ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2013Stress in der Großstadt: Stadtplanung für gesunde Psyche

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Stress in der Großstadt: Stadtplanung für gesunde Psyche

PP 12, Ausgabe Oktober 2013, Seite 441

Ankowitsch, Eugenie

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Großstädter sind offenbar anfälliger für psychische Krankheiten. Neben genetischer Disposition spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle.

Foto: Fotolia/pio3
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Lärm, Verkehr, überall drängelnde Menschen: Das Leben in Großstädten kann sehr stressig sein. Und Stress, das vermuten Forscher schon länger, kann das Auftreten von Schizophrenien, Depressionen und Angststörungen begünstigen und deren Verlauf beeinflussen.

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Studien zeigen jedenfalls, dass das Schizophrenierisiko in der Stadt doppelt so hoch ist wie auf dem Land. Bei der Schizophrenie geht man sogar davon aus, dass die Stadtgröße eine signifikante Rolle spielt: Je größer sie ist, desto höher ist auch das Schizophrenierisiko. Die Wahrscheinlichkeit für Großstadtbewohner, eine Depression zu bekommen, liegt um etwa 40 Prozent höher, bei Angststörungen sind es 20 Prozent.

Dabei sind die Voraussetzungen eigentlich gut: Die Gesundheitsversorgung in Städten ist besser als auf dem Land, die kulturelle und gesellschaftliche Vielfalt steigert die Lebensqualität, und Städte bieten besonders viele Möglichkeiten, sich frei zu entfalten. Welche Faktoren des Stadtlebens für die Psyche wirklich schädlich sind, ist noch äußerst unklar. Allein aufgrund der dramatisch zugenommenen Verstädterung der Welt besteht auf diesem Gebiet aber ein dringender Forschungsbedarf. Lebte vor 60 Jahren noch weniger als ein Drittel der Weltbevölkerung in Metropolen, ist es heute mehr als die Hälfte.

„Neurourbanismus“

„Stress im urbanen Kontext ist sozialer Stress“, sagte Mazda Adli, ärztlicher Leiter der Berliner Fliedner Klinik, bei einer Diskussion über die psychische Gesundheit in einer Großstadt Ende August in Berlin. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie vermutet, dass die Mischung aus sozialer Dichte und sozialer Isolierung toxisch ist und den Stadtstress ausmacht. Dieser Stress werde vor allem dann gesundheitsrelevant, wenn der Einzelne sich nicht nur räumlich eingeengt und zugleich isoliert fühlt, sondern auch das Gefühl hat, sein eigenes Leben nicht im Griff zu haben und seine Umgebung nicht kontrollieren zu können.

Um zu erkennen, welche Faktoren des Stadtlebens der Gesundheit schaden und welche ihr nutzen, plädierte Adli für eine neue wissenschaftliche Disziplin, die eine enge Zusammenarbeit zwischen Stadtplanern und Architekten einerseits und Neurowissenschaftlern und Psychiatern auf der anderen Seite fördert, und zwar im Austausch mit der Gesundheits- und Sozialpolitik: einen „Neurourbanismus“. Die Erkenntnisse der Neurowissenschaftler sollen demzufolge einem Stadtplaner helfen, die Auswirkung seiner Arbeit auf das psychische Wohlbefinden von Stadtbewohnern besser einzuschätzen. Und umgekehrt soll deren Wissen darüber, welche Möglichkeiten der Vorbeugung seelischer Erkrankungen sich aus der Stadtplanung ergeben und welche Limits es dort gibt, die Arbeit der Psychiater bereichern.

Der Architekt, Jürgen Mayer H., meint, dass eine stimulierende Stadt, die für die Psyche gut ist, eine Balance zwischen Monotonie und Überreizung, Bequemlichkeit und Komfort, Dichte und Naturerleben sowie zwischen lokaler Identität und Interkulturalität bietet.

Breitere Bürgersteige, eine Sitzbank vorm Haus, mehr Grünflächen, möglichst unverbaute Aussicht sind auch aus Sicht von Adli nur einige Bestandteile einer gesundheitsfördernden Umgebung. Noch wichtiger sei aber, Begegnungsmöglichkeiten anzubieten. „Jeder Plausch mit den Nachbarn tut gut. Ein Park, in dem gegrillt wird, bringt mehr als eine perfekte Grünanlage“, betonte der Facharzt.

Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, Prof. Florian Holsboer, bezeichnete dagegen die Diskussion über die schädlichen Einflüsse des Stadtlebens auf die Psyche als überbewertet. Wer sich für ein Leben in einer Großstadt entscheidet und die Chancen, die sie bietet, nutzen will, müsse sich eben seines individuellen Gesundheitsrisikos bewusst sein.

Eugenie Ankowitsch

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