ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2013Trennungsangststörung im Erwachsenenalter: Häufig nicht erkannt

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Trennungsangststörung im Erwachsenenalter: Häufig nicht erkannt

Sonnenmoser, Marion

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Von der entwicklungsbedingten Trennungsangst im Kindesalter unterscheidet sie sich dadurch, dass sie nicht mehr funktional im Sinne der Überlebensicherung ist. Bislang ist die Trennungsangststörung bei Erwachsenen nur wenig erforscht.

Kleine Kinder fangen an zu weinen, wenn sie von einer Bezugsperson getrennt werden. Ihre Reaktion ist durchaus funktional, denn sie sichert ihnen das Überleben. Im Verlauf der Kindheit und Jugend lernen die meisten Menschen jedoch, mit Trennungen umzugehen, so dass sich die anfängliche Trennungsangst weitgehend verliert.

Da Trennungsangst im Kindesalter weit verbreitet ist, ist sie auch gut beschrieben und erforscht. Es ist jedoch weniger bekannt, dass auch Erwachsene unter Trennungsangst leiden. Sie unterscheidet sich von der normalen, entwicklungsbedingten Trennungsangst im Kindesalter dadurch, dass sie nicht mehr funktional im Sinne der Überlebenssicherung ist; außerdem wächst sie sich nicht aus, sondern persistiert und hat den Charakter einer Störung. Man spricht deshalb von einer Trennungsangststörung.

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Das Hauptsymptom der Störung besteht in einer übermäßigen Angst, von wichtigen Personen getrennt oder verlassen zu werden. Während diese wichtigen Personen im Kindesalter in der Regel die Eltern sind, bezieht sich die Trennungsangst im Erwachsenenalter auf Partner, Familienmitglieder und Freunde.

Die Ursachen sind vielfältig. So geht man beispielsweise von einem starken genetischen Einfluss aus. Darüber hinaus spielen der Bindungs- und Erziehungsstil sowie Interaktionen und Konflikte in der Herkunftsfamilie, Modelllernen, Traumata und Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle. In manchen Fällen setzt sich die Störung von der Kindheit ins Erwachsenenalter fort. Ausgelöst wird sie häufig durch einen drohenden oder erlebten Verlust einer wichtigen Person, zum Beispiel infolge einer Scheidung oder eines Todesfalls.

„Das Leben mit der Störung ist belastend und voller Einschränkungen“, sagen klinische Psychologen um Susan Bögels von der University of Amsterdam, Niederlande. Untersuchungen zeigen, dass die Mehrzahl der Betroffenen alleine lebt und dass ihre Beziehungen häufig scheitern. Viele sind zudem nicht in der Lage, einem Beruf nachzugehen und ihren Alltag zu regeln. Die Betroffenen leiden unter ausgeprägten Ängsten, Sorgen und Panikattacken, Schlafstörungen sowie Zwangsgedanken und -handlungen. Sie sind davon überzeugt, nicht ohne eine bestimmte Person leben zu können, und empfinden ihre Lebensqualität als stark beeinträchtigt, wenn sie auch nur für kurze Zeit von dieser Person getrennt sind. Darüber hinaus weisen die meisten zusätzliche psychische Störungen auf, wie Angst- und Persönlichkeitsstörungen, bipolare und Zwangsstörungen, Depressionen und Suchterkrankungen.

Die Trennungsangststörung im Erwachsenenalter wird oft nicht erkannt. Stattdessen werden Diagnosen wie „Depression“ oder „Angststörung“ gestellt, mit der Folge, dass keine Behandlung stattfindet oder eine Fehlbehandlung erfolgt. Dies kann jedoch dazu führen, dass die Behandlung komorbider Störungen scheitert oder dass der Ausbruch von psychischen Erkrankungen, wie etwa Depressionen, Angststörungen oder Schizophrenie, wahrscheinlicher wird. „Die Trennungsangststörung scheint ein Vulnerabilitätsfaktor für alle Arten psychischer Störungen zu sein“, meint die Psychiaterin Prof. Dr. Katherine Shear von der Columbia University, USA.

Die Trennungsangststörung zeigt sich in Ausprägungen, die nicht immer direkt auf die Erkrankungen schließen lassen. So kann zum Beispiel mit einer übermäßig strengen Erziehung eines Kindes beabsichtigt werden, über dessen Leben umfassend zu bestimmen, damit es nicht eines Tages eigene Wege geht. Die Angst vor einer Trennung kann zudem Eifersucht auf den Partner hervorrufen, die sich in irrationalen Verdächtigungen, Klammern und übertriebenem Kontrollverhalten ausdrückt. Auch die Unfähigkeit, sich als Erwachsener von seinen Eltern zu trennen und ein eigenes Leben zu beginnen oder das Älterwerden und Sterben der Eltern zu akzeptieren, kann als Ausdruck der Erkrankung angesehen werden. Die Störung kann außerdem zur Folge haben, dass Menschen in Beziehungen bleiben, die ihnen schaden. Darüber hinaus kann sich die Trennungsangststörung in dem zwanghaften Bedürfnis zeigen, alles mit dem Partner oder Freund gemeinsam machen zu wollen, mit der Folge, dass die Betroffenen häufig an Aktivitäten der Bezugsperson teilnehmen müssen, die sie eigentlich nicht interessieren, oder dass sich die Partner oder Freunde durch zu viel Nähe erdrückt fühlen – viele Partnerschaften und Freundschaften halten dies auf Dauer nicht aus.

Die Trennungsangststörung ist zu den Angst- und Panikstörungen zu rechnen. Etwa ein Drittel der Erwachsenen leidet bereits seit der Kindheit darunter, bei zwei Dritteln der Betroffenen tritt die Erkrankung jedoch erst im Erwachsenenalter auf. Dies ist eine Besonderheit, denn die meisten Angststörungen beginnen bereits in der Kindheit. Es sind mehr Frauen als Männer betroffen.

Shear und ihre Kollegen ermittelten mit Hilfe einer repräsentativen Umfrage in der US-amerikanischen Bevölkerung, dass etwa 6,6 Prozent aller Erwachsenen mindestens einmal im Leben unter der Störung leiden, das heißt, dass vermutlich Millionen von Erwachsenen weltweit gelegentlich oder dauerhaft davon betroffen sind. Allerdings ist dies noch kaum ins Bewusstsein von Wissenschaftlern, Ärzten oder Psychotherapeuten gerückt, denn die Trennungsangststörung im Erwachsenenalter wurde bisher nur wenig erforscht, und es gibt auch noch keine spezifischen Behandlungen oder Therapiemanuale. Stattdessen wird experimentiert, beispielsweise mit Psychopharmaka (unter anderem Antidepressiva), kognitiv-behavioralen Verfahren (unter anderem Exposure, systematische Desensibilisierung) oder Entspannungsverfahren. Allerdings gibt es Hinweise, dass viele Patienten auf diese herkömmlichen Verfahren der Angstbehandlung nicht besonders gut ansprechen. Es führt also kein Weg daran vorbei, die Trennungsangststörung im Erwachsenenalter stärker als bisher zu beachten und entsprechende Interventionen zu entwickeln.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Bögels S, Knappe S, Clark LA: Adult separation anxiety disorder in DSM-5. Clinical Psychology Review 2013; 33: 663–74 CrossRef MEDLINE
2.
Kins E, Soenens B, Beyers W: Separation anxiety in families with emerging adults. Journal of Family Psychology 2013; 27: 495–505 CrossRef MEDLINE
3.
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