ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2013Internet-Psychotherapie: Digitales Unbehagen

EDITORIAL

Internet-Psychotherapie: Digitales Unbehagen

PP 12, Ausgabe Oktober 2013, Seite 433

Bühring, Petra

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Zugegebenermaßen hat mich das Online-Virus auch ergriffen: aufpoppende Eilmeldungen lesen, Mails sofort von überall beantworten, chatten, shoppen im Netz, schnell mal in Facebook gucken. Wenn es irgendwie langweilig wird, sind das smarte Phone, Tablet oder Pad schnell zur Hand. Zwischendurch könnte man ja auch mal kurz Therapie machen; die Apps dafür wird es wohl bald geben. Doch halt, bei Psychotherapie bin ich eher altmodisch: Die Kommunikation über den Daumen könnte für mich die real gefühlte Anwesenheit eines verständnisvollen Gegenübers nicht ersetzen.

So weit, so subjektiv. In Ländern, in denen Internettherapie, also komplett onlinebasierte Therapieprogramme, bereits zur Regelversorgung gehören, soll die Akzeptanz bei den Betroffenen sehr hoch sein. Das wurde bei einem Forum der Techniker-Krankenkasse (TK) zu dem Thema berichtet (siehe Artikel auf Seite 439). Auch gebe es hinsichtlich der Wirksamkeit keine signifikanten Unterschiede im Vergleich zu herkömmlichen Psychotherapieverfahren. Vergleichbare Effektgrößen hat ebenfalls eine Metaanalyse zu Online-Angeboten ergeben, die die auf Medien spezialisierte Psychologin Prof. Dr. Christiane Eichenberg angeschaut hat (siehe PP, Heft 8/2013). Bei dem TK-Forum waren sich alle – auch die Kritiker – einig, dass „schambesetzte“ Patienten, die sich wahrscheinlich nie in eine reguläre Psychotherapie begeben würden, auf jeden Fall von einer Internettherapie profitieren. Dass Online-Therapie insbesondere für „digital natives“ einen niederschwelligen Einstieg bieten kann, liegt auch nahe.

Ohne die wissenschaftliche Evaluation infrage stellen zu wollen, bleibt ein Unbehagen. Und nicht nur über die fehlende gemeinsame Anwesenheit in einem Raum, die fehlende Möglichkeit, den ganzen Menschen wahrzunehmen. Kritiker bezweifeln, dass online eine therapeutische Beziehung entstehen kann, dass überhaupt Veränderungsprozesse in Gang gesetzt werden können. Internet-Therapie-Enthusiasten wiederum betonen, dass auch dabei die therapeutische Beziehung wichtig ist.

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Unwohl oder teilweise sogar bedroht fühlen sich jedenfalls viele langjährig tätige Psychotherapeuten von dieser neuen Entwicklung. Bei einem Symposium zum 20-jährigen Bestehen des Verbands Psychologischer Psychotherapeuten Anfang September in Berlin, das die Zukunft der Psychotherapie zum Thema hatte, bestimmten nicht die hochkarätigen Beiträge der Referenten die anschließende Diskussion, sondern die Internet-Psychotherapie. Befürchtet wurde unter anderem, dass sie langfristig den Berufsstand überflüssig mache. Die Krankenkassen könnten, um Kosten zu senken, verstärkt auf virtuelle Therapeuten setzen. Diesen Vorwurf konnte die anwesende Vertreterin des Ersatzkassenverbandes, Sybille Malinke, nicht ausräumen, als sie davon sprach, es gehe nicht um Kostensenkung, sondern um „Ressourcenoptimierung“ in Zeiten von langen Wartelisten. Thomas Ballast von der TK wiederum hatte betont, nicht der Ersatz der herkömmlichen Psychotherapie sei die Intention, sondern eine Ergänzung.

Ob Bedrohung oder neue Möglichkeit – die Psychotherapeutenschaft muss sich mit den neuen digitalen Kommunikationsformen auseinandersetzen, sonst schreitet die Entwicklung ohne sie voran.

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