ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2013Kulturhauptstadt 2013: Košice – nie gehört?

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Kulturhauptstadt 2013: Košice – nie gehört?

PP 12, Ausgabe Oktober 2013, Seite 476

Goddemeier, Christof

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Die zweitgrößte Stadt der Slowakei ist vielen unbekannt. Der Titel „Kulturhauptstadt“ dürfte die Neugier auf einen Besuch wecken – zum Beispiel in der prächtig restaurierten Altstadt.

Alte Pracht: In den 1990er Jahren ließ der damalige Bürgermeister, Rudolf Schuster, die Altstadt von Košice komplett renovieren. Von der zweitgrößten Stadt Sloweniens aus ist es nicht mehr weit bis zur ukrainischen Grenze. Foto: picture alliance
Alte Pracht: In den 1990er Jahren ließ der damalige Bürgermeister, Rudolf Schuster, die Altstadt von Košice komplett renovieren. Von der zweitgrößten Stadt Sloweniens aus ist es nicht mehr weit bis zur ukrainischen Grenze. Foto: picture alliance

Marseille, in diesem Jahr EU-Kulturhauptstadt, kennt jeder. Den Namen der anderen EU- Kulturhauptstadt dieses Jahres wird mancher noch nie gehört haben. Dabei ist Košice, deutsch Kaschau, ungarisch Kassa, etwa 80 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt im Osten der Slowakei gelegen, nach der Hauptstadt Bratislava die zweitgrößte Stadt des Landes. Ungefähr 250 000 Menschen leben hier, nahe der historisch bedeutenden Region Zips und dem Nationalpark „Slowakisches Paradies“.

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Der Bahnhof ist eine Großbaustelle und wird gerade vollständig saniert. Ein Plakat heißt Ankommende auf Englisch willkommen, der Gruß in Slowakisch ist von einer Plane zum Teil verdeckt.

Ab dem 13. Jahrhundert war der Ort eine der Metropolen Europas. Etwa 300 Jahre später begann der Niedergang der damals oberungarischen Stadt. Erst kamen die Türken, dann die Habsburger. Versuche, sich von der habsburgischen Herrschaft zu befreien, scheiterten. Zwischen 1938 und 1945 gehörte Kassa wieder zum damals faschistischen Ungarn. Nach 1945 setzte man vor allem auf die Stahlindustrie. Heute ist der Konzern US-Steel mit etwa 16 000 Angestellten größter Arbeitgeber der Ostslowakei. Auch mit anderen ausländischen Firmen kooperiert man erfolgreich. So ist die Arbeitslosigkeit in Košice deutlich niedriger als im übrigen Osten des Landes, wo sie um die 30 Prozent liegt.

Der Marktplatz (Hlavné námestie) im Zentrum der Altstadt ist kein viereckiger Platz, sondern eine langgezogene Fußgängerzone, die sich mehrere Hundert Meter zwischen zwei Häuserzeilen mit prächtigen Gebäuden erstreckt. Ein Café reiht sich an das andere. Zwischen 1994 und 1999 ließ der damalige Bürgermeister Rudolf Schuster, später Präsident der Slowakei, die Altstadt komplett renovieren. Im südlichen Teil des Platzes stößt man auf den gotischen Elisabeth-Dom, Anfang des 16. Jahrhunderts fertiggestellt und die größte Kirche der Slowakei. Ein unbekannter Künstler gestaltete den Flügelaltar mit Szenen aus dem Leben der heiligen Elisabeth.

In einer Nebenstraße, der Mäsiarska, erinnert eine Ausstellung an den Schriftsteller Sándor Márai, der 1900 in Košice geboren wurde und hier aufwuchs. In seinem Werk kehrt er immer wieder in seine Geburtsstadt zurück. Eine Straßenecke weiter findet man Márai als Statue: Die Beine übereinandergeschlagen, sitzt der Dichter auf einem Stuhl. Wer möchte, kann ihm gegenüber auf einem leeren Stuhl Platz nehmen.

Die medizinische Fakultät und Poliklinik ist nach Louis Pasteur benannt und liegt im Westen der Stadt auf einem Hügel. Das riesige, graue Gebäude könnte etwas Farbe vertragen. Ein schwieriges Kapitel: Etwas weiter im Süden leben in einem slumartigen Stadtteil (Lunik 9) etwa 7 000 Roma. Ende der 80er Jahre hat man sie aus dem Zentrum an den Stadtrand umgesiedelt. Mit geschätzt 400 000 Menschen, circa 7,5 Prozent der Bevölkerung, stellen Sinti und Roma nach den Ungarn die zweitgrößte Minderheit des Landes. Seit der „Wende“ sind die meisten arbeitslos, die Integration in eine Marktwirtschaft fällt deutlich schwerer als in eine Planwirtschaft. Eine gute Nachricht: Das professionelle Košicer Roma-Theater kann auf mehr als 40 Produktionen verweisen.

Dass zum multikulturellen Konzept der EU-Kulturhauptstadt nicht nur Slowaken, Ungarn, Ruthenen, Ukrainer und Roma gehören, zeigt der „Retro Cult Club“ in der Kovácska mit einer „Brasilian Beach Party“: Ein Teil der Straße ist mit Sand bedeckt, und auf einem Podest tanzen vier knapp bekleidete Frauen mit Federschmuck Samba.

Christof Goddemeier

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