucksenkende Therapie gegenüber einer Standardtherapie bei erhöhten Blutdruckwerten von Patienten mit intrazerebralen Blutungen nicht wirksam sei. Die ordinale Analyse der modifizierten Rankin-Skala ergab einen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen mit einer OR von 0,87 (95-%-KI 0,77–1,00, p = 0,04). Die Sterblichkeit in beiden Gruppen war mit 11,9 % in der intensiv behandelten und mit 12 % in der normal behandelten Gruppe wiederum nicht unterschiedlich (OR 0,99, p = 0,96) und unerwünschte Wirkungen in beiden Gruppen ähnlich häufig.

Fazit: Nach den Ergebnissen der INTERACT2-Studie verringert eine rasche Blutdrucksenkung bei Patienten mit intrazerebraler Blutung das Risiko für Tod oder schwere Behinderung nicht signifikant im Vergleich zu einer mäßigen Blutdrucksenkung. Funktionelle Parameter wurden jedoch verbessert. „Die Studie war wahrscheinlich nicht ausreichend gepowert“, meint Diener. Auch sei fraglich, ob die Ergebnisse auf eine kaukasische Population zu übertragen sind, denn zwei Drittel der Patienten wurden in China rekrutiert. „Die Ergebnisse der INTERACT2-Studie stimmen mit den Empfehlungen der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie überein“, kommentiert Diener: „Auch hier wird bei intrazerebralen Blutungen eine aggressive antihypertensive Therapie empfohlen.“ Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

*INTERACT: Investigators in the second intensive blood pressure reduction in acute cerebral hemorrhage trial

  1. Anderson CS, et al.: Rapid blood-pressure lowering in patients with acute intracerebral hemorrhage. NEJM 2013; 368: 2355–65. MEDLINE
  2. www.dgn.org/images/stories/dgn/leitlinien/LL_2012/pdf/ll_28_2012_intrazerebrale_blutungen.pdf

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