ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2013Psychotherapie und Psychoanalyse: Auf der Suche nach dem stimmigen Ton

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Psychotherapie und Psychoanalyse: Auf der Suche nach dem stimmigen Ton

PP 12, Ausgabe Oktober 2013, Seite 452

Moser, Tilmann

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Wimmern und Schreien sind Urlaute der Selbstäußerung. Hinter den schambesetzten Tönen steckt oftmals viel Leid. Der Psychotherapeut oder Analytiker kann den Patienten während der Sitzung zu ihnen ermutigen und ihn unterstützen.

Nur durch die eigene Rührung erkennt der Therapeut oft, wie viel nie wirklich ausgedrücktes Leid sich vorsichtig Bahn brechen will. Foto: iStockphoto
Nur durch die eigene Rührung erkennt der Therapeut oft, wie viel nie wirklich ausgedrücktes Leid sich vorsichtig Bahn brechen will. Foto: iStockphoto

Welche Signalsysteme stehen dem Säugling, der seit wenigen Jahrzehnten als der „Kompetente“ gilt, zur Verfügung, um seine Bedürfnisse und Stimmungen auszudrücken und Pflegepersonen zur richtigen Einfühlung und zum passenden Verhalten zu veranlassen? Die ziemlich bald entwaffnend reiche Mimik, sein Bewegungsrepertoire und die Stimme. Der Psychoanalytiker und Affektforscher Rainer Krause hat in der jüngsten Auflage seines großen Lehrbuchs (1) viel eigenes und fremdes Material einschließlich anschaulicher Bebilderung zusammengetragen.

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Mütter wachen aus dem Tiefschlaf auf und eilen an die Wiege, wenn ihr Säugling oder Kleinkind sowohl harmlose wie mahnende oder beunruhigende Laute von sich gibt. Die verschiedenen Ausdruckswerte könnten auch die Lehrbücher der Schauspielkunst zieren, wenn es um die Präzision des Ausdrucks von Affekten geht.

Auch Psychotherapeuten und Psychoanalytiker sind es gewohnt, auf die Stimmqualitäten der verbalen Mitteilungen ihrer Patienten zu achten und deren Stimmung über den rein intellektuellen Gehalt hinaus zu entziffern. Dies umso mehr, wenn es, wie bei den klassischen Freudianern, in der Regel nur um den Austausch von Worten gehen soll.

Handlungssprache „Tönung“

Inzwischen weiß man, dass auch die „Tönung“ zu den wichtigen Kommunikationsinhalten gehört, zur sogenannten Handlungssprache, die die verbale Bedeutungssprache orchestriert: konkordant, wenn Inhalt und Tonlage übereinstimmen, diskordant, wenn Worte und Stimmlage sich auf ganz verschiedenen Ebenen bewegen, sich sogar widersprechen. Auch die ans vorwiegend Verbale glaubenden Kollegen haben ihr akustisches Sensorium verfeinert und können am Stimmklang die Regressionsebenen erkennen und sich darauf einstellen, manchmal sogar stimmlich auf ähnlicher Ebene darauf eingehen, um den Einklang der Einfühlung zu signalisieren.

Die analytische Körperpsychotherapie mit ihrem viel präziseren Umgang mit Regression und ihrer Gewohnheit einer auch psychosomatischen Introspektion in ihre eigenen Begleitempfindungen ermutigt nun auch den regredierten Patienten zur stimmlichen Selbsterforschung, was zunächst auf eine erhebliche Schamschranke trifft. Auf die Frage: „Welcher Ton könnte zu dieser Empfindung oder Erinnerung gehören?“, kommt oft die Antwort: „Laute und Geräusche zu machen, ist mir zu peinlich, erst recht auf Kommando.“ Trotzdem „entfährt“ ihnen manchmal unbewusst ein Laut, ein Stöhnen, die Vorstufe eines kurzen Aufschreis, ein angedeutetes Wimmern oder ein lautes Weinen, und manche versuchen den Laut rasch wieder ungeschehen zu machen, eben aus der Scham heraus, der Laut könnte zu viel verraten oder schon der Beginn eines Kontrollverlustes sein.

Aus kurzer Erfahrung mit der Atemtherapie erinnere ich mich an die Aufforderung, einmal kräftig willentlich zu stöhnen, und siehe da, nach der Überwindung der Scham und des Trotzes fand ich einen Zugang zu Erschöpfung, Trauer oder Kränkung, und es ergab neuen Stoff für die seelische Weiterbehandlung der zunächst nur lautlichen Botschaft. Eine Zufallsäußerung: „Ach, stöhnen durfte bei uns nur die Mutter oder der Opa.“ Oder: „Schreien war natürlich total tabu, bis auf die jeweils privilegierten Säuglinge, deren Gezeter mir früh den Schlaf verderben konnte.“ Oder: „Wenn ich mal gewimmert habe vor Schmerzen, hieß es oft gleich: ,Stell dich nicht so an! So kalt ist es nun auch wieder nicht.!‘ Dann habe ich eben nicht mehr gewimmert. Besonders mein Vater konnte Wimmern nicht vertragen, auch wenn ich krank war nicht.“

Kindliche Lautgebung

Und so entdeckt man Landschaften des Umgangs mit kindlicher (wie auch erwachsener) Lautgebung in der Familie. Die oft auch averbalen, aber umso eindringlicheren Botschaften sind verinnerlicht und sogar zu Geboten geworden, am bekanntesten der unbarmherzige Imperativ „Ein deutscher Junge weint nicht!“.

Es gibt oft unabweisliche Anzeichen, am deutlichsten vielleicht bei lange zurückgehaltener Wut, dass ein Schrei in der Kehle steckt. Eine mögliche Vorgangsweise ist die folgende: Der eigene Eindruck ist umso unabweislicher, wenn wir in der körpertherapeutischen Einfühlung selbst die Verkrampfung im Hals spüren; andererseits kann es aber auch aus anderen Gründen, etwa des Übertragungsstandes oder einer quälenden Erinnerung die Vermutung eines gestauten Schreis geben: Darauf die vorsichtige Frage: „Können Sie sich vorstellen, diesen Schrei einmal zuzulassen?“ Dann erscheint das Panorama der Ängste und Verbote, halbwegs auf der Realitätsebene die Frage nach den Praxis- oder Hausnachbarn; dann die Scham, die Angst vor dem Kontrollverlust, der Schrillheit, dem hilflosen Krächzen, das nur zum Vorschein käme, und so weiter, wahrlich ein Panorama von Angst, Trotz und Widerstand.

Oft ist eine individuelle Variation der Ermutigung und der Überzeugungsbildung nötig, um die inneren Barrieren zu überwinden. Aber wenn es dann gelingt, folgen Erstaunen und Erleichterung, nach der unvermeidlichen nachträglichen Befangenheit auch ein Triumphgefühl und die Frage: „Darf ich noch mal schreien?“ und die halb lustige, halb drohende Feststellung: „Das war aber noch längst nicht alles!“ Mit einiger Erfahrung kann man sogar abschätzen, wie vorsichtig die Lautstärke noch gehandhabt wird. Für mich erwies es sich als hilfreich zu sagen: „Das waren immerhin schon 50 Prozent dessen, was ich in Ihrer Kehle vermute.“ Man lernt dann auch zu unterscheiden oder fragend zu erkunden, ob es sich um die elementare Wut des Säuglings gegen die Mutter handle, oder ob sich ein Bild des Vaters einstelle, oder eines Lehrers oder eines Chefs, oder, was noch mehr Überwindung kostet, auch einer schon erwachsenen depressiven Mutter, die die Familie durch ihre Klagen in Schach gehalten hat.

So viel zum Schrei. Auf dem Gegenpol hören wir verstohlene Ansätze eines Wimmerns, das der lang bewährten Lautzensur entschlüpfte. Auch hier braucht es oft Ermutigung, solche schambesetzten Töne einmal zuzulassen. Und dann staunt man auch hier über die vielen Variationen des Wimmerns, an Lautstärke, wenn man von Stärke überhaupt reden will, weil manches Wimmern ja in fast stummem Leid in die Kissen ging, oder an Formen des Atemverhaltens, der angestrengten Unterdrückungsversuche, und dann des vorsichtigen, schon mutigeren Ausprobierens dessen, was angemessen wäre für die fast noch unerkennbaren Gefühle, die eben oft erst durch den stimmlichen Ausdruck wirklich kenntlich werden. Nur durch die eigene Rührung erkennt man als Therapeut oft, wie viel nie wirklich ausgedrücktes Leid sich da vorsichtig Bahn brechen will in den Ausdruck: nie mitgeteiltes Elend, das dann den ganzen Körper erfassen kann und manchmal in erschütterndes Weinen mündet.

Wimmern und Schreien sind Urlaute der Selbstäußerung, und wenn wir uns einer Therapie nähern, müssen wir wissen, dass die Patienten ein jahre-, vielleicht lebenslanges Schicksal hinter sich haben. Der Janov-Boom mit dem Urschrei als letztem therapeutischem Erlösungsschrei ist längst vergangen, aber einige Körpertherapieformen konnten das Brauchbare herausfiltern aus seinem damaligen missionarischen Halbwahn und verzichten auf das drängende Pushen, dem ich in meinen therapeutischen Selbstversuchen noch ausgesetzt war. Aber auch der weitgehend klassisch arbeitende Analytiker darf zum Schreien oder Wimmern ermutigen, hilfreich wäre es natürlich, wenn er beides in einem Stück Selbsterfahrung hätte erleben oder erproben dürfen.

Maske des falschen Selbst

Die Ermutigung zum Wimmern wird eher sanft sein müssen als die zum Schreien, die vitaler klingen darf. Hier ist eher subtile Ermutigung wichtig, ein vorsichtiges Mit-Laut-Geben, das signalisiert: Ich kann den Schmerz spüren, aus dem diese Töne kommen. Manchmal braucht es nur ein vorsichtiges Brummen oder Summen als ausreichendes Echo, das Raum bietet für das, was man durchaus als ein Experimentieren auf der Suche nach dem stimmigen Laut bezeichnen kann. Das Wort Experimentieren schafft eine Erlaubnis und eine Solidarität des gemeinsamen Forschens nach dem „echten“ oder authentischen Ton. Gleichzeitig kann es der Beginn des Ausstiegs sein aus der Maske des falschen Selbst, die auch durch den Verschluss vor dem Schrei im Hals oder dem Wimmern gehütet und gefestigt gewesen sein kann.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2013; 12(10): 452–3

Anschrift des Verfassers
Tilmann Moser
Aumattenweg 3
79117 Freiburg

1.
Krause R: Allgemeine psychodynamische Behandlungs- und Krankheitslehre. Kohlhammer Verlag, 2012.
1.Krause R: Allgemeine psychodynamische Behandlungs- und Krankheitslehre. Kohlhammer Verlag, 2012.

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