ArchivDeutsches Ärzteblatt50/1998„Focus„-Listen: Umstrittene Wegweiser für Patienten

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„Focus„-Listen: Umstrittene Wegweiser für Patienten

Dtsch Arztebl 1998; 95(50): A-3192 / B-2704 / C-2511

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Das Magazin "Focus" hat kürzlich eine "Klinik-Liste" veröffentlicht. Mit der im Jahr 1997 erschienenen "großen Ärzte-Liste" beschäftigte sich das Oberlandesgericht München.
enötigen Patienten einen Wegweiser durch die bundesdeutschen Kliniken? Nützt ihnen eine Liste von Spezialisten? Ja - jedenfalls nach Auffassung des Münchener Nachrichtenmagazins "Focus". In der Einführung zu der kürzlich veröffentlichten "Klinik-Liste" heißt es in Ausgabe 42 der Zeitschrift: "Jedes Jahr müssen 15 Millionen Deutsche ins Krankenhaus, für sie bedeutet das eine fremde Welt mit eigener Sprache und unbekannten Spielregeln, die sie nicht verstehen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß die falsche Klinik einem Patienten ein schlechtes Behandlungsergebnis bescheren, ihn einige Lebensmonate oder sogar das Leben kosten kann. Neue Studien belegen, wie unterschiedlich die Qualität in Deutschlands Krankenhäusern ist." Für "Focus" war dies der Anlaß, eine Serie (Ausgaben 42 bis 46/1998) zu starten, die "den bislang umfangreichsten Vergleich von Kliniken in Deutschland vornimmt".
Auf heftige Kritik stieß diese "Klinik-Liste" bei der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer. Die größte Schwäche dieser vergleichenden Auflistung liege in der Methodik, warf der Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer, Dr. med. Hans Hege, der Zeitschrift vor. Er hält die Aussagekraft der "Hitliste" für begrenzt, da die Auswahl der Kliniken sowie der veröffentlichten Angaben willkürlich getroffen scheine. Die unter der Rubrik "allgemeine Angaben zur Klinik" angeführten Kriterien ließen keinerlei Rückschlüsse auf ein objektives Qualitätsurteil zu. So werde beispielsweise in der Münchener Universitätsklinik unter allgemeinen Bemerkungen eine "Gedächtnissprechstunde" angeboten, während bei den Fachbereichen Orthopädie und Urologie komplette Fehlanzeige herrsche. Bei anderen Krankenhäusern, wie etwa dem Münchener Städtischen Krankenhaus an der Thalkirchner Straße, klafften in der Liste durchgehend leere Felder - dennoch zähle es für das Magazin zu den empfohlenen Krankenhäusern. Andere nicht berücksichtigte Krankenhäuser hätten dagegen gar keine Chance gehabt, sich an der Umfrage zu beteiligen. Diese Beispiele zeigten eindeutig die Schlampigkeit in der Zusammenstellung und Darstellung der Liste, urteilte Hege. Sie gebe dem Patienten überhaupt keine sachgerechten Informationen.
Hege empfiehlt deshalb, "sich bei einer notwendigen Einweisung in ein Krankenhaus weiterhin auf das Wissen und die Erfahrung des Haus- oder Facharztes zu verlassen". Kliniklisten in der Manier einer sogenannten Verbraucherzentrale degradierten den Patienten zum Kunden und machten die Medizin zur Ware.
Ähnliche Bedenken hatte die Bayerische Ärztekammer auch gegen die im vergangenen Jahr (Ausgaben 39 und 40/1997) veröffentlichte "Die große Ärzteliste. 750 Empfehlungen, Spezialisten aus 67 Fachrichtungen" vorgetragen. Auch in diesem Fall vertrat die Kammer die Ansicht, daß die für die Auswahl herangezogenen Kriterien nicht geeignet seien, tatsächlich die besten Ärzte zu ermitteln. Es stelle eine sittenwidrige Förderung fremden Wettbewerbs dar, namentlich genannte Ärzte als die besten Ärzte Deutschlands in einer redaktionellen Berichterstattung zu bezeichnen, der keine aussagekräftigen Beurteilungskriterien zugrunde lägen. Zwar werde die Klassifizierung "die Besten" vermieden, für den Leser der Artikelserie könne jedoch kein Zweifel daran bestehen, daß ihm die besten Ärzte ihres Fachbereiches präsentiert werden sollten.
Eine Klage der Bayerischen Ärztekammer gegen die Liste wurde jedoch am 12. November in zweiter Instanz vom Oberlandesgericht München abgewiesen (Az.: 29 U 3251/98). Die Begründung des Gerichts: Es fehle an einer übermäßig werbenden Darstellung, die den Rahmen einer sachlichen Information über die Spezialisierung und die Qualifikation der Ärzte in Deutschland verlasse. Dem Leser werde keine anpreisende Bestenliste präsentiert, und die werbliche Darstellung der Qualitäten der in den Listen aufgeführten Fachärzte falle nicht unter den Begriff der "getarnten Werbung". Aus der Bezeichnung "Spezialisten" allein könne nicht eine Spitzengruppenstellung der in der Liste angeführten Ärzte gefolgert werden. Die verwendeten Beurteilungskriterien seien außerdem nachvollziehbar dargelegt worden.
Die Bayerische Lan­des­ärz­te­kam­mer erklärte, man werde die schriftliche Urteilsbegründung sorgfältig prüfen und gegebenenfalls Rechtsmittel beim Bundesgerichtshof einlegen. Gisela Klinkhammer
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